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Medien & TV Umstrittenes Spiel „Modern Warfare 2“ bricht Rekorde
Nachrichten Medien & TV Umstrittenes Spiel „Modern Warfare 2“ bricht Rekorde
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18:26 18.11.2009
Von Jan Henrik Flecke
Szene aus dem Videospiel „Call of Duty: Modern Warfare 2“. Quelle: Activision Blizzard
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Fünf Männer in Anzügen und Schutzwesten gehen gemächlich in die Wartehalle des Moskauer Zhakaev-Flughafens, jeder von ihnen hat ein Maschinengewehr im Anschlag. Sie bauen sich vor etwa 20 Menschen auf, die an einem Schalter warten. Dann eröffnen sie das Feuer. Mit den ersten Schüssen ertönen angsterfüllte Schreie; die Menschen aus dem Pulk brechen blutend zusammen, alle anderen Fluggäste versuchen panisch, vor den Terroristen zu fliehen. Vier der fünf Männer werden in den nächsten Minuten zahlreiche weitere Zivilisten bei diesem Terroranschlag erschießen: Verletzte, die sich in Sicherheit robben, ebenso wie jeden, der sich zu verstecken versucht. Die Schüsse und Schreie werden sich mit Sirenengeheul mischen, doch auch die anrückende Polizei hat gegen die Terroristen keine Chance.

Auch wenn diese Szene erschreckend realistisch erscheint, ist sie zum Glück nur Fiktion – sie ist ein Level des neuen Ego-Shooters „Call of Duty: Modern Warfare 2“. Erschreckend ist die Szene nicht nur wegen der schonungslos zur Schau gestellten Brutalität, die durch die realitätsnahe grafische Darstellung verstärkt wird, sondern auch weil der Spieler die Rolle eines Täters übernimmt. Durch seine Augen verfolgt man den Terror; der Weg, den er beschreitet, ist mit Leichen und Verletzten gesäumt.

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Dass „Modern Warfare 2“ in Deutschland nur als geschnittene Fassung erhältlich ist, um von der USK wenigstens die Einstufung „ab 18“ zu erhalten, merkt man kaum. In der internationalen Version kann der Spieler jedoch selbst auf Zivilisten feuern – in der geschnittenen Fassung führt das zum „Game Over“.

Dem Spieler sollen in dieser Szene die Gräuel des Terrors ins Gedächtnis gerufen werden, rechtfertigt sich der Publisher Activision Blizzard. Das mutet fast schon grotesk an, denn das Flughafenlevel lässt keinen Raum zur Reflexion. Der Spieler wird nahezu unvorbereitet in die Mission geschickt: Als amerikanischer Undercover-Agent wird er in eine Terrorzelle eingeschleust. Dann startet die Mission mit dem Massenmord an Zivilisten, am Ende wird der Spieler selbst vom Anführer der Terroristen erschossen. Danach ist der Abschnitt abgehakt. Wie unnütz das Level ist, lässt sich auch daran erkennen, dass der Spieler diesen Abschnitt einfach überspringen kann – mit dem Warnhinweis, die Szenen seien nichts für schwache Gemüter.

Der schon nach kurzer Zeit berüchtigte „Flughafenlevel“ ist Wasser auf die Mühlen aller, die Videospielen kritisch gegenüberstehen, denn kein Spielefan kann glaubwürdig argumentieren, dass dieser Abschnitt nicht geschmacklos und ethisch fragwürdig ist – niemand bei klarem Verstand kann das Level ernsthaft gut finden. „GameStar“-Chefredakteur Michael Trier bezeichnet das Level als „Tritt ins Gesicht aller, die Arbeit für das Kulturgut Videospiel geleistet haben“, sein Kollege Michael Graf hält es für eine „widerwärtige Gewaltfantasie spätpubertärer Entwickler“.

Dabei hätte der Hersteller diesen Skandal gar nicht nötig: Seit dem hoch gelobten Vorgänger „Call of Duty: Modern Warfare“ wurde kein Spiel sehnsüchtiger von Spielefans erwartet als der zweite Teil der Reihe. Dass sich das Spiel weltweit bestens verkaufen würde, war klar und ist mittlerweile bestätigt: Allein am ersten Tag gingen in den USA und Großbritannien 4,7 Millionen Exemplare über den Ladentisch, auch in den deutschen Verkaufscharts steht das Spiel auf Platz eins. Dazu gab es reihenweise Bestnoten von den Fachzeitschriften: Im Durchschnitt erhielt das Spiel 93 von 100 möglichen Punkten.

An den Verkaufszahlen und der Bewertung von „Modern Warfare 2“ wird deutlich, wie problematisch die Rezeption des Mediums Computerspiel ist. Wer mit Videospielen nichts anfangen kann, wird nicht nachvollziehen können, warum dieses Spiel so erfolgreich ist. Fans der „Call of Duty“-Reihe könnten diesen Leuten dagegen kaum plausibel erklären, warum das Spiel Spaß macht.

Das Flughafenlevel überschattet die Frage nach der Qualität des Spiels. Abgesehen davon ist „Modern Warfare 2“ nämlich ein Action-Spektakel, das den Spieler bis zur letzten Sekunde fesselt. An Dramatik, Abwechslung und Inszenierung erinnert es stark an Actionfilme vom Produzenten Jerry Bruckheimer, denn das Spiel ist randvoll mit packenden Szenen gefüllt, die zudem vom Soundtrack des Oscar-Preisträgers Hans Zimmer dramatisch untermalt sind: Der Spieler flieht spektakulär mit einem Schneemobil aus einer sibirischen Militärbasis, beendet eine wilde Verfolgungsjagd durch eine Favela (ein Elendsviertel) in Rio de Janeiro mit einem waghalsigen Sprung in einen Helikopter oder taucht aus einem U-Boot in den pazifischen Ozean, um eine Ölplattform zu infiltrieren.

Auch wenn die Kampagne mit etwa fünf bis acht Stunden erneut zu kurz ist, sorgt der Multiplayerpart bei „Modern Warfare 2“ für den Mehrwert: Allein am ersten Tag verbrachten die Käufer nach Angaben des Herstellers mehr als 5,2 Millionen Stunden im Mehrspielermodus.

Für „Modern Warfare 2“ scheint es in der Diskussion um Computerspiele keinen gemeinsamen Nenner zu geben. „Was macht daran Spaß?“, fragen die Einen. „Was ist daran schlimm?“, begegnen die Anderen. Das Spiel polarisiert – und hat damit unglaublichen Erfolg.

Call of Duty: Modern Warfare 2“ gibt es für Xbox360, Playstation 3 und den PC. Es ist ab 18 Jahren freigegeben und kostet etwa 50 bzw. 70 Euro.