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Medien & TV „Titanic“ will sich gegen Titelbild-Verbot wehren
Nachrichten Medien & TV „Titanic“ will sich gegen Titelbild-Verbot wehren
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09:30 12.07.2012
Von Simon Benne
Die „Titanic“ hat das umstrittene Titelbild bereits durch ein neues ersetzt. Gegen das Verbot geht das Satiremagazin dennoch vor. Quelle: Screenshot „Titanic“
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Frankfurt/Main

Treffer, versenkt! Der Papst persönlich hat gegen die „Titanic“ einen Punktsieg errungen. Das Satireblatt darf nach einer einstweiligen Verfügung und der Androhung eines „Ordnungsgeldes“ von 250.000 Euro seine neueste Ausgabe nicht weiter verbreiten. Der Titel hatte Benedikt XVI. mit einem Urinfleck auf der Soutane gezeigt, dazu die Schlagzeile: „Halleluja im Vatikan – Die undichte Stelle ist gefunden!“ In der Redaktion herrschte trotz der Verfügung Hochstimmung: „Von einem Papst verklagt zu werden, das gab’s noch nie!“, freut sich „Titanic“-Chefredakteur Leo Fischer, der Widerspruch einlegen und „notfalls bis zum jüngsten Gericht“ prozessieren will.

Es gab Zeiten, da stand die religiöse Satire in hoher Blüte: Lichtenberg, Heine, Monty Python – Kirchenspott kann stilistisch brillant sein, von Witz und intellektueller Schärfe. Einst war Ironie das Instrument, mit dem Aufklärer die Zinnen selbst verschuldeter Frömmigkeit schliffen und mächtigen Kirchenfürsten eins auswischten. Der Fäkalhumor der „Titanic“ ist nur noch eine Schwundstufe davon. Doch die ganze Geschichte ist auch symptomatisch.

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Von den Mohammed-Karikaturen bis zum „Titanic“-Titelbild: Wenn Satire heute noch Anstoß erregt, ist fast immer Religion im Spiel. Manchmal wirkt es dann so, als zeige sich Frömmigkeit vor allem in der Bereitschaft, schnell beleidigt zu sein. Dabei arbeiten sich die Spötter und die Spirituellen schon seit Urzeiten aneinander ab. Heiliger Ernst und Heidenspaß sind ewige Antipoden. Umberto Eco hat einen ganzen Roman („Der Name der Rose“) über die Angst davor geschrieben, dass Gelächter die Ehrfurcht töten könnte. Dabei ist die mangelnde Fähigkeit zur Selbstironie oft nur Ausdruck eines Glaubens, der zu ängstlich ist, um auf Abstand zu sich selbst zu gehen. Und seit jeher reizt kaum etwas die Menschen so sehr zum Lachen wie die Religion.

In der Religion geht es ja um Schuld und Sühne, um Tod und Erlösung - um so wuchtige Dinge also, dass oft nur das Zittern bleibt. Oder das Lachen. Lachen kann im Freud’schen Sinne ein Ventil sein, eine Erleichterungslust bieten angesichts drohender Sündenstrafen oder geifernder Hassprediger. Humor schafft es, selbst göttliche Größe auf menschliches Maß zurechtzustutzen.

Worüber lachen wir denn? Wir lachen über alles, was besonders würdig, steif und erhaben daherkommt. Das waren früher das Militär (das in der Zivilgesellschaft als Humorlieferant praktisch ausgefallen ist) oder die Herrschenden (die heute total bürgernah sein müssen). Lehrer sind inzwischen eher gute Kumpel, und die Beamten sehen den Antragsteller auf der anderen Seite des Schreibtischs nicht mehr als Untertanen an, sondern als Kunden. Würdig, steif und erhaben sind heute nur noch Priester und Pastoren, Rabbiner und Imame. Religion ist die letzte Bastion, gegen die Satiriker anstürmen können, da die Religion ihre Erhabenheit ja nicht aufgeben kann, ohne ihren Markenkern aufzugeben.

Komik entsteht nach dem britischen Gelehrten Herbert Spencer (1820-1903) dort, wo das ganz Große und das ganz Kleine aufeinandertreffen, wo Erhabenes und Banales sich begegnen. So gesehen sind Komik und Religion ungleiche Zwillingsschwestern: Erhöht das Erhabene das Banale, wird es schnell religiös. Zieht aber das Kleine das Große herab, wird es schnell komisch.

