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Medien & TV Die Kinderzimmer-Künstler
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00:15 23.03.2014
Von Imre Grimm
Nur hören, nicht gucken: Die drei Juroren Henning Wehland (l.), Lena Meyer-Landrut (2.v.l.) und Johannes Strate (2.v.r.) suchen junge Gesangstalente. Quelle: Sat1
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Vanessa ist acht. Sie trägt ein pinkfarbenes Shirt, die Haare brav zum Zopf geflochten. Aber dann singt sie – und plötzlich „performt“ sie wie eine Mini-Beyoncé, gefangen im Körper einer Bibi-Blocksberg-Hörerin. „You’re Gonna Miss Me When I’m Gone!“ singt sie, den „Cup Song“ aus dem Film „Pitch Perfect“, einem dieser Kinohits, in denen hippe ältere Mädchen mit Sonnenbrillen jüngeren Mädchen mit Zahnspange Coolness beibringen.

Ein irritierendes Selbstbewusstsein umweht die acht- bis 14-jährigen Kandidaten der Kindercastingshow „The Voice Kids“, die am Freitagabend um 20.15 Uhr in SAT.1 in die zweite Runde geht. Es ist das Selbstbewusstsein der Generation Karaoke-Mikrofon, die das spielerische Pop-Posing vor dem Spiegel übt, seit sie stehen kann. Das sind nicht mehr die süßen Kinderlein, die schüchtern und mit roten Bäckchen in Michael Schanzes Glitzermikrofon „Ein Jäger aus Kurpfalz“ hauchten. Die in der „Mini Playback Show“ bei RTL damals hinter die „Zaubertür“ huschten, um als Zwergvariante von Tina Turner wiederaufzutauchen.

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Nein, die 80 Kandidaten bei „The Voice Kids“ gehören nicht zu denen, die sich schüchtern hinter Mama wegducken, ein Jo-Jo in der linken und ein Waldmeister-Wassereis in der rechten Hand. Kleine Halbprofis sind viele von ihnen inzwischen, beflügelt von einem mitunter strapaziösen Sendungsbewusstsein. Die 13-jährige Lene etwa, die Avril Lavignes „Let Me Go“ singt, als habe sie ihr halbes Leben bei Rock am Ring verbracht. Oder der zehnjährige Salvatore, der mit der Theatralik eines Musicaltänzers über die Bühne stolziert. Oder die 14-jährige Carlotta Truman aus Hannover, die sich schon seit Jahren als „rockende Pippi Langstrumpf“ vermarktet, eigene Homepage inklusive („Sie verkörpert den modernen, frechen Spirit.“).

Elternehrgeiz hinter der Bühne

Der Fall Justin Bieber hat diesen Kindern gezeigt, dass eine Webcam im Schlafzimmer und konsequente Niedlichkeit gelegentlich genügen, um ein Star zu werden. Ein „schönes Spiegelbild dieser Entwicklung“ sei die Show, findet Juror Henning Wehland (42). „Wir haben den großen Luxus, hier die Crème de la Crème dieser Generation zu hören.“ Gemeinsam mit Neuzugang und Revolverheld-Frontmann Johannes Strate (34) – der in der neuen Staffel Tim Bendzko ablöst – sowie Eurovisions-Siegerin Lena Meyer-Landrut (22) balgt sich Wehland spielerisch um die besten Talente.

Der Sieger der Show bekommt einen Ausbildungsvertrag in Höhe von 15 000 Euro und einen Plattenvertrag – falls Kinder und Eltern denn wollen. Daran dürfte, gemessen am Elternehrgeiz hinter der Bühne, kein Zweifel bestehen.

Eisern betont man, dass es natürlich um „Spaß“ gehe, um „Authentizität“ Wie die Erwachsenenausgabe „The Voice“ verkauft sich die Kids-Variante als Gegenprodukt zur bohlenschen Kinderbeschimpfung bei RTL. Mit einer glücksbesoffenen Melodramatik freilich, die noch die letzte emotionale Regung aus jeder Szene presst. Da wird geschluchzt und gebibbert, da hat man „Gänsehaut am ganzen Körper“, da laufen die Tränen, und alles ist voll Gefühl, Gefühl, Gefühl.

Der konsequent positivistische Ansatz kommt an: Bis zu 22,3 Prozent Marktanteil hatte die erste Staffel. 4,36 Millionen Zuschauer sahen die Auftaktshow. Zum Finale freilich ließ das Interesse 2013 deutlich nach: 2,92 Millionen Zuschauer sahen den Sieg der zwölfjährigen Schweizerin Michèle.

Kinder als mächtige Zielgruppe

The Voice Kids“ funktioniert gleich auf mehreren Ebenen: Auf der emotionalen Ebene symbolisiert die Show den Grundkonflikt jedes Erwachsenwerdens – den Spagat zwischen dem Sprung ins Ungewisse und dem sicheren Schutzraum der Kindheit. Ganz nebenbei ist das Format das perfekte Werbeumfeld für Überraschungseier, Erdbeer-Tic-Tacs und Lipgloss – gerade ist Jurorin Lena Meyer-Landrut Werbefigur einer großen Kosmetikmarke geworden.

Und drittens bereitet „The Voice Kids“ den Boden für einen Trend, der allmählich auch den deutschen Entertainmentzirkus erreicht: Der Kindermedienmarkt für Hörspiele, Shows, CDs, Filme und Bücher verlangt ständig nach frischen Identifikationsfiguren, um die sich ein kleiner Merchandisingkosmos spinnen lässt – und generiert sich den Shownachwuchs einfach selbst. Der Disney Channel macht es seit Jahrzehnten vor – Kindershows als tragfähiges Karrieresprungbrett für Glamourpersonal wie Britney Spears, Selena Gomez, Justin Timberlake und Christina Aguilera, das mit den Fans altert.

Vor einem Jahr gewann die völlig unbekannte 16-jährige Lina Larissa Strahl mit ihrem Song „Freakin’ Out“ den KI.KA-Wettbewerb „Dein Song“. Und jetzt, ein Jahr später, ist sie im Kino zu sehen – als Hexen-Hauptdarstellerin in Detlev Bucks Film „Bibi & Tina“. In Deutschland leben 5,9 Millionen Kinder im Alter zwischen sechs und 13 Jahren. Sie bekommen im Schnitt pro Monat 27,56 Euro Taschengeld. Insgesamt verfügen deutsche Minderjährige jährlich über zwei Milliarden Euro. Kinder sind eine mächtige Zielgruppe. Und niemand kann so gut entscheiden, wen oder was Kinder sehen wollen, wie Kinder selbst. Die Industrie ist lernfähig genug, diesen Effekt zu nutzen. Jawohl, diese Kinder können singen. Aber hier geht’s nicht bloß um Musik.

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