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Medien & TV Man darf Youtuber nicht unterschätzen: Warum das Rezo-Video völlig legitim ist
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Warum das Rezo-Video völlig legitim ist – Sieben Thesen

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13:08 25.05.2019
„Wahrscheinlich Welt kaputt“: Youtuber Rezo in seinem Video „Die Zerstörung der CDU“. Quelle: Rezo/Youtube
Hannover

Ja, man könnte es sich leicht machen.

So, da hat also die Social-Media-abhängige, nix kapierende Pöbeljugend jetzt mal eben die Politik für sich entdeckt. Da haut ein junger Typ mit blauen Haaren ein 55-Minuten-Video mit ein paar Halbwahrheiten und Pauschalgepöbel über die CDU raus – und weil die Jugend eben keine Ahnung von echter Politik hat, frisst sie ihm jetzt aus der Hand.

Könnte man sagen. Es wäre aber völlig falsch.

Der Youtuber Rezo hat ein Video gemacht. Es ist ein einziger Wutausbruch, gestützt freilich auf eine mehrtägige Recherche. Der Mann ist kein Journalist. Aber nirgends steht geschrieben, dass nur Politiker und Journalisten über Politik sprechen dürfen. Jeder darf das tun. Und er hat – daran besteht kein Zweifel – nicht nur einen Nerv getroffen, sondern gleich mehrere. An der Debatte um das #RezoVideo lässt sich vielerlei ablesen. Sie steht für die Entfremdung zwischen dem politischen System und großen Teilen der jüngeren Deutschen, für die anhaltende Berührungsangst der Politik gegenüber den vielfältigen Spielarten der Digitalisierung. Und sie steht exemplarisch für einen Konflikt, der dieses Land auf Jahre hinaus beschäftigen wird: für die Angst der Älteren in einer vergreisenden Republik um den Status Quo und die Angst der Jüngeren in eben dieser vergreisenden Republik um ihre Zukunft, weil alles viel zu langsam, viel zu behäbig und sehr viel zu ängstlich vorangeht – von Klimawandel bis zur digitalen Infrastruktur, von der Bildungsreform bis zu einer neuen, modernen Mobilität.

Deutliches Video-Statement: Rezo, Dagi Bee, LeFloid und Co. legen nach

Sieben Thesen zum Rezo-Video

Erste These: Alt und Jung reden aneinander vorbei

„Die sollen mal lieber zur Schule gehen!“: Schon das Kopfschütteln über die „Fridays for Future“-Schulstreiks verriet: Ältere und Jüngere haben ein dialektisches Problem. Nicht alle, nicht immer, aber im Kern ist es ein Generationenkonflikt. Im Falle des Rezo-Videos tritt er deutlich zutage. Das fing schon an bei der Empörung über den Titel des Videos: „Die Zerstörung der CDU“. Wie man sich denn die „Zerstörung“ einer Partei zum Ziel setzen könne, klagten erregte CDU-Politiker. Das sei doch schlechter Stil. Und überhaupt: Nichts gegen eine harte Auseinandersetzung, aber was solle denn bitte diese Aggressivität? Derlei Reaktionen verrieten den digitalen Analphabetismus ihrer Absender. „Die Zerstörung von…“ ist im Youtube-Slang ein gängiges Format, eine Art Metapher für „Entlarvung“ oder „Bloßstellung“. Es geht selbstverständlich nicht um die tatsächliche, echte Absicht, eine Partei im herkömmlichen Sinne zu zerstören. Wie sollte das auch gehen?

Ein Vergleichsbeispiel: In der professionellen Comedy gibt es die etablierte Form des „Roast“: Andere Comedians machen sich vorsätzlich, sehr böse und oft sehr lustig über einen Kollegen her („The Roast of Charlie Sheen“) – in dessen Anwesenheit. Wer glaubt, dass es bei „Die Zerstörung der CDU“ um die wahre Vernichtung einer Partei gehen soll, glaubt auch, dass Charlie Sheen bei „The Roast“ tatsächlich auf den Grill kommt.

