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Medien & TV Das neue deutsche Reißverschlussprogramm
Nachrichten Medien & TV Das neue deutsche Reißverschlussprogramm
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09:50 17.06.2014
Im Newsroom von Deutschlandradio Kultur ging es bisher um „Nachrichten und Aktuelles“. Künftig kommt die klassische Politikberichterstattung aus Köln. Quelle: dpa
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Berlin

Berlin muss sich ändern, damit Köln gleich bleiben kann. Das ist die eine Lesart der neuen Programmstruktur bei Deutschlandradio Kultur. Die andere ist: Das Berliner Programm hat zwar seine Sternstunden, ist aber insgesamt zu unübersichtlich. Von Sonnabend an geht Deutschlandradio Kultur mit einem neuen Sendeschema an den Start. Dafür wurden die Redaktionen im altehrwürdigen Rias-Funkhaus im Berliner Westen kräftig durcheinandergemischt. In den vergangenen Monaten führte die dräuende Reform allerdings auch zu jeder Menge Missstimmung, die in einem Brandbrief gipfelte. Intendant Willi Steul wurde intern als „Intendantendarsteller“ bezeichnet, der „Mitarbeiter wie ein Bulldozer niederwalze“. Nun haben sich sie die Fronten beruhigt, wenn auch noch nicht alle von der Reform überzeugt sind.

Politik- und Kulturredakteure, bislang streng in zwei Hauptabteilungen getrennt, arbeiten künftig gemeinsam für die Primetimesendung „Studio 9“, die morgens, mittags und abends insgesamt sieben Stunden Programm den Tag dominiert. Sie ersetzt die bisherige Polit-Primetime namens „Ortszeit“ . Auch das Kultur-Flaggschiff „Radiofeuilleton“ wird abgeschafft, die Berichterstattung stärker gegliedert. Sendungen wie „Lesart“ (Literatur), „Tonart“ (Musik), „Rang 1“ (Theater) und „Vollbild“ (Film) widmen sich einzelnen Genres .

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Ziel der Operation: ein „nationales Diskursradio“ und ein „komplementäres“ Programm zum Deutschlandfunk. So drückt es Programmdirektor Andreas-Peter Weber aus. Auf die „traditionelle etatistische Politikberichterstattung“ solle weitestgehend verzichtet werden, ergänzt Chefredakteur Peter Lange. Sol heißen: Die „Äußerungen von CSU-Hinterbänklern“ überlässt man dankend den Kollegen aus Köln, die ebenso unreformierbar wie erfolgreich die klassische überregionale Politberichterstattung im Radio liefern. Das Berliner Haus muss sich abgrenzen, will nun bei „Studio 9“ weniger Themen, dafür intensiver ansprechen, mehr Hintergrund liefern und setzt auf die „Kulturalisierung der Politik und die Politisierung der Kultur“.

Die Wortgirlanden sollen weiterhin einen hohen Anspruch anmelden, vor allem geht es aber um eines: Köln und Berlin sollen sich nicht weiter gegenseitig die Hörer abgraben. „Reißverschlussprogrammierung“ ist das Zauberwort, das am radikalsten im Nachtprogramm durchgezogen wird: Während in Köln auch nachts das Wort regiert, sendet Berlin vier Stunden lang Musik. Dem fällt eine der ungewöhnlichsten Sendungen des deutschen Radios zum Opfer: Der Hörer-Talk „2254“. Benannt nach der Telefonnummer des Studios (0800/2254 2254). Seit 16 Jahren diskutieren Schlaflose über ein vorgegebenes Thema. Es ist eine verschworene Gemeinschaft von Menschen. Menschen wie Hannelore Harnack, 75, pensionierte Krankenschwester aus Berlin-Moabit zum Beispiel. Seit zehn Jahren hört sie allnächtlich die Sendung, seit vier Jahren diskutiert sie regelmäßig mit. Der angekündigte Tod der Sendung macht sie traurig - und ein bisschen sarkastisch. „Es wundert mich nicht. Die Sendung fiel aus dem Rahmen. Sie passte nicht in diese harmoniesüchtige politische Zeit. Viele Beiträge waren jenseits des politischen Mainstreams - eher links, klassisch linksliberal.“

Von Jan Sternberg

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