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Medien & TV Thomas Gottschalk steigt bei „Wetten, dass ...?“ aus
Nachrichten Medien & TV Thomas Gottschalk steigt bei „Wetten, dass ...?“ aus
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19:46 13.02.2011
Von Imre Grimm
Komoderatorin Michelle Hunziker bleibt – aber wer ab 2012 statt Thomas Gottschalk an ihrer Seite „Wetten, dass ...?“ präsentiert, ist offen. Quelle: dpa

Noch einmal ist ihm ein Knalleffekt gelungen, ein Paukenschlag. Noch einmal ist „Wetten, dass ...?“ in aller Munde – fast so wie früher. Ausgerechnet die Frage nach Thomas Gottschalks persönlicher Zukunft, nach seinem Umgang mit dem Unfall von Samuel Koch, trieb die Quote wieder in lange unerreichte Höhen: 10,56 Millionen Zuschauer warteten am Sonnabend auf die Frage des Abends. Um 20.19 Uhr war sie dann beantwortet: Gottschalk hört auf. „Schweren Herzens“, aber nicht sofort.

Bärtig, konzentriert, nachdenklich saß der 60-Jährige in Halle an der Saale auf dem Sofa, auf dem er „die besten 25 Jahre meines Lebens“ verbracht hat, wie er sagte. Das Publikum klatschte, ein bisschen mehr als sonst vielleicht. Es machte „Oooh“, als er seinen Entschluss verkündete. Aber es war zu spät. Gottschalk hatte sich entschieden.

Angekratzt wirkte er. So, als ob Samuel Kochs schwerer Unfall nicht schon 72, sondern erst drei Tage hinter ihm liege. Am Mittwoch hat er den 23-Jährigen in der Schweiz besucht, sein Entschluss aber fiel schon vor Weihnachten.

„Für mich liegt auf ,Wetten, dass ...?‘ jetzt ein Schatten“, sagte Gottschalk. Er tat, was er sonst nie tut: Er las seine Erklärung vom Teleprompter ab. Nur noch zwei reguläre Ausgaben im März und April wird er moderieren, dazu die Sommershow auf Mallorca am 18. Juni und drei Spe­zialausgaben zu 30 Jahren „Wetten, dass ...?“ im Herbst.

Es ließe sich manches anführen gegen Gottschalk, den Moderator. Dass er sich nur mit Mühe durch manche Sendung schleppte, zuletzt. Dass er haderte „mit dem ganzen Kram“, dass die Quoten sanken. Eines aber schaffte nur er in Fernsehdeutschland, und das verdient großen Respekt: wirklich alle Generationen vor dem Bildschirm zu versammeln. Während Dieter Bohlen die Unterschicht ­bespaßt, während Stefan Raab das Gold des Privatfernsehens schürft, die jungen Zuschauer, während Harald Schmidt mühsam Kontakt hält zu den intellektuellen Sonst-eigentlich-gar-nicht-Fernsehguckern und Günther Jauch nur in der Mitte der Gesellschaft funktioniert, gelang Gottschalk der ganz große Spagat.

Er ist der letzte, große Integrator. Seine Mission ist die Erzeugung von Gemeinschaft. So wie ein Schneesturm oder ein Hochwasser den Menschen die ungeahnten Schnittmengen ihrer Gefühlswelten aufzeigen, gelang es ihm als einzigem Fernsehmann in Deutschland ein Vierteljahrhundert lang, ein Wirgefühl zu schaffen. „Ich habe die Macht, in Menschen eine gewisse Wohllaunigkeit zu erzeugen“, sagt er selbst. Seine Begabung sei es, „zu reden, ohne zu denken“, sagte er mal. Aber reden ohne denken – das geht jetzt eben nicht mehr für Thomas Gottschalk: „Ich kann einfach nicht weitermachen, als wäre nichts passiert.“ Deshalb geht er. Das ist konsequent und souverän und stößt allseits auf Anerkennung. „Wir verdanken Thomas viel“, sagte der ebenfalls scheidende ZDF-Intendant Markus Schächter.

„In Thomas’ Kopf läuft ständig eine Art Rasterfahnung nach dem nächsten Gag ab“, hat Jauch mal gesagt, sein alter Freund aus den seligen Tagen der „B3-Radioshow“. Das war in den achtziger Jahren, als Gottschalk noch ziemlich frechen Hörfunk machte. Seit 1986 moderierte er dann Europas erfolgreichste Fernsehshow (mit zwei Jahren Unterbrechung 1992 bis 1994, als das ZDF in deutsch-deutscher Übereifrigkeit Wolfgang Lippert als Ersatzmann aufbot). Mehr als 21 Millionen Menschen sahen Gottschalks erste Show. „Ich habe meinen Topf gefunden. Darauf sitze ich jetzt. Und auf ihm werde ich in den Orkus fahren“, versprach er vor ein paar Jahren. Doch dann kam der 4. Dezember 2010.

Noch im Sommer hatte Gottschalk seinen ZDF-Vertrag bis 2012 verlängert, wie immer per Handschlag. Programmdirektor Thomas Bellut hofft sogar jetzt noch, dass das Publikum ihn zum Bleiben überreden kann. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, sagte er nach der Sendung in Halle. Doch intern hat die Suche nach einem Nachfolger begonnen. Ein halbes Jahr soll die Show 2012 pausieren, hieß es, in dieser Zeit werde das Konzept komplett überarbeitet, sagte Bellut.

Doch wer kann Gottschalk folgen? Der glatte Jörg Pilawa (45) etwa, der gerade von der ARD zum ZDF wechselte? Pilawa moderiert jede Sendung solide weg, über Mutterwitz und Schalk aber verfügt er kaum, ebensowenig wie Markus Lanz (42). Da käme eher Hape Kerkeling (46) infrage, Favorit in vielen Umfragen. Und auch PRO7-Mann Matthias Opdenhövel (40) gehört zum erweiterten Kandidatenkreis, auch wenn er noch einen geringen Bekanntheitsgrad hat. „Ich spekuliere heute nicht über Namen“, sagt Bellut. „Wir haben keinen Zeitdruck.“ Gottschalk werde weiter für das ZDF arbeiten, etwa als Moderator der Gala „Ein Herz für Kinder“ und bei „Menschen 2011“. Michelle Hunziker soll „Wetten, dass ...?“ erhalten bleiben. Die Alleinmoderation aber trauen ihr nur wenige zu.

Am 1. April wird Gottschalk den Adolf-Grimme-Preis für sein Lebenswerk erhalten. Sein Abgang ist mehr als der Abschied von einem Moderator. Er markiert auch die Abkehr von einer bestimmten Art des Fernsehens. Schwer zu glauben, dass ein neuer Moderator das Lagerfeuer der Nation noch einmal entfachen kann.

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

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