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18:12 06.11.2009
Von Imre Grimm
9. November 1989: Riccardo Ehrman (links auf der Podiumskante) hört Günter Schabowski (Zweiter von rechts auf dem Podium) zu.
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Er kommt zu spät an diesem Donnerstag, alle Stühle sind besetzt, also muss er ganz vorn links Platz nehmen, an der Kante des Podiums im Pressesaal in der Ost-Berliner Mohrenstraße. 53 Minuten lang sitzt Riccardo Ehrman dort, Journalist der italienischen Nachrichtenagentur Ansa, zu Füßen des DDR-Pressebeauftragten Günter Schabowski, den Notizblock auf den Knien. Es ist der 9. November 1989. 53 Minuten hört er sich Schabowskis Nebelbombensätze an. „Parteitagsscheiße“, wie der „Bild“-Reporter Peter Brinkmann das nennt. Der sitzt in Reihe eins, direkt vor Schabowski.
Ein paar Tage ist es her, dass die SED mit einem bürokratischen Monster namens „Reisegesetz“ ihre Haut zu retten versucht hatte. Ehrman, genervt, meldet sich um 18.53 Uhr zu Wort: „Sie haben von Fehlern gesprochen. Glauben Sie nicht, dass es war ein großer Fehler, diesen Reisegesetzentwurf, das sie haben jetzt vorgestellt vor wenigen Tagen?“

Vielfach sind die historischen Irrtümer und Zufälle dieser Nacht beschrieben worden: der schlecht informierte, konfuse Schabowski, die nicht befolgte Sperrfrist, die Tatsache, dass es nur um die ständige Ausreise hätte gehen sollen. In ungezählten Interviews festigte auch Ehrman seither den Mythos von sich als Maueröffner („Ich habe der Weltgeschichte einen Schubs gegeben“). Aber was geschah ganz genau?

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Fakt ist: Ehrman liefert das Stichwort: Reisegesetz. Schabowski antwortet sieben Minuten lang monoton und nebulös. Dann erinnert er sich an den Zettel, den ihm Egon Krenz zugesteckt hatte. Er sagt: „Allerdings ist heute, soviel ich weiß eine Entscheidung getroffen worden. Es ist eine Empfehlung des Politbüros aufgegriffen worden, dass man aus dem Entwurf des Reisegesetzes den Passus herausnimmt und in Kraft treten lässt, der – wie man so schön sagt oder so unschön sagt – die ständige Ausreise regelt, also das Verlassen der Republik. ... Und deshalb, äh, haben wir uns dazu entschlossen, heute, äh, eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, äh, über Grenzübergangspunkte der DDR, äh, auszureisen.“

Verwirrung im Saal. Zwischenfragen: „Ab wann tritt das in Kraft?“ Jemand ruft: „Mit Pass? Mit Pass?“ Auch Peter Brinkmann fragt: „Ab sofort? Ab ...?“ Schabowski sichtet seine Zettel und leiert dann herunter: „Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen (Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse) beantragt werden ...“ Wieder Zwischenrufe. Ehrman stellt die Frage seines Lebens: „Wann tritt das in Kraft?“, es folgt Schabowskis berühmter Holpersatz: „Das tritt nach meiner Kenntnis ... ist das sofort, unverzüglich.“

Doch erst jetzt kommt die Mauer ins Spiel. Was wird aus der Berliner Mauer? Konfusion. Brinkmann fragt noch zweimal nach: „Gilt das auch für Berlin-West? Sie hatten nur BRD gesagt!“ Schabowski stutzt, nickt und liest: „Also ... doch, doch: ,Die ständige Ausreise kann über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD beziehungsweise zu Berlin-West erfolgen.’“ Um 19.01 Uhr ist die Pressekonferenz zu Ende. Die Mauer ist gefallen. Die Weltpresse ist verwirrt.

Ehrman war schon aus dem Saal gestürzt, das sagt er selbst, bevor die Frage nach der Mauer kam. Er hörte nicht mehr, wie Schabowski abwiegelte. Erst müssten die BRD und die NATO abrüsten, dann könne man über die Mauer reden. Ehrman hört es nicht. Er will der Erste sein. Später wird er nicht ohne Genugtuung sagen: „Die anderen haben es nicht verstanden.“ Er ruft seinen Chef vom Dienst an. Der fragt: „Riccardo, bist du verrückt geworden?“ Die Agenturen ringen nach Worten, AP verwendet um 19.05 erstmals das Wort „Grenzöffnung“. In den „heute“-Nachrichten im ZDF kommt Schabowski erst an sechster Stelle. Ansa meldet um 19.31 den Fall der Mauer. In der „Tagesschau“ heißt es dann: „DDR öffnet Grenze“.

Später trifft Ehrman Willy Brandt. Der sagt: „Kurze Frage, enorme Wirkung.“ Seitdem gilt Ehrman als der Journalist, der die Mauer stürzte. Im Oktober 2008 bekam Ehrman dafür das Bundesverdienstkreuz. Im April überraschte der inzwischen 79-Jährige die Weltöffentlichkeit mit der Information, Günter Pötschke, Chef der DDR-Nachrichtenagentur ADN, habe ihn vorher per Telefon gebeten, gezielt nach dem Reisegesetz zu fragen. Ehrman – ein Erfüllungsgehilfe der Stasi? Und warum sagt er das erst heute? Fachleute und Zeitzeugen wie Ewald König, damals selbst für die Wiener „Presse“ vor Ort, melden Zweifel an: „Ehrman war ein liebenswürdiger Kollege, aber er erzählt recht gern und viel. Fakten und Mythen entwickeln dabei ein Eigenleben.“ Sein Anspruch, quasi im Alleingang die Mauer geöffnet zu haben, berge „Ungereimtheiten“. König zitiert gar Schabowski mit den Worten: „Das ist totaler Quatsch. Ehrman war es nicht allein.“

Mit unermüdlicher Akribie reklamiert auch Brinkmann die Ehre für sich, Schabowski mit seinen kurzen Zwischenfragen entscheidend irritiert zu haben. Es geht um den Nachruhm. Auf seiner Homepage www.brinkmannpeter.de hat er Buchauszüge, Interviews, Filmclips versammelt, die seinen Anteil erwähnen („Deutlich ist mein Zwischenruf zu hören“), und präsentiert sogar eine signierte Zeugenaussage von Günter Schabowski, die ihn stützt. Darin heißt es: „Es ist wie beim Fußball.Am 9. November schoss Riccardo Ehrman mit seiner Frage den Ball in den Torraum, Brinkmann aber schoss ihn mit seinen kurzen Fragen ins Tor rein.“ Unterschrift: „Günter Schabowski, September 2009.“

Oscar Wilde sagte mal: ,Das Leben ist eine schlechte Viertelstunde mit einem einzigen guten Moment’“, sagt Ehrman. „Für mich waren die Pressekonferenz und der Mauerfall meine besten Momente.“ Nur: Er war es nicht allein. Auch das gehört zur Wahrheit.

Jan Henrik Flecke 07.11.2009
04.11.2009