Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Medien & TV Macher und Macker
Nachrichten Medien & TV Macher und Macker
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:09 27.12.2013
Feiert ein halbes Jahrhundert: Til Schweiger. Quelle: dpa
Anzeige
Hamburg

Alles begann mit Bertie. Klar, vorher hatte Til Schweiger schon Jo Zenker aus der „Lindenstraße“ gespielt. Durch Bertie aber, den Hauptrollen-Proll aus „Manta, Manta“, lernt Til Bernd Eichinger kennen. Und ohne den 2011 verstorbenen Produzenten wäre Schweiger nicht der geworden, der er mit jetzt 50 Jahren ist: der wichtigste Mann im deutschen Film. Schweiger ist vielfacher Millionär und Chef eines kleinen Imperiums („Barefoot Films“, „Barefoot Productions“). Schweiger ist Drehbuchautor, Regisseur, Schauspieler und Produzent. Seine Geschichte ist die große Erfolgsstory des deutschen Kinos – mit nur einem Schönheitsfehler. Die Zuschauer lieben ihn, weil er die perfekte Balance zwischen Mucki und Knuddel trifft. Die Filmförderer lieben ihn, weil er die Fördersummen stets pünktlich zurückzahlt. Mit den Filmkritikern allerdings verbindet ihn eine herzliche Abneigung. Seit 1991, seit „Manta, Manta“, spielt Til Schweiger gegen das intellektuelle Filmestablishment an. Statt Kunst setzt er auf Unterhaltung. Zum Leidwesen seiner Eltern.

Tilmann Valentin Schweiger, geboren am 19. Dezember 1963, ist alles andere als ein Manta-Proll. Er wächst in einem links-intellektuellen Lehrerhaushalt im hessischen Heuchelheim auf. Sein Abitur besteht er mit der Note 1,7. Er verweigert den Wehrdienst, bricht ein Lehramts- und ein Medizinstudium ab und scheitert an acht Schauspielschulen. In Essen bekommt er zu hören: „Werden Sie Schreiner, das fängt auch mit Sch... an.“ In Köln klappt es dann endlich mit der Schauspielausbildung.

Anzeige

Til Schweiger...

...drehte mit 28 Jahren „Manta, Manta“. Sein erster großer Kinoerfolg gelang ihm drei Jahre später an der Seite von Katja Riemann in „Der bewegte Mann“ (1994). Für den Schauspieler folgten mehr als 70 Kino- und TV-Produktionen, zuletzt etwa der Hamburg-„Tatort“. Seit dem Roadmovie „Knockin’ on Heaven’s Door“ (1997) hat er 17 Filme selbst produziert, der tragikomische Liebesfilm „Barfuss“ (2005) war der erste, in dem Schweiger Drehbuchautor, Produzent, Regisseur und Hauptdarsteller zugleich war.

In den Schweiger-Filmen „Keinohrhasen“ (2007), „Kokowääh“ (2011), „Zweiohrküken“ und „Kokowääh 2“ spielten seine Töchter Luna (16) und Emma (11) mit, Lilli (15) und Valentin (18) standen für „Keinohrhasen“ und „Zweiohrküken“ mit ihrem Vater vor der Kamera. Eines seiner nächsten Projekte ist das Alzheimerdrama „Honig im Kopf“ mit Didi Hallervorden.  Sat.1 zeigt heute die Geburtstagsshow „Happy Birthday – Til Schweiger“. Ab 20.15 Uhr feiert Schweiger mit Weggefährten und Freunden wie Nina Eichinger und Rick Kavanian.

Tilmann Valentin Schweiger ist in einer Intellektuellenwelt aufgewachsen, aber ihn reizten die Sozialsiedlungen von Gießen-West weit stärker als das beschauliche Heuchelheim. Dort, wo die Leute alles über das richtige Leben wissen und wenig über das echte. Vater Herbert sitzt „gerne abends mit einem Glas Rotwein, Bob Dylan lauschend, im Wohnzimmer“, umgeben von Tausenden von Büchern. So erzählt es der Sohn dem Filmjournalisten Uwe Killing. Einmal bot der Vater seinen drei Söhnen als Ferienjob an, die Bücher durchzuzählen. Die Jungs machten es.

Kurze Zeit später haben sie angeboten, die bereits wieder stark vergrößerte Bibliothek erneut zu zählen: „Wir haben nicht wirklich gezählt“, berichtet Til Schweiger, „sondern uns einfach eine Zahl ausgedacht – 23.511. Er hat uns geglaubt.“

Warum erzählt Schweiger das? Vermutlich um zu sagen: Dieser intellektuelle Besitzstand bringt ihm nichts. Mit 23.511 Büchern bewegt man keine 6,2 Millionen Zuschauer wie bei „Keinohrhasen“ (2007) oder 4,3 Millionen wie bei „Kokowääh“ (2011).

