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Medien & TV Bambule in der thüringischen Provinz
Nachrichten Medien & TV Bambule in der thüringischen Provinz
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15:18 26.12.2013
Von Imre Grimm
Ermitteln gemeinsam in Weimar: Nora Tschirner und Christian Ulmen. Quelle: MDR
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Weimar

Bambule in der thüringischen Provinz: Ein spinnerter Erpresser fordert eine Million Euro, einen Helikopter und eine Pizza. Belag egal. Er hat sich im Rathaus von Weimar verschanzt und hält der hochschwangeren Kommissarin Kira Dorn (Nora Tschirner) eine Knarre an den Kopf – da passt es gar nicht, dass ausgerechnet jetzt der neue Kollege aus Hamburg mit seinem Wohnmobil auf den Marktplatz rumpelt. Keine zwei Minuten im Dienst, und Lessing (Christian Ulmen) ist mittendrin im Chaos – als mutigster Pizzabote Mitteldeutschlands.

Tschirner und Ulmen gemeinsam im „Tatort“. Das klang erst mal nach einem Experiment, das auch schiefgehen kann: zwei Kinostars als MDR-Ermittler, zwei Chefironiker der jüngeren deutschen Kulturszene in einem Plüschformat, das eher Geleebanane und Erfrischungsstäbchen ist als Mate-Cola und Ciabatta. Passt das? Geht das? Und siehe da: Das geht. Das geht sogar ganz ausgezeichnet.

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Premiere in der ARD am 2. Weihnachtstag: Der "Tatort" in Weimar mit Nora Tschirner und Christian Ulmen als Kommissare.

Tschirner gibt (wie immer) die toughe Kumpeline im Parka – tiefenentspannt, pragmatisch und rotzcool („Och Lessing,  nicht so halbschwanger, bitte!“). Und Ulmen gibt (wie immer) den kauzigen, leicht verwubbten Jungschrat und Statistikfuchs mit Tendenz zum Klugscheißertum („Was ist’n das für ‘ne Kaugummisorte? ,Toter Schlumpf‘?“). Tschirner spielt Tschirner, Ulmen spielt Ulmen. Ist ja auch kein Wunder: Es sind die Rollen ihres Lebens. Man weiß, dass beide ein Dreamteam sind: aus dem Kinofilm „FC Venus“, aus ihrer MTV-Zeit. Und man wartet den halben Film darauf, dass sie ihn – wie damals in der Show „Ulmens Auftrag“ – wieder „Christoph Ulmen“ nennt und er sie „Norma Tschirnau“.

Lessing zur schwangeren Kollegin in Lebensgefahr: „Alles in Ordnung?“

Dorn: „Der Arzt sagt ja.“

Lessing: „Was wird es denn?“

Dorn: „Egal. Hauptsache, der Junge ist gesund.“

Der Witz ist: Sie überreißen’s nicht. „Die fette Hoppe“ ist kein überdrehter Comedy-„Tatort“ und schon gar kein klamaukiges Volkstheater wie gelegentlich bei den viel gerühmten Kollegen aus Münster. Der Film erzählt einfach einen angenehm konventionellen Fall mit zwei Fachleuten für krampflose Schlagfertigkeit. Das ist ja oft am unterhaltsamsten: wenn es gar nicht zwanghaft lustig sein will. Dass es funktioniert, liegt erstens am pointierten (zum Glück nicht komplett kalauerfreien) Drehbuch von Murmel Clausen und Andreas Pflüger („Das ist Messing, Lessing!“) – und zweitens natürlich am perfekten Ping-Pong-Spiel von Tschirner und Ulmen.

Tatort“ mit überraschender Wendung

Im Fußball würde man von blinden Pässen sprechen, im Fernsehen von präzisem Timing. Das muss man erst mal schaffen, dass Pausen zwischen den Dialogen witziger sind als der Text. Das geht nur, wenn die Chemie stimmt. Und: Lustige Frauen sind noch immer selten. „Wir sind oft lieber niedlich, süß und duftend als lustig“, sagte Tschirner jüngst in einem Interview. Darauf Ulmen: „Wobei Nora niedlich, süß, duftend und witzig ist.“ Klare Sache: Die mögen sich. Da klingt der Drehbuchsatz „Ich hab’ uns noch was ausgedruckt“ irgendwie nach „Ich hab’ uns noch was aufgewärmt“.

Fast könnte man denken, die Instant-Vertrautheit der neuen Kollegen sei etwas unglaubwürdig, aber das klärt sich auf. Die Story selbst hält sauber die Balance zwischen regionalen Putzigkeiten und universellem Kriminalfall. Es geht um, nun ja, die Wurst: Die Weimarer Wurstkönigin Brigitte Hoppe (Elke Wieditz) ist ermordet worden, Inhaberin der größten Wurstfabrik weit und breit, die den Thüringer Bestseller „Fette Hoppe“ produziert. Welche Rolle spielt das verklemmte Muttersöhnchen Sigmar (schön schmierig: Stephan Grossmann)? Was will dessen männerfressende Freundin Nadine Reuter (Palina Rojinski)? Und was weiß der Kutscher Caspar Bogdanski (Dominique Horwitz) mit seiner verrätselten Tochter Lotte (Klara Deutschmann)? Und ist in diesem Deutschlehrer-Disneyland namens Weimar eigentlich jeder irgendwann mit jedem in die Schule gegangen?

Ausgerechnet Ulmen und Tschirner also liefern unter der Regie von Franziska Meletzky mal wieder einen wohltuend klassischen Whodunnit-„Tatort“ ab – mit einer überraschenden Wendung, die den Neustart endgültig zum Volltreffer macht. Zwei kleine Premieren gibt’s zusätzlich: die erste „Tatort“-Verfolgungsjagd per Pferdekutsche und die erste selbstreferenzielle Erwähnung des „Tatorts“ im „Tatort“. Zunächst war der Tschirner-Ulmen-Coup aus Weimar als einmaliges Weihnachtsspecial gedacht. Den ARD-Verantwortlichen aber gefiel die Sache. Ein zweiter Dorn-Lessing-„Tatort“ ist in der Entwicklung. Auf diesem Humorlevel kann es gerne weitergehen.

„Es ist keine ,Tatort‘-Persiflage“, sagte Tschirner jüngst bei „tv total“. „Wir haben mal was ganz Gewagtes gemacht: Es geht um einen Mord.“ Nur so viel: Für Vegetarier ist es kein Film.

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