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Medien & TV Tops und Flops des Medienjahres 2010
Nachrichten Medien & TV Tops und Flops des Medienjahres 2010
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14:54 31.12.2010
Von Imre Grimm
Quelle: dpa (Archiv)
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Top: Das Wunder von Köln

Das Wunder von Oslo? Schön war’s. Die Lenamania? Ein deutsches Frühsommermärchen. Eine wichtige Ursache für den Erfolg aber war – neben Lenas Lenahaftigkeit – ein TV-Experiment: das erste öffentlich-rechtlich-private Joint-Venture im deutschen Fernsehen. ARD und PRO7 schluckten ihren Stolz mit Blick auf die „nationale Aufgabe“ (Stefan Raab) herunter und stellten mit „Unser Star für Oslo“ (USFO) eine Castingshow auf die Beine, die bewies, dass Popfernsehen keine Kinderbeschimpfung und Schicksalsausbeutung sein muss. Der deutsche Vorentscheid 2010, moderiert von Sabine Heinrich und Matthias Opdenhövel, war der TV-Höhepunkt des Frühjahrs. Da saßen sie und sahen aus wie die grüne Jugend auf Klassenfahrt (siehe Bild, v.l.): Jennifer Braun (die mit ihrer Band Rewind im ZDF-Fernsehgarten auftrat), der Zausel Christian „Dursti“ Durstewitz (dessen Single „Stalker“ im Oktober ein Achtungserfolg war), Lena Meyer-Landrut (deren weiteres Schicksal als bekannt vorausgesetzt wird) und die blonde Fee Kerstin Freking (die inzwischen mit einer Band aus Osnabrücker Musikstudenten unterwegs ist). Der Lohn: Deutscher Fernsehpreis für „USFO“. Und der Triumph von Oslo.

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Top: „Bündner Fleisch!“

Dem schweizerischen Finanzminister Hans-Rudolf Merz ist es 2010 gelungen, aus dem langweiligsten Satz des Jahres große Comedy zu machen. Er erlitt einen öffentlichen Lachanfall, der zum YouTube-Hit wurde. Kaum jemand hat jemals die spröde Schönheit des Satzes gewürdigt. Wir dokumentieren ihn deshalb im Wortlaut: „In Anlehnung an Anmerkung 6a zum Kapitel 2 der KN hat die Zollverwaltung zusätzlich sog. Schweizerische Erläuterungen zum Zolltarif publiziert. Danach werden gewisse Erzeugnisse noch im Kapitel 2 eingereiht, denen bei der Herstellung Würzstoffe zugesetzt worden sind, sofern dadurch der Charakter einer Ware dieses Kapitels nicht verändert wird (zum Beispiel Bündner Fleisch).“

Top: Liebe in Zeiten der DDR

Ost-Berlin 1980, zwei Familien, zwei politische Welten: Familie Kupfer steht in Treue fest zur Stasi, Vater und Sohn sind Berufsspitzel, der jüngere Sohn Martin Kupfer (Florian Lukas) arbeitet als Volkspolizist. Dunja Hausmann dagegen (Katrin Saß) singt politische Lieder, ihre Tochter Julia (Hannah Herzsprung) wächst in einem Milieu kritischer Künstler auf. Doch dann verlieben sich Martin und Julia. Der ARD-Sechsteiler „Weißensee“ war ein überraschender Publikumserfolg. Mehr als fünf Millionen Menschen sahen jede Folge des von Regina Ziegler produzierten Ost-Familiendramas – so viele, dass die ARD im Herbst sechs neue Folgen in Auftrag gab, die 2011 zu sehen sein werden.

Top: Ihre Tage sind GEZählt

Das Ende eines bürokratischen Monsters: Für die Gebühreneinzugszentrale der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in der Bundesrepublik Deutschland (GEZ) mit ihren 1100 Mitarbeitern hat die letzte Stunde geschlagen. 2013 ist es vorbei mit der Gebühr pro Gerät und der anachronistischen Schnüffelei – stattdessen zahlt jeder deutsche Haushalt eine feste Abgabe für ARD und ZDF. Dann müssen auch Fernsehmuffel ran. Ist das gerecht? Ja, denn die mediale Grundversorgung ist ein Solidarprojekt. Die Ministerpräsidenten haben beschlossen, dass die Einnahmen der Sender nicht höher als bisher ausfallen sollen. Mit 7,6 Milliarden Euro pro Jahr müsste man aber auch wirklich auskommen.

