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Medien & TV Vorzeigefrau mit zwielichtiger Vergangenheit
Nachrichten Medien & TV Vorzeigefrau mit zwielichtiger Vergangenheit
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09:03 01.02.2012
Von Karsten Röhrbein
Alte Bekannte: Zuhälter Kurt Matzinger (André Hennicke) erpresst Vera Schlink (Aglaia Szyszkowitz). Quelle: ARD
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Wien

Sie ist 38, glücklich verheiratet, hat einen erfüllten Job, tollen Sex und schafft es sogar, ihre achtjährige Tochter immer pünktlich von der Schule abzuholen. Und vielleicht ist sie sogar in Kürze „Fondsmanagerin des Jahres“. Vera Schlink (Aglaia Szyszkowitz) hat es geschafft.
Sorgen und Nöte dringen nicht durch die dicken Glaswände von Loft und Büro. Das Unerfreulichste, mit dem Vera Schlink zuletzt zu tun hatte, war der Wasserschaden der neuen Nachbarin. Doch selbst den bekam die patente Bankerin schnell in den Griff. Und für Melli (Mavie Hörbiger), die arbeitslose Nachbarin, hatte sie anschließend auch gleich Verwendung – als Assistentin in ihrer Firma.

Doch mit der sterilen Idylle, die Regisseur Robert Dornhelm zu Beginn des Wien-Thrillers „Die Schatten, die dich holen“ entwirft, ist es schnell vorbei. „Wenn man seinen Beruf mit Anstand ausübt, darf man sich auch über eine solche Auszeichnung anständig freuen“, erklärt Schlink auf ihrer Nominierungsparty, als ein ungebetener Gast aufkreuzt. Ein alter Bekannter (André Hennicke). Er hat Fotos dabei – aus einer Zeit, als Vera noch Lola hieß und ihr Geld als Edelprostituierte auf der Reeperbahn verdiente. Zehn Jahre saß der Mann, der sich jetzt Kurt Matzinger nennt, hinter Gittern, weil die Frau, die sich jetzt Vera Schlink nennt, gegen ihn ausgesagt hatte. 

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Es kommt, wie es kommen muss: Damit ihr Mann Hannes nichts von der Rotlichtvergangenheit erfährt, gibt Schlink ihrem ehemaligen Zuhälter 100 000 Euro Schweigegeld. Dem reicht das natürlich nicht: „Die Fotos sind bezahlt“, sagt er hämisch. „Was ist mit den Filmrechten?“

Matzinger will mehr. Vielleicht auch mehr, als Vera ihm geben kann. „Ich will akzeptiert sein“, erklärt er der fassungslosen Exprostituierten. „Ich will sauber sein. Ich will ein beschauliches Leben, wie du und Hannes, porentief rein.“

Spätestens hier hat Drehbuchautor Uli Brée übertrieben. Sein Zuhälter ist eine miese Type, ein notorischer Lügner und Schläger, dem man auch einen Mord zutraut. Ein Mephistopheles aber, der spöttisch und lustvoll die Welt der Spießbürger seziert, ist er nicht. „So ist das in unserer feinen Gesellschaft“, sagt Matzinger etwa, „alle gehen in den Puff, aber keiner will ’ne Nutte als Frau.“

Schauspieler Hennicke gibt dennoch sein Bestes. Etwas linkisch späht er sein Opfer aus, dann läuft er – der sich als „alter Freund“ ausgibt – auf der Party zu großer Form auf. So überzeugend ist sein Auftritt, dass Schlinks argloser Mann Hannes Gefallen an ihm findet: „Er hat gute, unkonventionelle Ideen, der Mann.“  Die hat Matzinger ohne Frage. Er will in die Investmentfirma der Schlinks einsteigen. Und die Bedrängte ahnt, dass sie ihrer Vergangenheit nicht entkommen wird, wenn sie nicht zum Äußersten greift.

„Die Schatten, die dich holen“ ist – trotz einiger Schwächen – ein spannender Thriller mit vielen Unbekannten. Was hat Matzinger noch alles in der Hinterhand? Was weiß die Presse? Welche Rolle spielt Nachbarin Melli, die Vera Schlink berät, als diese nur wie paralysiert dasitzt. Und vor allem: Wie entscheidet sich das Erpressungsopfer?

Angst, Lethargie und den Mut der Verzweiflung spielt Aglaia Szyszkowitz exzellent. Die letzten 20 Minuten agiert sie wie im Rausch – da nimmt der Zuschauer auch das abstruse Finale gerne in Kauf.