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Medien & TV Verfall einer Familie - Dieter Wedel und die "Gier"
Nachrichten Medien & TV Verfall einer Familie - Dieter Wedel und die "Gier"
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19:01 15.01.2010
Von Imre Grimm
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Die Bilder wirken wie aus der Zeit gefallen: ein schillernder Finanzjongleur, seine schwerreiche, gutgläubige Kundschaft, coole Partys, schnelle Boote, junge Mädchen, süße Träume im globalen Kasino. Und dazu der „kleine Mann“, der sein letztes Hemd geben würde, um dazuzugehören zu den Millionenspielern in der Beletage – bis das ganze fragile Lügengebäude eines Tages zusammenkracht und die Illusion vom Reichtum über Nacht unter seinen Trümmern begräbt. Kommt uns das nicht bekannt vor? Keine Frage: Der ARD-Zweiteiler „Gier“ von Dieter Wedel hätte der Fernsehfilm zur Krise werden können.

Über Jahre ist Wedel in die schrille Welt der Finanzhexer und Fondsvirtuosen eingetaucht – nachdem er selbst einst um ein Haar einem windigen schweizerischen Vermögensverwalter aufgesessen wäre. Da war die globale Finanzkrise noch gar nicht absehbar. Tagelang befragte er – neben anderen – in einem Hamburger Gefängnis den früheren Millionenbetrüger Jürgen Harksen, einst König der Upperclass in Blankenese. Harksen war 2003 zu sechs Jahren und neun Monaten Haft verurteilt worden, nachdem er rund 300 Klein- und Großanlegern unter Vorspiegelung einer Märchenrendite von bis zu 1300 Prozent insgesamt um die 70 Millionen Euro abgeschwatzt hatte. „Harksen hatte eine Woche lang jeden Nachmittag Freigang, um mir seine Geschichte zu erzählen“, sagt Wedel. Im Februar 2008 wurde Harksen aus der Haft entlassen. Heute lebt er auf Mallorca.

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Aus dieser wahren Räuberpistole mixte Wedel – quasi als biografisches Amalgam – seinen Hochstapler Dieter Glanz (Ulrich Tukur) und dessen Ehefrau Gloria (Jeanette Hain), eine echte Hamburger Eisprinzessin, die mit zusammengekniffenen Lippen den schönen Schein wahrt. Glanz und Gloria also. Nun ja. Dieter Glanz („Reichtum ist wie Meerwasser: Je mehr man davon trinkt, desto durstiger wird man“) hat eine illustre Gefolgschaft von Bewunderern um sich geschart, die ihm treu ergeben sind. In diese Runde, die „Glanz-Familie“, drängt der in allen Belangen höchst mittelmäßige Angestellte Andy Schroth (Devid Striesow), der vom Glanz des Herrn Glanz geblendet erst seinen Vater (Heinz Hoenig), dann seine Kollegen und zuletzt sogar seinen Zahnarzt um Geld anhaut, um bei Glanz investieren zu können.

Gemeinsam mit anderen Glanz-Jüngern wartet Schroth nun auf das ganz dicke Geld; dem reichen Erben Hajo Novak (schön schmierig: Harald Krassnitzer), dem Juwelier Alfi Baumer (Kai Wiesinger), dem von Uwe Ochsenknecht gespielten Halbweltboss Leon Grünlich (die „Buddenbrooks“ lassen grüßen) sowie dem Partymädchen Nadja (Sibel Kekilli). Aber komisch: Die Millionen strömen nicht. Glanz hat sich – wie einst Harksen – nach Südafrika abgesetzt. Und mit dem hoch verschuldeten Schroth geht es steil bergab: mein Haus, mein Geld, meine Ehefrau – alles weg. Es folgt: der Verfall einer Familie. Glanz geriert sich derweil vor Presse und Justiz ähnlich wie Harksen als eine Art „Robin Hood“ der Hochfinanz, wärend die Medien seine Opfer zu nimmersatten Gierschlünden stilisieren.

Gedreht wurde im Frühjahr 2009 in Bremen, Köln, Bonn, Südafrika und Hannover. Der Name Harksen taucht im Film nicht auf. Dennoch liegt Wedel inzwischen im Clinch mit seinem Kronzeugen. Harksen kritisiert, Wedel habe sein Leben ohne seine Zustimmung verfilmt. Wedel beharrt darauf, dass Harksens Leben ihn lediglich „inspiriert“ habe. „Ich hatte 2003 seinen Prozess gar nicht mitbekommen“, sagte er kürzlich, „bis eine Hamburger Gerichtsreporterin schrieb, die Sache höre sich an wie ein Mehrteiler von Wedel.“ Immerhin saßen beide friedlich gemeinsam bei „Maischberger“ in der ARD. „Die größte Angst bei einem Millionär“, sagte Harksen da, „ist, dass er irgendwann keiner mehr ist. Das verursacht den Giervirus.“

Wedels Film begegnet der globalisierten Großmäuligkeit der Herren in den tiefen Ledersesseln nicht mit den üblichen Neidreflexen oder gar stumpfer Verachtung. Er will das verzweifelte Dazugehörenwollen in der Schickeria zeigen, wo es kaum „Freunde“ ohne Anführungszeichen gibt, will auch die Sinnleere eines solchen Lebens zwischen absurden Gewinnversprechen, Luxus und süßen Lügen entlarven. Ulrich Tukurs teuflisch smarter Dieter Glanz ist ein bundesdeutscher Gordon Gekko. Und Devid Striesow als töffeliger Andy Schroth gleicht dem „Semmeling“ aus Wedels frühem Wirken, dem Jedermann, der wir alle sind, die immer ein bisschen mehr Geld zu brauchen glauben, als sie gerade haben.

Leider gerät „Gier“ streckenweise allzu plump und überzeichnet. Wedels Helden sind glücksbesoffene Großverdiener, Parodien ihrer selbst, die alle naselang grölend in den Pool springen und offenbar täglich Tanzlust verspüren. Das pathologische Profil des Typus Hochstapler ist nicht Wedels Thema, auch nicht das Psychogramm einer Gesellschaft, die gerade lernen muss, dass nackte Gier als Leitmotiv auf Dauer nicht taugt. Wedels Film wirkt, als hätte es die Krise nie gegeben. Seine Botschaft ist allzu schlicht: Gier macht krank und blöd. Andauernd wiederholt er das Klischee vom dämlichen Pfeffersack, der sich von Glanz einlullen lässt („Morgen zahle ich das Investment aus, morgen ganz bestimmt!“) und dabei still betrinkt.

„Es ist nicht nur die Gier nach Geld, die Menschen antreibt“, sagt Wedel, „sondern auch die Gier nach Liebe, nach einem erfüllten Leben, nach Anerkennung, dem Bedürfnis, einer auserwählten Gruppe anzugehören.“ Aus dieser Analyse großes Fernsehen zu machen, ist dem „Bellheim“-Regisseur freilich nicht gelungen. Anders als zuletzt „Mein alter Freund Fritz“ aus dem Jahre 2007, Wedels Abrechnung mit dem deutschen Gesundheitswesen – ebenfalls mit Tukur in der Hauptrolle –, ist „Gier“ kein glanzvolles, kluges Fernsehereignis geworden. Diese Chance hat er vertan.