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Medien & TV Netflix, die neue Großmacht
Nachrichten Medien & TV Netflix, die neue Großmacht
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00:15 13.03.2014
Von Imre Grimm
An dem Mann kommt keiner vorbei: Kevin Spacey, Star der Netflix-Erfolgsserie „House of Cards“. Quelle: dpa (Archiv)
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Los Gatos

In wenigen Jahren ist der Film- und Serien-Streamingdienst Netflix aus dem kalifornischen Städtchen Los Gatos von einem schüchternen Leih-DVD-Versand zur globalen Entertainmentmarke geworden, zu einem „Big Player“, der die Regeln des TV-Geschäfts in Nordamerika verändert hat – und nun plant, dasselbe in Deutschland zu tun, auf dem zweitgrößten Fernsehmarkt der Welt.

Gerade erst haben sich die Deutschen daran gewöhnt, für gutes Erzählfernsehen Extrageld zu bezahlen, über die Gebühr für ARD und ZDF hinaus. Und sie finden Gefallen daran, Fernsehen nicht als linearen Bilderfluss mit starren Anfangszeiten zu erleben, festgezurrt von Programmdirektoren in München, Köln oder Mainz, sondern als flexibel abrufbares Spaßparadies in prall gefüllten Mediatheken und Onlinearchiven. Staffelweise, stundenlang, quasi „auf ex“. Verstümmelte Episoden, plötzlich abgesetzte Lieblingsserien, absurde Sendezeiten – all das wird das Publikum schon bald nicht mehr akzeptieren.

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Die Gewohnheiten verändern sich rasant, und mit ihnen der Markt: Der Bezahlsender Sky schreibt schwarze Zahlen, und Streamingdienste, die schneller waren als Netflix, sammeln eifrig deutsche Kundschaft: von Maxdome (ProSiebenSat.1) bis iTunes (Apple), vom französischen Neueinsteiger Watchever (Vivendi) bis Videoload (Telekom). Überraschend hektisch hat Amazon gerade den Kunden seines Expressangebots „Amazon Prime“ – Jahresgebühr: 29 Euro – für zusätzliche 20 Euro im Jahr den Video-on-Demand-Dienst „Amazon Prime Video“ aufgezwungen – ein klarer Versuch, dem US-Konkurrenten mit einem Kampfpreis zuvorzukommen.

Nun also Netflix.

Der Konzern, der in Sachen Film- und TV-Rechte an der Quelle sitzt. Der jährlich 4,4 Milliarden Dollar Umsatz macht. Der für ein Drittel des Internet-Streamingverkehrs in den USA verantwortlich ist (doppelt so viel wie YouTube). Der mit „House of Cards“ die erste Emmy-prämierte Glamourserie produzierte, die nur im Web zu sehen war. Der mit Kevin Spacey in der Rolle des Machtpolitikers Francis „Frank“ J. Underwood eine Figur zum Quasi-Maskottchen erkor, die exakt zur Marke Netflix passt: ruchlos, verführerisch, mächtig, cool und risikofreudig.

Spacey persönlich trommelt schon deshalb für das Geschäftsmodell – die Film-Flatrate gibt’s für sieben Dollar im Monat –, weil er Koproduzent von „House of Cards“ ist. „Wir bekommen, was das Publikum will: Qualität“, dröhnte er 2013 auf dem TV-Festival in Edinburgh, „wir bekommen, was die Künstler wollen: Freiheit. Und wir bekommen, was die Firmen und Studios wollen: Geld.“ Netflix hat die Machtverhältnisse verändert: weg von den TV-Sendern, hin zu den Vertriebskanälen. Wozu noch Kooperationen mit klassischem Fernsehen, wenn man seine Shows via Netz selbst an den Mann bringen kann? Und direkt Geld damit verdient? Ein halbes Dutzend eigene Serien hat Netflix bereits im Programm. 100 Millionen Dollar haben allein die zwei Staffeln „House of Cards“ gekostet. Das Ziel des teuren Spaßes: Publikumsumerziehung.

Auch Amazon plant jetzt eigene Shows und Filme, ebenso Stefan Schulz, Chef des deutschsprachigen Watchever-Ablegers.

Ein Datum für den deutschen Netflix-Start gibt es noch nicht, von Ende des Jahres ist die Rede, aber es gibt Männer mit Aktentaschen, die bei Produzenten vorsprechen. Es gibt Stellenanzeigen für deutschsprachige Marketingmitarbeiter. Und es gibt nervöse Konkurrenten, die cool tun. „Morgen früh wachen nicht 80 Millionen Deutsche auf und rufen: Hurra, wir wollen jetzt Geld für Fernsehen ausgeben“, sagte Brian Sullivan, deutscher Sky-Chef, dem „Spiegel“. Das werde kein Selbstläufer, siehe Sky: Jahrzehnte hat es bis zur schwarzen Null gedauert. Teure Serien? Schön und gut, aber riskant: „83 Prozent aller Serien in den USA sind Flops.“  Netflix müsse „erst mal kommen“, sagt auch Watchever-Mann Schulz. Es sei „hart an der Front“. In Europa ist Netflix bereits in Norwegen, Dänemark, Schweden, Finnland, den Niederlanden, Spanien, Großbritannien und Irland am Start.

Die Netflix-Story ist filmreif: Reed Hastings gründete die Firma 1997, nachdem er in einer Blockbuster-Filiale für eine zu spät abgegebene „Apollo 13“-DVD stolze 40 Dollar Strafe bezahlen sollte. Eine Flatrate für Videoverleih, dachte er damals. Das wär’s. Niemand kam damals an Blockbuster vorbei in der Filmwelt. 2004, auf dem Höhepunkt, hatte das Videoimperium 60.000 Angestellte und 9000 Läden. Das ist Vergangenheit. Am 12. Januar dieses Jahres um 17 Uhr schlossen die letzten 300 Geschäfte. Der letzte Film, der in einer Blockbuster-Filiale auf Hawaii über die Theke ging, hieß „This Is the End“. Ironie der Geschichte: Vor 14 Jahren hatte Blockbuster mal die Chance, für den Schnäppchenpreis von 50 Millionen Reed Hastings’ kleinen DVD-Verleih zu übernehmen. Heutiger Netflix-Börsenwert: 23 Milliarden Dollar.

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