Zweite These: Rezo ersetzt keinen seriösen Journalismus

Und das will er auch gar nicht. Diesen Anspruch hat er niemals formuliert. Rezo hat sich auf der Basis einer durchaus aufwendigen Recherche eine Meinung gemacht. Diese Meinung hat er veröffentlicht. Aus der Polemik seiner Ausführungen ergibt sich die klare Tatsache, dass es um einen Meinungsbeitrag geht. Dass für Hunderttausende seiner Zuschauer dieser Film möglicherweise der Erstkontakt mit Politikberichterstattung ist, dass ihnen die Spielregeln des klassischen Journalismus, der Meinung und Fakten zu trennen und einigermaßen ausgewogen zu berichten hat, angesichts von Rezos Stil fremd bleiben könnte, ist nicht die Schuld von Rezo. Es ist – wenn überhaupt – die Schuld der traditionellen Medien, die junge Leser, Zuschauer und Zuhörer mit ihren Mitteln eben nicht erreichen. Ebenso wenig übrigens wie die großen Parteien. Mal abgesehen davon, dass der hohe Anspruch, Meinung und Fakten zu trennen, ehrlicherweise auch von den Profis nicht rund um die Uhr erfüllt wird.

Dritte These: Die großen Parteien haben es nicht verstanden

Allein die Idee der CDU, mit einem Video von Partei-Youngster Philipp Amthor auf das populäre Rezo-Video zu antworten, verrät eine verheerende Ahnungslosigkeit über Lästerpotenzial und Fettnäpfchengefahr in einer digitalen Debatte. Amthor – als frühgealtert wirkender Jungstar mit großem Sendungsbewusstsein ohnehin schon eine beliebte Zielscheibe in den Netzwerken – vorzuschicken ist mit Abstand die dümmste Idee, um der viralen Macht des #RezoVideos den Wind aus den Segeln zu nehmen. Das Video wurde dann tatsächlich hergestellt – und nach Ansicht durch die Fachgremien dann doch zurückgehalten. Irgendjemandem muss dann doch aufgegangen sein, dass Amthor und die CDU nur verlieren konnten. Intern freilich wurde das Argument laut, es könne CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak schaden, wenn ein funktionsloser Hinterbänkler wie Amthor zum Aushängeschild der Gegenoffensive gemacht werde. Es ist ein tiefer Einblick in die Hilflosigkeit der Partei.

Vierte These: Die traditionellen Medien gaben kein gutes Bild ab

Der Mann hat blaue Haare. Das geht doch nicht. Das ist so ungefähr alles, was hängenblieb nach all den „Faktenchecks“, all den Erwiderungen aus den Parteien und aus den traditionellen Redaktionen auf das „Die Zerstörung der CDU“-Video. Wie denn bitteschön ein junger Mann, der unter der Baseballkappe eine farbige Frisur trägt und in seinem sonstigen filmischen Wirken ja eher Banalitäten ventiliere, sich erdreisten könne, sich jetzt der Komplexität der Politik anzunehmen? Das war der unausgesprochene Subtext in vielen Repliken.

Der Eindruck in der Rezo-Zielgruppe war verheerend: Politik und Journalismus vereint im Kampf gegen eine aufbegehrende Jugend – im eifrigen Bemühen, den 26-Jährigen als quirligen Zampano zu diskreditieren. Natürlich ist es ein professioneller und völlig legitimer journalistischer Reflex, zu überprüfen, ob die Fakten eines sehr populären und allseits diskutierten öffentlichen Videos der Realität standhalten. Der hämische Subtext vielerorts freilich festigte das Bild von der Berliner Blase, die nichts neben sich duldet, was ihre Deutungshoheit angreift.

Fünfte These: Man darf die Youtuber nicht unterschätzen

Die verkaufen doch nur Lippenstifte und daddeln ein bisschen herum! Jahrelang konnten sich Youtubestars unter dem Radar der tradierten öffentlichen Meinung in Deutschland eine breite Fanbasis aufbauen. Vorherrschende Ansicht: „Das ist doch nur digitaler Kinderkram.“ Doch die Szene hat die Sphäre des Spielerischen längst verlassen. Nicht nur, weil große Unternehmen die Verführungskraft und hohe Glaubwürdigkeit in einer schwierigen Käuferschicht gegen gutes Marketinggeld für sich vereinnahmten. Nicht nur, weil sie gezwungen wurde, sich in Sachen Marketing zu professionalisieren und zum Beispiel Werbung als solche zu kennzeichnen. Sondern auch, weil nicht wenige Youtuber – gealtert und politisch gereift gemeinsam mit ihren Zuschauern – durchaus ein politisches Interesse entdeckten.