Top: Superhit ohne Zuschauer

Ein „Fernsehereignis“ (HAZ)! „Ein Meilenstein der deutschen TV-Geschichte“ („Zeit“)! „Ein Glücksfall fürs Publikum“ („FAZ“)! – Die deutsche Medienkritik kriegte sich gar nicht wieder ein über Dominik Grafs zehnteilige Reihe „Im Angesicht des Verbrechens über zwei Berliner Polizisten, die im Milieu der russischen Mafia ermitteln. Doch alle Vorschusslorbeeren halfen nichts: Gerade 2,11 Millionen Zuschauer sahen die ersten Folgen im Schnitt. Die letzten Episoden versendete die ARD hintereinanderweg. Und wieder erlebte die Branche, dass ein Kritikererfolg und ein Publikumserfolg nicht immer deckungsgleich sind. Dennoch: großes Kino. Inzwischen ist die DVD erschienen.

Top: Der lustigere Oliver

Harald Schmidt schleppt sich von Show zu Show, Oliver Pocher kassierte den „Goldenen Günter“ für den TV-Flop des Jahres – es sieht nicht gut aus für die deutsche Late Night. Umso erstaunlicher, dass ausgerechnet das ZDF zeigt, wie es gehen kann: Oliver Welkesheute-show“ – ein Nachbau der „Today Show“ mit Jon Stewart – ist bissig, witzig, respektlos, klug und schnell. Und sein Team ist brillant. Mit dabei: Schauspieler Hans-Joachim Heist als pöbelnder Kommentator Gernot Hassknecht, „Switch reloaded“-Star Martina Hill als verklemmte Statistikmaus Tina Hausten, Dietrich Hollinderbäumer als „Reporterlegende“ Ulrich von Heesen – der Lohn: Deutscher Fernsehpreis 2010.

Top: Sex im Mittelalter

Dramaturgisch war die Sache kein Knaller, aber die Zahlen sprechen für sich: 9,87 Millionen Menschen sahen auf SAT.1 (!) die Mittel­alter-Schmonzette „Die Wanderhure“ mit Alexandra Neldel als permanent gedemütigter, ausgepeitschter, geschlagener Gunstgewerblerin. Der Vierteiler „Die Säulen der Erde“ nach Ken Follets Bestseller schlug dann später mit 8,1 Millionen Zuschauern gar die verlogene RTL-Kuppelshow „Bauer sucht Frau“. Für den gebeutelten Kanal SAT.1, sonst eher die FDP unter den Vollprogrammen, zwei sensationelle Erfolge. Und jede Wette, dass wir uns 2011 vor lauter Mittelalter-Eventmovies voller zotteliger Weibsbilder und Männern mit schlechten Zähnen kaum retten können werden.

Top: Die Erde ist eine Scheibe

Steve Jobs sprach: „Die Erde ist eine Scheibe, und die Scheibe ist wüst und leer. Doch wenn ihr den Home-Button drückt, leuchtet sie auf wie ein Licht in der Finsternis, und sie wird euch retten, sie wird euch reich und glücklich machen und euer Leben verändern, so wahr mir Geld helfe.“ Und die Verleger zogen aus, das Hohelied des iPads zu verkünden. Und sie gaben Steve Jobs leichten Herzens 30 Prozent ihres Gewinns, und sie ließen sich freimütig zensieren, und sie dankten dem Herrn für die Errettung von dem Bösen, das da heißt: Leserschwund. Und die Menschen gingen hin und kauften iPads und iPhones für den iGenbedarf. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann scrollen sie noch heute.

Flop: Alice im Zunderland

Es war nicht das Jahr des Jörg Kachelmann. Seit Monaten steht der ehemalige ARD-Wettermann wegen Vergewaltigung vor Gericht, das Verfahren wurde zum Medienspektakel, teils übernahmen „Zeit“ und „Spiegel“ den Job von Ermittlern und Staatsanwaltschaft. Inzwischen zieht sich der Prozess zäh dahin. Es war aber auch nicht das Jahr der Alice Schwarzer. In Diensten von „Bild“ „berichtete“ die 68-Jährige über Kachelmann, verwirrte mit widersprüchlichen Angaben über ihre angebliche Unvoreingenommenheit – und machte sich angreifbar. Die „Emma“-Gründerin in Diensten eines chauvinistischen Busenblattes? Jüngere Feministinnen verachten sie dafür. Eine Ikone demontiert sich selbst.

Flop: Die Schrecksekunde

Ein Schockmoment für Millionen: Der 23-jährige Samuel Koch stürzt in der ZDF-Liveshow „Wetten, dass ...?“ und verletzt sich lebensgefährlich. Erstmals in 29 Jahren wird der Klassiker abgebrochen. Thomas Gottschalk reagiert souverän, mit ihm bangt das Land um das Schicksal des Studenten. Dann die erschütternde Nachricht: Die Lähmung ist dauerhaft. Samuel wird nie wieder normal laufen können. Die landesweite Debatte um Sinn und Unsinn spektakulären Nervenkitzels, um Grenzüberschreitungen im Quotenkampf, führt zu nichts. Stunts im Fernsehen gibt es seit Jahrzehnten. Das Fazit fällt nüchtern aus: So etwas passiert. „Wetten, dass ...?“ wird es weiter geben, leicht verändert.

