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Medien & TV Wenn man sich Künstler und Musiker nach Hause einlädt
Nachrichten Medien & TV Wenn man sich Künstler und Musiker nach Hause einlädt
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18:44 24.08.2011
Von Martina Sulner
Ganz nah am Publikum: Synthiepopper Andreas Dorau bei der Aufzeichnung eines „KüchenKonzerts“. Quelle: Claudia Höhne
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In dem kleinen Raum, der sonst das Schlafzimmer von Marco Antonio Reyes Loredo beherbergt, hängt ein FC-St.-Pauli-Wimpel. Ansonsten ist in dem Zimmer nichts Privates zu sehen. Stattdessen steht und liegt dort allerhand technisches Equipment herum, und ein junger Mann hantiert an einem Mischpult. Regelmäßig verwandelt sich Loredos Loft in Hamburg-Wilhelmsburg in eine Mischung aus Fernsehstudio, Kunstobjekt und Kneipe. Wenn eine Folge der „Konspirativen KüchenKonzerte“ aufgezeichnet wird, ist es dort voll, heiß und lustig.

Seit 2009 gibt es diese Konzerte. Zu jeder Aufzeichnung lädt der Gastgeber, im Hauptberuf Student der Kulturanthropologie, einen bildenden Künstler und einen Musiker oder eine Band ein. Es wird geplaudert, musiziert, zwischendurch kocht Loredo auch ein bisschen.

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Entstanden ist das alles mal, weil der mittlerweile 32-Jährige und mehrere Freunde eine „Plattform für Kunst im Fernsehen“ (Loredo) schaffen wollten. Was sie selber mögen – auf Konzerte und in Ausstellungen gehen und am Esstisch sitzen und reden –, haben sie in ein TV-Format überführt, das ziemlich frei von Formatierungen ist. Weder akribisch durchgeplant noch mit dem Anspruch auf Wiedererkennbarkeit hat das „KüchenKonzerte“-Kollektiv unterschiedliche Künstler in den 70 Quadratmeter großen Wohn-Koch-Bereich nach Wilhelmsburg eingeladen.

Und das sehr erfolgreich: Nachdem die Sendung zwei Jahre lang in verschiedenen Offenen Kanälen lief und für den Grimme-Preis nominiert worden war, wandern die Konzerte jetzt in den Sender ZDFkultur. Die neue Staffel der „KüchenKonzerte“ startet dort morgen um 22 Uhr. Den Beginn macht eine Sendung mit Christoph Faulhaber und der Band Kreisky, die schon vor einer Weile aufgezeichnet wurde.

Anfang dieser Woche trafen in Loredos Wohnung neben 50 Gästen und diversen Fernsehleuten dann der Künstler Tobias Rehberger und der Musiker Andreas Dorau zusammen, die am 23. September auf ZDFkultur zu sehen sind. Der 45-jährige Rehberger, wohl der bekannteste Bildhauer seiner Generation und 2009 mit dem Goldenen Löwen der Biennale in Venedig ausgezeichnet, hatte zuvor schon Gestaltungsvorschläge für die Wohnung gemacht. Denn zum „konspirativen Konzept“ gehört auch, dass jeder Künstler das Loft für den Abend der Aufzeichnung gestaltet. Diesmal sind die Wände nahezu komplett mit weißer Pappe ausgekleidet, bunte Klebestreifen halten die Kartonteile zusammen.

Zu seiner Idee lässt sich der etwas maulfaule Bildhauer kaum etwas entlocken. Immerhin gibt er preis: Irgendwie solle sein Entwurf etwas von „Favela-Charme“ haben und „wie von Kindern gebaut“ wirken. Rehberger taut erst auf, als der Gastgeber ihn zum Tischtennismatch bittet – auf einer kleinen Platte, montiert auf einem Bügelbrett. Der Bildhauer gewinnt knapp mit 7:6, murmelt „Du bist gar nicht so schlecht, wie du tust“ und erhält als Preis eine Flasche Schnaps. Mit der zieht sich Rehberger an einen Tisch zurück und raucht, während Dorau Stücke seiner neuen CD „Todesmelodie“ spielt und sich vom Gastgeber befragen lässt.

Der Abend steht unter dem Motto „Ein Küchenkonzert der Oberflächlichkeiten“. Da ist Dorau, der vor 30 Jahren mit „Fred vom Jupiter“ bekannt wurde und seitdem zahlreiche hochgelobte Elektro-Pop-Alben gemacht hat, ein dankbarer Gesprächspartner: Sympathisch-hibbelig plaudert der Mittvierziger mit dem akkuraten Seitenscheitel über seine Musik, sein Studium an der Münchener Filmhochschule und seinen Fernsehkonsum: gern und viel und zappend.
Ein paar Minuten dauern die Gesprächssequenzen jeweils, dann springt Dorau zurück auf die Minibühne und singt, oder Tobias Rehberger muss sich wieder den Fragen von Loredo stellen. Zwischendurch reichen Helfer Getränke, und der ein oder andere Besucher auf den Bierbänken wird persönlich begrüßt.

Die „Konspirativen KüchenKonzerte“ sind ein wilder, charmanter Mix aus Musik und Gespräch, ohne übermäßig viel Kochgedöns. Auch wenn der Gastgeber tatsächlich gut und gerne kocht und zahlreiche Bände von Wiglaf Drostes und Vincent Klinks Zeitschrift „Häuptling eigener Herd“ in seinem vollgestopften Bücherregal stehen.

„Uns geht es um die Rettung des guten Geschmacks im deutschen Fernsehen“, sagt Loredo, der selber keinen Fernseher hat. So hat das „KüchenKonzerte“-Kollektiv den Konzeptkünstler Baldur Burwitz und die Musikerin Johanna Zeul eingeladen, auch die Musiker Bernd Begemann und Nils Koppruch waren schon dabei. Und das Essen? Am Ende der Aufzeichnung gibt es für jeden Gast Roastbeef und Kartoffel-Rauke-Salat. Etwas kalt und ein bisschen salzarm – doch den Herren Rehberger und Dorau scheint es zu schmecken.