Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Medien & TV Uwe-Karsten Heye: "Ich glaube an das Glück"
Nachrichten Medien & TV Uwe-Karsten Heye: "Ich glaube an das Glück"
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:10 10.02.2011
Die Schauspielerin Maria Furtwängler und der Autor Uwe-Karsten Heye.
Die Schauspielerin Maria Furtwängler und der Autor Uwe-Karsten Heye. Quelle: dpa
Anzeige

Herr Heye, können Sie mittlerweile schwimmen?
Uwe-Karsten Heye: Ich habe es mir selbst beigebracht, indem ich vom Startblock zur ersten Treppe getaucht bin und so zwangsläufig gelernt habe, den Kopf auch über Wasser zu halten.

Zur Not springen Sie ins Ungewisse?
Offenbar. Nach acht Jahren Schule haben meine Schwester und ich auch beschlossen, unserer Mutter das Schulgeld zu ersparen. Durch den Abbruch musste ich mir mein Wissen auf dem zweiten Bildungsweg aneignen, also mit Anstrengungen, die mehr Einsatz fordern. Das war auch so ein Sprung ins Wasser, ohne schwimmen zu können.

Dass Sie es nicht konnten, rettet Ihnen in „Schicksalsjahre“ das Leben. Ihre Mutter verzichtet darauf, mit Ihnen und Ihrer Schwester auf der "Wilhelm Gustloff" zu fliehen.
Schwimmen hätte mir zwar wenig gebracht, wäre ich mit der „Gustloff“ untergegangen. Aber meine Mutter hat genau deshalb unsere Tickets weggeben, um mit dem Zug in den Westen zu fliehen.

Sind Sie schicksalsgläubig?
Es gibt zwar Wendungen, die sich schicksalhaft verdichten können, aber vernunftgeleitete Menschen werden nicht von irgendetwas Unaussprechlichem getrieben. Meine Hoffnung ist die Kraft der Gestaltungsfähigkeit.

Klingt sozialdemokratisch.
Das klingt nicht nur so. Aber selbst dieser Rationalismus kommt nicht ohne Glauben aus. Ich glaube an das Glück.

Das dem Schicksal ähnelt.
Einverstanden. Aber das Glück, die Richtigen zu treffen, um sein Leben gestalten zu können, hat auch mit Intuition zu tun. Man braucht es, um zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Aber was die Generation meiner Mutter als Schicksal begreift, war hausgemacht. Hätte es wirklich Widerstand gegen die Nazis gegeben, anstatt ihnen die Macht auf dem Silberteller zu servieren, hätte man sich danach nicht so ins Schicksalhafte flüchten müssen.

Erzieht das dazu, sein Schicksal selbst in die Hände zu nehmen?
Da gibt es Indizien. Ich bin früh von zu Hause fort, aus Mainz Richtung Köln und weiter, weil ich mein Leben lang der Meinung war, zu wenig zu wissen und deshalb studieren zu müssen. Die Uni habe ich zwar nur einige Semester von innen gesehen, mich dafür aber strikt zum Journalismus bewegt – die Voraussetzung, dass Willy Brandt auf mich aufmerksam geworden ist und als Redenschreiber in die Politik gezogen hat. Seither pendle ich zwischen den Welten.

War dieses Buch im Anschluss an die Politik eine Richtungsentscheidung?
Nein, es verfolgt ja einen politischen Ansatz. Ich wollte am Beispiel meiner Familie zeigen, was die Nazis angerichtet und mit den Menschen gemacht haben.

Ihre Mutter stellt sich darin als Mitläuferin dar, die an bestimmten Punkten ihre Prinzipien deutlich machte.
Ganz genau. Es geht ja nicht nur darum, Geschichte zurückzuverfolgen, sondern Bewusstseinslagen mit der Gegenwart abzugleichen. Ich zitiere da gerne Christa Wolf, die ihre „Kassandra sagen lässt: „Alles wird sich vor ihren Augen abspielen und sie werden nichts sehen.“ Das wäre ein Satz, den meine Mutter unterschrieben hätte, weil das ihr Selbstvorwurf war, als sie im Nachhinein nachdachte, wie das alles passiert war und warum ihr Leben so abgrundtief glücksfern lief. Da kam sie zu dem Schluss: Wir haben es gewähren lassen, vielleicht nicht aktiv befördert, aber passiv geduldet.

Diese Erkenntnis kommt Ihrer Mutter im Film früher. Heroisiert er da mehr als nötig?
Er zeigt zumindest den Prozess der Entwicklung. In den ersten Jahren des Regimes besaß sie gar nicht die Vorstellungskraft, dass die schrecklichen Gerüchte möglich waren. Die Gewissheit kam ihr erst, als sie von ihrem Vater über die Lage in Polen hörte. Vielen Deutschen meiner Generation ist der Zivilisationsbruch durch die Nazis ja erst mit dem Auschwitzprozess bewusst geworden. Überlegen Sie mal: Anfang der sechziger Jahre!

Haben Sie Ihre Mutter in Frau Furtwängler wieder erkannt?
Sehr. Ich spürte die Intensität, mit der sie sich in die Figur hineindenken wollte. Sie hat mich oft angerufen, um ihre Wahrnehmung der Person übers Buch hinaus einer zusätzlichen Präzisierung zu unterziehen. Ich finde meine Mutter durchaus wieder.

Nur nicht optisch.
Aber typmäßig, das ist doch entscheidender als visuelle Ähnlichkeit. Die kann ohnehin außer mir kaum einer nachvollziehen. Ich hatte die Sorge, dass der Film zur reinen Liebesgeschichte wird, zum Melodram ohne Background. Aber als Trägerin des Lebens meiner Mutter ist Maria Furtwängler großartig.

Interview: Jan Freitag