Flop: „Konstantingate“

Eine peinliche Affäre erschüttert das ehrwürdige Kölner Verlagshaus DuMont Schauberg: Konstantin Neven DuMont, 40-jähriger Sohn des Altverlegers Alfred Neven DuMont (83) und Herausgeber der „Frankfurter Rundschau“, stürzt das Haus mit wirren Blogkommentaren unter Pseudonymen („Avant“, „Glotze“, „Kritiker“, „Himmlischer Friede“) und fragwürdigen Rechtfertigungsversuchen in eine tiefe Krise. Vater und Sohn liefern sich eine öffentliche Schlammschlacht. Am Ende nimmt der Filius eine „kreative Auszeit“ und twittert: „Juhu, heute beginnt mein Urlaub. Das Leben ist schön.“ Hinter dem Streit steckt ein jahrelanger innerfamiliärer Konflikt. Die Branche feixt, der Patriarch schäumt.

Flop: Blattschluss

Der „Sport-Tag“, Burdas Promiblättchen „Chatter“, der Brasil-Import „Trip“, die Männerzeitschrift „FHM“ – auch 2010 starben Magazine. Auf dem Zeitschriftenmarkt zeigt sich, was in der Popmusik schon länger gilt: Neben den Platzhirschen haben fast nur noch kleine, spezielle Titel eine echte Chance. In den USA wurde gar das einstige Leitmedium Newsweek zum symbolischen Preis von einem Dollar an den 91-jährigen Gründer des Audiospezialisten Harman verschleudert. Es soll mit der Webseite „The Daily Beast“ verschmolzen werden. Was Verlegern Sorge macht: Auch die iPad-Ausgaben von „Wired“, „GQ“ oder „Vanity Fair“ verzeichneten zuletzt sinkende Zahlen. Technik ersetzt nicht Relevanz.

Flop: Die finden die „GUTT“

Die Liebesgeschichte des Jahres entbrannte zwischen einer zarten, bayerischen Blondine und einem grobschlächtigen Boulevard-Schlachtross: „Bild“ verknallte sich Hals über Kopf in Stephanie zu Guttenberg („Sie glitzert wundervoll“ / „Die blondeste Versuchung, seit es Politikergattinen gibt“ / „Blaues, wallendes Blut. Absolut großartige Beine! Wow!“) und verteidigte deren seltsame Pädophilenhatz beim Schmuddelsender RTL II sowie ihren öffentlichkeitswirksamen Weihnachtsabstecher nach Kundus gegen alle „Neider, Nörgler, Niederschreiber“: „Wir finden die GUTT!“ Die Freifrau selbst versichert, ihr sei Starkult fremd, ging dann aber doch zu „Wer wird Millionär?“ bei RTL.

Flop: „Innerer Reichsparteitag“

ZDF-Sportmoderatorin Katrin Müller-Hohenstein erntete viel Kritik für ihren Lapsus vom „inneren Reichsparteitag“, den Miroslav Klose ja nun erleben müsse, nachdem er endlich mal wieder getroffen hatte. Viel schlimmer als die von der Ursprungsbedeutung längst losgelöste Redewendung jedoch, die höchstens eine ironisch-distanzierte Haltung zu NS-Pomp dokumentiert, ist das, was „KMH“ sonst so redet. Der zwangsentspannte Pseudohumor des Duos „KMH“/Oliver Kahn während der WM, das so gerne locker rüberkommen möchte, täuscht nicht darüber hinweg, dass beide ungefähr so gut harmonieren wie Horst Seehofer und Guido Westerwelle.

Flop: Bitte auswandern!

Gina-Lisa Lohfink, Kader Loth, Giulia Siegel, Davorka Tovilo – die Liste deutscher Paris-Hilton-Kopistinnen, die sich mit leerem Kopf und voller Bluse bestens auf dem deutschen Boulevard eingerichtet haben, ist lang. Noch keine aber bediente sich der Mechanismen der Aufmerksamkeitsökonomie in der Mediengesellschaft bislang erfolgreicher als Daniela Denise Katzenberger, 24-jährige Kosmetikerin aus Ludwigshafen. Die durch VOX-Aussteigerdokus bekannt gewordene „White Trash“-Ikone bewies 2010, dass auf die Stirn tätowierte Augenbrauen den Mangel dahinter ganz gut kaschieren können. Die „Katze“ ist bestens im Geschäft – als barbieeske Kunstfigur nach dem Motto „Sei schlau – stell’ dich dumm“.

30.12.2010
Dany Schrader 29.12.2010