Komisch ist es zum Beispiel, wenn der Chef der weltgrößten Glaubensgemeinschaft sich dazu herablässt, auf die Sudeleien eines kleinen Satireblattes einzugehen. Komisch ist es auch, wenn „Titanic“-Chefredakteur Fischer im staatstragenden Jargon verkündet, der vermeintliche Urinfleck auf dem Titelbild sei doch nur Fanta, und man hoffe auf ein persönliches Gespräch mit dem Heiligen Vater, um das Missverständnis auszuräumen. Diese Mischung aus Chuzpe und Selbstironie - schließlich weiß er, dass ein kleiner Satiriker keine Audienz beim großen Pontifex bekommt - ist viel komischer als das platte Titelbild.

Der Philosoph Henri Bergson (1859-1941) hat gesagt, Lachen sei eine Reaktion auf das „Abweichen vom Lauf des Lebens“. Wir lachen, wenn Gewohntes durchbrochen wird, wenn wir etwas nicht verstehen. Und vor allem, wenn uns etwas fremd ist. Schlichte Gemüter finden daher Weihrauch oder Talare, Gebetsriemen oder Gebetsteppiche putzig, sofern sie so etwas nicht kennen.

Wenn aber Fremdes komisch wirkt, muss Religion fast immer komisch wirken. Zumindest, wenn sie echt ist. „Der religiöse Mensch ist ja wesenhaft ein Fremder“, schrieb der Autor Hans Conrad Zander, „weil Religion in ihrem innersten Kern weltfremd ist“. Mit Paulus wissen die Gläubigen, dass sie in dieser Welt Fremde sind und keine bleibende Stätte haben. Und mit Max Horkheimer wissen sie, dass Religion ja gerade die „Sehnsucht nach dem ganz Anderen“ ist - nach dem also, das nicht von dieser Welt ist und daher oft fremd und somit komisch wirkt. Darum werden Satiriker von der Religion nie loskommen.

Da hat es eine unwillkürliche Symbolik, dass „Titanic“-Chef Fischer und Kirchenchef Benedikt beide aus Pentling bei Regensburg kommen: „Wir stammen aus der gleichen Heimatgemeinde und hatten sogar denselben Ortspfarrer“, sagt der Katholik Fischer. „Wenn er hier vorbeikommt, haben wir ganz schnell eine gemeinsame Ebene - und gemeinsame Bekannte. Wir sind quasi seelenverwandt.“

Doch bei allem satirischen Potenzial der Religion: Es gibt da etwas, das mindestens ebenso komisch ist wie das Leben mit Gott. Das ist das Leben ohne Gott. Glaube kann nämlich auch ungemein entkrampfen. Der humorvolle Reformpapst Johannes XXIII. (1881-1963) soll einmal erzählt haben, dass er anfangs Angst vor dem hochwichtigen Papstamt gehabt habe. Dann aber sei ihm im Traum ein Engel erschienen: „Er sagte: ,Giovanni, nimm dich nicht so wichtig!‘ Seitdem kann ich wunderbar schlafen.“

Im Idealfall kann Religion ein Leben leicht machen. Das Ewige ist ja immer neu und beweglich, nie alt und starr. Und es kann sehr befreiend sein, alles Enge nach oben wegzudelegieren. Verglichen damit bietet die gottlose Welt ein unerschöpfliches Reservoir an brüllender Komik: Da ist der verklemmte Körperkult von Leuten, die an keine Seele mehr glauben. Da ist der Jugendwahn derer, die sich nicht vorstellen können, dass nach Alter und Tod noch etwas kommt. Da ist die blinde Wissenschaftsgläubigkeit all derer, die glauben, durch das Auszählen von Hirnzellen die Freiheit des Menschen bemessen zu können.

Auch die Welt ohne Religion ist eine einzige Ansammlung satirischer Steilvorlagen. Es fehlt nur der spirituelle Spötter, der sie elegant verwandelt. Vielleicht findet sich ja mal ein christlicher Kabarettist, der nicht nur Gemeindefestwitze erzählt. Oder ein muslimischer Kabarettist, der mehr als „Isch mach disch Opfer!“-Sprüche klopft. Und der vor allem nicht dazu neigt, selbst schnell beleidigt zu sein.

Dieser Artikel wurde aktualisiert.