„Der Junge hat Starpotenzial!“, hat Bernd Eichinger über seinen Manta-Bertie gejubelt: Später schenkte er Schweiger ein Flugticket nach Hollywood, „weil du da sowieso hingehörst“. Mit Hollywood aber verbindet Til Schweiger bis heute vor allem aber eine mutige Absage: Steven Spielberg wollte ihn für eine Nebenrolle in „Der Soldat James Ryan“ haben. Doch Schweiger blieb stur: „Ich spiele keine Nazis.“ Für den von ihm verehrten Quentin Tarantino machte er bei „Inglourious Basterds“ eine halbe Ausnahme und spielte den abtrünnigen Nazi-Hauptmann Hugo Stiglitz, einen schweigsamen Perfektionisten des Tötens. Das muss ihm riesigen Spaß gemacht haben, aber auch über diese Rolle machten die korrekten Deutschen ihre Schweiger-Witze. Der Kabarettist Urban Priol lästerte, das sei Schweigers bisher bester Auftritt gewesen: „Er hatte drei Sätze und wurde danach erschossen.“

Statt Hollywood eroberte Schweiger Deutschland. Und auch daran ist Bernd Eichinger schuld. Als Til den väterlichen Freund und Förderer fragt, was ein Film-Produzent eigentlich können müsse, antwortet der: „Du musst ein Gefühl für Stoffe haben, die die Leute sehen wollen, du brauchst den richtigen Riecher.“ Til: „Das ist alles?“ Eichinger: „Für alles andere, für die Technik und das Wirtschaftliche, holst du dir die Leute, denen du vertraust.“

Das Gefühl für den Filmgeschmack von Millionen Deutschen hat Til Schweiger. Sie wollen Geschichten, die präzise neben ihrem Alltag spielen: Mit schöneren Menschen, ein bisschen weichgezeichneter als die Realität. Für alles andere hat Schweiger Leute wie Tom Zickler. Der 49-jährige Thüringer, der zu DDR-Zeiten die Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Potsdam absolvierte und dem Produktionsleiter bei Märchenfilmen assistierte, ist heute Schweigers wichtigster Vertrauter. „Ich bin der Mann, der Nein zu dem sagt, was Til vielleicht versprochen hat“, sagt Zickler über Zickler. Er diszipliniert Schweiger.

Moritz Bleibtreu nennt Til Schweiger wegen dieser Disziplin eine „unentwegt arbeitende Ein-Mann-Maschine“. Es gibt auch die Kehrseite, das Feierbiest. Schweiger ist Kettenraucher, und Alkohol hilft ihm beim Abschalten. Doch Schweiger ist auch da diszipliniert: „Von härteren Drogen lasse ich die Finger“, sagt er kategorisch.

Dass er soeben 50 geworden ist, sieht man ihm dennoch nicht an. Die mittelschwere Lebenskrise, die viele andere in seinem Alter bekommen, hatte er mit 37. Schweiger sprach später von einer religiösen Erfahrung auf dem Laufband. „Ich dachte einfach: Du musst dein Leben ändern. Ich rede seit Jahren davon, dass ich mehr Zeit für die Familie haben will, und diesmal ist es ernst.“

Heute spielen Valentin (18), Luna (16), Lilli (15) und Emma (11), seine Kinder aus der (bis heute nicht geschiedenen) Ehe mit dem ehemaligen Model Dana, in seinen Produktionen mit. Wegen der Familie kürzer treten, das kann oder will Schweiger nicht. Im Gegenteil: Jetzt, mit 50 Jahren, tritt er noch einmal richtig aufs Gas. Gerade erst hat er seinen zweiten Nick-Tschiller-„Tatort“ in Hamburg abgedreht. Sein Debüt als ruppiger Ermittler im Hamburger Hafen sahen im März sensationelle 12,57 Millionen Zuschauer. So viele hatte der ARD-Sonntagskrimi seit 1993 nicht mehr.

Dennoch nervt es ihn noch immer kolossal, wenn einer seine Filme kritisiert oder er als Sexsymbol bezeichnet wird. Schweiger, der Macher und Macker, möchte ernst genommen werden. Schließlich „ist da schon auch etwas in der Birne“, sagte er dem „stern“ kürzlich etwas pikiert. Eine Erklärung für seine Popularität lieferte er gleich mit. „Ein Erwachsener hat das Spielerische verloren“, sagte der frisch gebackene 50-Jährige. „Das habe ich nicht.“

Von Nora Lysk und Jan Sternberg

27.12.2013
06.01.2016