Und warum auch nicht? Die Youtuberwelt hat die Pubertät längst hinter sich. Neben den vielfach belächelten, „hart arbeitenden“ Glamourstars bei Instagram hat sich eine Szene von Aufklärern, Anteilnehmern, Erklärern und Aufskornnehmern etabliert, der es nicht mehr nur um Daddeln, Schminken und semiprofessionelles Kichern geht. Mit sehr beeindruckenden Reichweiten haben die Helden der Zunft inzwischen viel Einfluss gewonnen. Aber der Fall zeigt auch: Zum allseits debattierten Politikum wurde die Sache erst, als professionelle Medien sie aufgriffen und sie über die bunte Seifenblase Youtube hinaus zum Thema machten.

Sechste These: Man darf die Youtuber nicht überschätzen

Macht? Einfluss? Schon. Aber beides hat natürlich Grenzen. Und gewiss ist es ein bisschen infantil, wenn sich Rezo in seinem Video auf „Zigtausende“ deutsche Wissenschaftler bezieht und die CDU so ungefähr für alle Übel der Menschheit verantwortlich macht. Oder wenn er findet, Deutschland müsse so schnell wie möglich mit der Kohleenergie und „so nem shit aufhören“. Influencer influencen am Ende doch eine klar umrissene Zielgruppe, weil sie in Text, Habitus und Tonalität kaum Mainstreamwirkung entwickeln dürften. Im Kontext der täglichen Berichterstattung sind fünf Millionen Zuschauer für ein Youtubevideo – davon gewiss nicht wenige aus Neugier am Ursprung dieser Diskussion – dann auch wieder nicht so spektakulär viel.

In der Sache aber hat Rezo ja durchaus einen wunden Punkt getroffen: Die großen Parteien tragen seit 14 Jahren Regierungsverantwortung in diesem Land. Dass sie – und die politische Sphäre insgesamt – in dieser Zeit vielfach den Zorn der Jüngeren geschürt hat, die sich ignoriert fühlen, ist nicht Rezo anzulasten, sondern eine gut belegbare Tatsache. „Die Fakten und Tatsachen sprechen einfach dafür, dass die CDU sich selbst, ihren Ruf und ihr Wahlergebnis zerstört“, behauptet Rezo.

Die Replik von CDU-Generalsekretär Ziemiak zeigte: Getroffene Hunde bellen. „Rezo hat keine Hemmungen, Dinge im Internet einfacher darzustellen, als sie tatsächlich sind“, sagte Ziemiak dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). „Wir haben da mehr Skrupel, weil wir wissen, wie komplex viele Fragen sind.“ Das ist ein berechtigter Einwand – es ist außerhalb der politisch-journalistischen Sphäre aber zulässig, unfair zu sein. Übertreibung macht anschaulich.

Ziemiaks Worte „im Internet“ sind verräterisch. Für ihn gelten im Netz andere Spielregeln und Darstellungsformen als in der sogenannten Realität. Aber diese Phase gerät an ein Ende. Die Welten vermischen sich. Das Digitale ist das Reale.

Siebte These: Um die Jungen zu erreichen braucht es mehr Ideen als Häme

Warum sahen so viele mutmaßlich Jüngere das Rezo-Video? Weil es sie interessierte. Punkt. Politik und Journalismus werden ihre Pfründe nicht retten, indem sie eine Wagenburg auffahren, sich unterhaken und jeden als lächerlich diskreditieren, dessen Ton ihnen nicht passt. Die Partei von Annegret Kramp-Karrenbauer und Angela Merkel wünscht in einem offenen Brief zum Fall Rezo, dass Politik nicht „zum Spektakel“ werden möge. Das ist Merkelismus in Reinkultur. „Die Währung von Youtubern sind Klickraten“, heißt es da. „Die Währung einer Volkspartei wie der CDU ist Vertrauen“.

Völlig richtig. Was aber, wenn nicht eine Volkspartei das Vertrauen von Millionen Jüngeren genießt, sondern ein 26-jähriger Youtuber? Dann ist es höchste Zeit, die eigenen Methoden und Maßstäbe zu überprüfen. Denn auf Dauer werden es sich Politik und Medien auch in einer alternden Republik nicht leisten können, an den Jüngeren vorbeizureden.

Von Imre Grimm/RND

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