Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Medien & TV „Up and Coming“-Festival: Jugend filmt
Nachrichten Medien & TV „Up and Coming“-Festival: Jugend filmt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:21 22.11.2009
Lachgesellschaft: Das Publikum im Kino hatte Spaß an den Kurzfilmen. Quelle: Martin Steiner
Anzeige

Es ist ein harter Einstieg für Menschen, die schon dem Schulalter entwachsen sind. Auf einer riesigen Leinwand kreischen im Cinemaxx zwei kleine Kinder mit großen Augen in Nahaufnahme: „Sind sie vor 1980 geboren? Dann müssten sie längst tot sein!“ Und dann präsentiert das Duo beeindruckende Beweise für ihre zumindest streitbare These: vor 1980 gab es kaum Kindersitze, Airbags und Menschen, die Gurte anlegten. Die Kinder damals nahmen Bauklötze mit gesundheitsgefährdenden Lacken in den Mund, tranken Wasser direkt aus dem Wasserhahn, und bei Geburtstagen gab es noch Limo mit zahlreichen Geschmacks- und Farbstoffen, keine Öko-Brause. Sie spielten nicht mit Playstation und MP3-Player, sondern sogar draußen! Mitten in der Stadt! Und ihre Eltern wussten nicht, wo sie waren! Denn es gab keine Handys! Tatsächlich, die beiden Schreihälse haben recht. Wir können froh sein, dass wir noch am Leben sind.

Der gelungene Kurzfilm der Video-AG der Volksschule Rieden war am Freitag im sogenannten Open-Screen-Teil des „Up and Coming“-Nachwuchsfilmfestivals zu sehen, das noch bis Sonntag im hannoverschen Cinemaxx Nikolaistraße lief. Dabei wurde erstmalig Kurzfilmen ein Forum geboten, die im Schulunterricht oder in schulischen Video-AGs und Projektwochen entstanden sind. Von 100 eingegangenen Beiträgen konnten die Zuschauer 22 Filme sehen – ein stilistisch durchaus vielfältiger Querschnitt. So schuf die Klasse 7a vom Walburgis-Gymnasium im Sauerland eine animierte Castingshow mit Knetfiguren, bei der sich eine Schildkröte im Breakdance versucht, Schüler des Johannes-Kepler-Gymnasiums in Garbsen zeigten einen sehenswürdigen dreiminütigen Clip über Tagträume und die Liebe an der Straßenbahnhaltestelle. Und der Sozialwissenschaftskurs der neunten Klassen des Dietrich-Bonhoefer-Gymnasiums Ratingen-West nahm sich der Frage an, ob man in einem riesigen Plattenbauviertel glücklich leben kann. Man kann, so die Quintessenz.

Anzeige

Die Filme unterhielten aber nicht nur, sie warben vor allem für den pädagogischen Ansatz, Film als Lehrmethode in Schulen einzusetzen. Und so antwortet Daniel Hercenberger von der hannoverschen St.-Ursula-Schule auf die Frage nach der Idee für seinen Film über den Ausbruch des Dritten Weltkriegs: „Ich hab mich im Matheunterricht gelangweilt.“ Er hatte also Zeit und beschloss, mit der Film-AG seiner Schule eine Unterrichtsstunde zu filmen, in der Schüler über die Gründe eines Weltkriegs diskutieren. Am Ende ertönt ein Fliegeralarm. „Der Sinn eines Films ist doch Emotionen zu wecken“, sagt der 20-Jährige. Er habe schon etliche Stunden in der Schule den Nationalsozialismus behandelt, aber erst eine filmische Auseinandersetzung mit dem Thema brachte ihn zum Nachdenken. „Mit einem Film verarbeitet man Themen doch viel besser“, sagte Hercenberger. „Und es macht auch mehr Spaß, als Filme nur anzuschauen.“

Der Spaß stand auch für fünf Hamburger vom Gymnasium Lerchenfeldt im Vordergrund. „Wir konnten in einer Projektwoche machen, was wir wollten“, sagt der 16-jährige Nils Jünke. Also zogen sie los, liehen sich Kameras und filmten fünf Tage lang das Stadtleben an markanten Punkten Hamburgs. Im Zeitraffer wiedergegeben, entstand so ein bewegendes Dokument der Schnelllebigkeit unserer Gesellschaft. „Wir haben fünf Tage durchgemacht und sind sehr stolz, den Film bei einem richtigen Festival zeigen zu können“, sagte Jünke.

Verantwortlich für die Filmauswahl war Claudia Wenzel aus Hannover. Der ausgebildeten Pädagogin geht es vor allem darum, Lehrer für den Film als Unterrichtsmethode zu begeistern. Darum organisiert sie für die Initiative filmlehrer.de Fortbildung für Lehrer zur Filmproduktion, Workshops zum Filmeinsatz in Schulen und regelmäßige Fachtreffen. „Bei Schülern gibt es eine große Motivation, sich mit Filmen auszudrücken – wir wollen Lehrern helfen, diese Motivation aufzunehmen und in Projekte umzusetzen“, sagte Wenzel. Dass das in Zeiten von Turbo-Abitur und chronischen Finanzierungssorgen der Schulen nicht einfach ist, weiß die Pädagogin. „Schüler und Lehrer stehen unter einem großen Druck, und es fehlt immer an Zeit und Geld“, sagte Wenzel. Aber den Schülern werden mit der Arbeit am Film zahlreiche Kompetenzen wie Teamfähigkeit und Zielstrebigkeit vermittelt. Und am Ende schaffen sie sogar ein eigenes Werk, das nun sogar auf einem richtigen Filmfestival zu sehen ist. „Es lohnt sich, auf den Film zu setzen“, sagte Wenzel. Die gezeigten Kurzfilme gaben ihr recht.

von Jan Sedelis