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Tüll Aviv – Das Tagebuch zum Eurovision Song Contest aus Tel Aviv: Tag 1

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07:33 14.05.2019
Tel Aviv ist wie ein kleines New York: Eine Stadt, die nie schläft – findet zumindest der Künstler Samy Molcho. Quelle: Rolf Vennenbernd/dpa
Tel Aviv

Tel Aviv, eine Stadt wie ein Mirakel. „Eine irre Stadt“, sagt der Nachbar. „Wie Miami – nur durchgeknallter“, sagt der Freund. „Ein hedonistisches Sündenpfuhl, ein modernes Babylon“, schwelgt der Reiseführer.

„Eine ganz normale Stadt“, versichert der Redaktionskollege am Newsdesk, Kosmopolit und bekennender Spießbürger in Personalunion. „Ist es nicht gefährlich da?“, fragen alle anderen. „Die Bomben? Die Raketen? Da findet der Eurovision Song Contest 2019 statt? Wie soll das denn bitte gehen?“

Also – äh?

Wie ist Tel Aviv? Anruf beim Kenner, Samy Molcho

Wer kennt sich aus mit Tel Aviv? Ein Einheimischer. Ich rufe also an bei einem der größten Söhne der Stadt, seit Jahrzehnten ein Künstler von Weltrang, berühmt geworden als Pantomime und Experte für Körpersprache: Samy Molcho, geboren 1936 in Tel Aviv. Seit 73 Jahren steht Molcho auf den Bühnen der Welt. Inzwischen lebt er in Österreich, aber er hat noch eine Wohnung in Tel Aviv, ist alle paar Wochen dort. Er ist 82 Jahre alt. Seine Frau Haya Molcho, Jahrgang 1955, ebenfalls in Tel Aviv geboren, ist eine bekannte Köchin und Gastronomin, ihr Buch „Tel Aviv by Neni. Food. People. Stories.“ ist ein Bestseller der Koch- und Reiseliteratur.

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Tel Aviv? Das ist ein kleines New York“, sagt er. „Eine Stadt, die niemals schläft. Lebendig, jung, offen, tolerant, full of life. Das sind nicht alle Städte in Israel.“ Der religiöse Einfluss sei viel geringer, das säkulare Leben viel lebendiger. „Die Restaurants sind immer voll, voll mit Jugend, voll mit Leben. Die Leute in Tel Aviv leben gern.“

Tel Aviv feiert das Leben – nicht nur während des ESC 2019

Die Spannung, die Gefahr und die psychische Anstrengung sei groß, sagt Molcho. Und der Ausgleich für den permanenten Stress und die Unsicherheit sei eben nicht Trauer und Depression, sondern das Gegenteil: „Sie feiern das Leben.“

Jerusalem betet, Haifa arbeitet, Tel Aviv feiert – sagt man in Israel.

Wo heute das Rathaus steht, ein trübes Mehrzweckhochhaus, besuchte der kleine Samy Molcho in den Vierzigerjahren Pferderennen. Rundherum: Sanddünen und offene Felder. Die Stadt explodierte regelrecht seit ihrer Gründung 1909. „Ich sage immer: Ich bin nicht aufgewachsen in Tel Aviv“, sagt Molcho. „Die Stadt ist aufgewachsen mit mir. Und das ging irrsinnig schnell, weißt du? Ich hätte nie gedacht, dass man auf Sanddünen so riesige Hochhäuser bauen könnte.“

Nach sechs Minuten Gespräch ist man in Tel Aviv beim Nahostkonflikt

Die Beziehung zwischen mir und der Stadt ist stark“, sagt er. „Ich treffe heute noch Menschen aus der Volksschule.“ Die stärkste Kindheitserinnerung: Die Ausrufung des Staates Israel 1948. Ein jüdischer Staat, knapp drei Jahrzehnte nach der Gründung von Tel Aviv. Molcho war elf Jahre alt. „Das war unglaublich, die Menschen haben auf der Straße getanzt – es war ein Traum, der plötzlich Realität wurde. Ein Wunder. Aber da ging es eben auch los mit den Zwischenfällen mit den Arabern. Bis dahin war das Zusammenleben noch relativ friedlich gewesen, ein schönes Leben, ein Nebeneinander.“ Ein Freudentag, den die Palästinenser auf der anderen Seite als „Nakba“ bezeichnen, als Katastrophe.

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Und schon sind wir mitten drin im Nahostkonflikt. Keine sechs Minuten ist das Gespräch alt. Das ging schnell. „That escalated quickly“, würde Will Ferrell in seiner berühmten Rolle als debiler TV-Moderator Ron Burgundy sagen.

Samy Molchos Stimme klingt, als steige sein Puls. „Der Krieg hat alles verändert“, sagt er. „Die Araber haben die Teilung Israels nicht akzeptiert. Aber das ging viel mehr von den anderen arabischen Ländern aus als von den Palästinensern. Die wurden benutzt.“

Gibt es etwas, was ihm Hoffnung macht? Am Ende helfe es nur, die Realität zu akzeptieren, sagt er. „Man kann das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen. Israel ist ein Faktum. Aber die Vorstellungen der Palästinenser sind unrealistisch. Und diese unrealistischen Ideen werden künstlich am Leben erhalten. Und das wiederum stärkt den Rechtsradikalismus in Israel.“

Diskussion um den Nahen Osten – wie kann man da nach dem ESC 2019 fragen?

Sie würden benutzt, sagt er wieder. „Auch die Hamas ist nicht wirklich eine palästinensische Organisation. Da ist doch nicht natürlich, dass Menschen im Gazastreifen siebzig Jahre in einem Flüchtlingslager leben müssen, während im modernen Teil von Gaza die Hamas-Führung in topmodernen Gebäuden wohnt mit dem Luxus von Fünfsternehotels und Golfplätzen. Das System wird künstlich am Leben erhalten. Und niemand spricht in Europa darüber, was es eigentlich bedeutet für Familien, für Kinder, in zwei Tagen 600 Raketen abzubekommen. Wie hätte Deutschland reagiert, wenn es mit 600 Raketen beschossen worden wäre?“

Da ist es fast peinlich, nach dem Eurovision Song Contest zu fragen. Aber am Ende führt halt kein Weg daran vorbei. Welche Bedeutung also hat das Spektakel? Für Israel? Für die Nähe zu Europa?

Der Eurovision Song Contest kann Israel ein anderes Profil geben

„Vergiss nicht: Der ganze Staat Israel wurde von Europäern gebaut“, sagt Molcho. „Tel Aviv sowieso.“ Die Juden aus den arabischen Ländern seien erst später dazu gekommen. „Zunächst erklang europäische Musik in Israel, erst in letzter Zeit nehmen die Klänge des Orients zu.“ Tel Aviv bleibe aber eine Insel der Toleranz, auch ein Zentrum der Homosexuellenbewegung, sagt der 82-Jährige.

Am Sonnabend, am Abend des Eurovisions-Finales, wird Samy Molcho wieder von Österreich nach Tel Aviv fliegen. „Wenn die Show läuft, bin ich in der Luft“, sagt er. Er wird herabblicken. Er wird die Lichter sehen. Er wird immer wiederkommen. „Die Eurovision ist sehr wichtig für Israel, um dem Land ein anderes Profil zu geben“, sagt er. Es gehe hier nicht nur um Raketen.

Von Imre Grimm / RND

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