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Medien & TV Vor 100 Jahren erschien erste Ausgabe von „Der Sturm“
Nachrichten Medien & TV Vor 100 Jahren erschien erste Ausgabe von „Der Sturm“
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20:18 02.03.2010
Von Johanna Di Blasi
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Es herrschte eine steife Brise in der Kultur vor hundert Jahren in Berlin, das damals schon einmal so ein vibrierendes Literatur- und Kunstzentrum war wie heute. Und in dieser Zeit der Umbrüche, der kulturellen Manifeste, Proklamationen und Pamphlete tauchte eine Zeitschrift mit dem verweht-verwegenen Kampftitel „Der Sturm“ auf. Am Mittwoch vor genau hundert Jahren erschien die erste Ausgabe des wichtigsten Sprachrohrs der Expressionisten und anderer -Isten.

„Der Sturm“, so hieß es 1910 in einem Prospekt zur Abonnentenwerbung, „ist das Blatt der Unabhängigen. Kultur und Kunst der heutigen Zeit werden kritisch bewertet. In dieser Zeitschrift äußern sich Persönlichkeiten, die eigene Gedanken und eigene Anschauungen haben. Ausgeschlossen ist jede Art von Journalismus und Feuilletonismus“.

„Der Sturm“ ist nicht zu trennen von seinem charismatischen Herausgeber, dem jüdischstämmigen Herwarth Walden. Dieser war ein Multitalent, ein Networker im Europamaßstab, ein Kämpfer für neue Kunstströmungen und zudem ein ungemein talentierter PR-Stratege. Walden machte den Begriff „Sturm“ zu einem Markenzeichen, zu einer Corporate Identity. „Der Sturm“ war nicht bloß eine „Wochenzeitschrift für Kultur und die Künste“, sondern ein Club aus modernen Stürmern und Drängern. Bald schon gab es auch eine „Sturm“-Galerie, einen „Sturm“-Verlag und eine „Sturm“-Kunstschule. Man traf sich bei „Sturm“-Abenden und tanzte auf „Sturm“-Bällen. Zu den Stammgästen und Stammkünstlern gehörte auch der hannoversche Dadaist Kurt Schwitters.

Das „Who’s who?“ des Kunst-, Literatur- und Architekturbetriebs fand in Waldens Imperium eine intellektuelle Heimat: Peter Altenberg, Max Brod, Knut Hamsun, Karl Kraus, Adolf Loos, Heinrich Mann, Guillaume Apollinaire oder Waldens Frau, Else Lasker-Schüler. Junge Künstler wie Franc Marc, Oskar Kokoschka oder August Macke wurden dank des „Sturm“ einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Für eine Kulturzeitschrift war die Auflage enorm: Bis zu 30 000 Exemplare wurden gedruckt. Die Konkurrenz war groß: Um 1914 gab es in Deutschland zirka 165 Literatur- und weitere 182 Kunstzeitschriften, wobei kaum ein Blatt sich so lange hielt wie „Der Sturm“. Nach dem Ersten Weltkrieg schwand allerdings dessen Bedeutung, 1932 erschien die letzte Ausgabe. Walden war kurz nach Kriegsende der Kommunistischen Partei beigetreten, 1932 ging er in die damalige UdSSR. Er starb 1941 in einem stalinistischen Lager.

Wenn Walden sich die heutige Kunstzeitschriftenlandschaft ansehen könnte, was würde er sagen? Statt lebensreformerischer Ideale wird auf Hochglanzseiten der Lifestyle zelebriert. Nicht nur als Deutschlands, sondern als Europas größtes Kunstmagazin bezeichnet sich das seit 1979 in Hamburg herausgegebene Kunstmagazin „art“. Die Auflage beträgt monatlich rund 58.000 Exemplare. Sie ist somit höher als die des „Artforum International“, von dem in New York monatlich 50.000 Hefte gedruckt werden.

Im „art“-Magazin finden sich süffig zu lesende und üppig bebilderte Storys. Laut Eigenwerbung richten sie sich an eine „Topzielgruppe“. Gemeint sind zwischen 30 und 49 Jahre alte Großstädter, „die den gehobenen gesellschaftlichen Statusgruppen“ angehören und sich durch „eine starke Genussorientierung und ein gehobenes Konsumverhalten“ auszeichnen – Alpha-Konsumenten mithin.

Dieselbe Zielgruppe hat das Magazin „Monopol“ im Visier, das vor sechs Jahren von den ehemaligen „FAZ“-Redakteuren Florian Illies und Amélie von Heydebreck als „Magazin für Kunst und Leben“ gegründet wurde (Auflage: 35.000). Am 1. Mai bekommt „Monopol“ einen neuen Chefredakteur: Holger Liebs wechselt von der „Süddeutschen Zeitung“ nach Berlin. Deutschlands ältestes Kunstmagazin aber ist das 1972 gegründete „Kunstforum International“: ein monothematisches Kompendium für Leute mit ganz viel Zeit zum Lesen.

Betont nüchtern, wie ein Wissenschaftsperiodikum, kommen die „Texte zur Kunst“ daher. „Texte zur Kunst“-Leser sind in der Regel „Monopol“-Verächter. Das 1990 in Köln gegründete und seit 2000 in Berlin erscheinende Heft ist ein Sprachrohr für Institutionskritik, Medienkritik und Globalisierungskritik und Geschlechterdebatten. Zu den Stammautoren gehört der Poptheoretiker Diedrich Diederichsen. „Texte zur Kunst“ konnte, obwohl es bloß in 5000er-Auflage erscheint, in den neunziger Jahren in der Kunst eine gewisse Diskurshoheit behaupten. Künstler und Theoretiker aus dem „Texte zur Kunst“-Kreis sind im Kulturbetrieb der zurückliegenden Jahre durchaus einflussreich gewesen. Inzwischen hat sich der Wind aber etwas gedreht. Ein neuer Sturm ist jedoch noch nicht abzusehen.