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Nachrichten Medien & TV Das Problem mit Sotschi
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00:15 15.02.2014
Von Imre Grimm
Zwischen Wahnsinn und Blödsinn: In Sotschi gibt es Klagen über Toiletten ohne Trennwand, defekte Gardinenstangen und leere Spülkästen.
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Sotschi

Toiletten, nichts als Toiletten. Wer die Winterspiele in Sotschi in den ersten Tagen vor allem bei Twitter verfolgte, konnte den Eindruck gewinnen, in Russland sei eine internationale Sanitärausstellung eröffnet worden. Reporter aus aller Welt schickten Handyfotos aus klempnerischen Krisengebieten: Bilder von leeren Spülkästen, schmutzig-gelbem Trinkwasser, fehlenden Rohrleitungen, seltsamen Warnschildern („Toilettenpapier bitte nicht in die Toilette werfen“), dazu unausgepacktes Mobiliar und abstürzende Gardinenstangen – präsentiert mit anklagendem Blick etwa vom Moskau-Korrespondenten des britischen „Guardian“, Shaun Walker. „Bitte, Herr Putin?“, sagt sein Foto. „Ich soll hier ohne Gardine arbeiten? Ernsthaft?“

Zu Ruhm gelangte vor allem das Foto einer Doppeltoilette ohne Trennwand im olympischen Biathloncenter. Das Zwillingsklo von Sotschi wurde – neben dem defekten fünften olympischen Ring bei der Eröffnungsfeier – zum Symbol für vermeintliche Schlamperei und die Grenzen russischer Improvisationskunst bei Putins Prestigeprojekt Sotschi 2014.

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Unter westlichen „Beobachtern“ entbrannte ein teils spielerischer, teils quengeliger Wettstreit um das ruinöseste Hotelzimmer, die mieseste Kaschemme und die fleckigste Bettdecke – irgendwo zwischen Wahnsinn und Blödsinn. Als breche sich angestauter Frust darüber Bahn, dass die antizipierte Putin-Pleite bisher ausblieb, dass die organisatorischen Schwächen der russischen Megaschau bislang – nach allem, was an Fakten bekannt ist – im Rahmen des Vergleichbaren blieben.


   

 

Wohin dann aber mit den lieb gewonnenen Vorurteilen? Der kanadische Journalismus-Student Alex Broad sammelt unter dem Twitteraccount @SochiProblems Baumängel und sanitäre Katastrophen aus Sotschi, darunter den vielfach parodierten Tweet des US-Bobfahrers Johnny Quinn, dem es „dank seines Krafttrainings als Bob-Anschieber“ gelang, eine hartnäckige Toilettentür von innen zu durchbrechen. Gestern Abend hatte @SochiProblems 343 000 Follower – also stolze 100 000 mehr als der offizielle Olympia-Account @sochi2014. „Das hat mich umgehauen“, sagte Broad dem „Toronto Observer“. Offenbar gibt es eine große Lust, Putin die Suppe zu versalzen – nicht nur in der überhitzten Twittergemeinde, sondern auch bei etablierten Medien.

Das globale Lamento treibt allerdings seltsame Blüten. „Seit meiner Ankunft warte ich auf einen Duschvorhang“, jammerte der Schweizer „20min“-Reporter Herbie Egli. „Mit Vorhang duschen ist bedeutend angenehmer, als sich in der Badewanne kauernd abspülen zu müssen.“ Aber immerhin: „Das Bett wurde schon zweimal gemacht.“ Dramen, die die Welt bewegen.

Als Kritik am Wehklagen twitterte der Österreicher Simon Rosner, Journalist der „Wiener Zeitung“, unter dem Hashtag #sochiproblems das Foto eines zerbröselnden Platzes vor seinem Wiener Redaktionsgebäude („Auf dem Weg zum Media Center. Die Straße ist noch nicht ganz fertig“). Blitzartig verbreitete sich sein Bild vor allem in den USA. CNN fragte an, ob man das Motiv „auf all unseren Plattformen“ verwenden dürfe. Niemand fragte, ob es tatsächlich aus Sotschi stammt. „Das Hysterielevel ist weit größer als vor vier oder acht Jahren“, schreibt Rosner. 505-mal wurde sein „Sotchi/Wien“-Foto bisher retweetet – der Hinweis, dass es sich um eine Satire handelte, nur zweimal. Wer will das schon so genau wissen, wenn es so herrlich die Mär vom russischen Versagen illustriert?

Dieses populäres Twitterfoto aus „Sotschi“ stammt in Wahrheit aus Wien.

All das zeigt, was passieren kann, wenn Medienmacher sich vorab auf eine Tendenz festlegen, die mit der Wirklichkeit eher nicht übereinstimmt: Es wird albern. Es irritiert offenbar viele, dass bei einer Veranstaltung, die unter so dermaßen unsympathischen Vorzeichen zustande kam, dann doch keine wodkatrunkenen KGB-Agenten, brummigen Tanzbären, Models mit Pilotenmützen und diktatorenhörige Mütterchen zu sehen sind. „Die Russen verstehen die Welt nicht mehr“, schreibt „Spiegel“-Mann Benjamin Bidder aus Sotschi. „Sie feiern eine Party. Wir sind die Gäste, die sich den ganzen Abend an einer Bionade festhalten und sich über das Klo des Gastgebers das Maul zerreißen.“

Es gibt wahrlich keinen Grund, die Putin-Spiele zu verteidigen. Es gibt dagegen gute Gründe, Milliardenverschwendung, Homophobie, Meinungsdiktatur und Größenwahn der russischen Führung sowie Korruption, politische Engstirnigkeit, falsches Pathos und verratene Ideale beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) anzuprangern. Bloß sind wackelige Parkbänke und abgebrochene Türklinken – die es in Manhattan, Tokio und Bielefeld genauso gibt – als Beweis für das Scheitern einer ganzen Nation untauglich.

Wo sind denn in diesen Tagen die echten Geschichten über die vertriebenen und enteigneten Einwohner Sotschis – jetzt, während der Spiele? Wo die Berichte über die milliardenschweren Immobilien-Oligarchen, die Olympia als Vorwand für die längst geplante Filetierung der Perle am Schwarzen Meer nutzten? Nach Alexander Gentelevs bitterem arte-Dokumentarfilm „Putins Spiele“ kam da bisher nicht mehr viel. Auch ARD und ZDF ignorieren – wie viele Berichterstatter – weitgehend die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, seit die Flamme brennt. Sie blenden fast alles Nichtsportliche aus und feiern Gold, Silber und Bronze nach alter Väter Sitte. Tiefpunkt der Kungelei: Werner Rabe, Sportchef des Bayerischen Rundfunks und Chef des ARD-Olympiateams, sowie ZDF-Olympiachefin Anke Scholten (und auch BBC-Moderatorin Hazel Irvine) betätigten sich persönlich als Träger der olympischen Fackel. Journalistische Distanz ist so kaum möglich.

Die sportlichen Wettkämpfe laufen. Die Kritik an den teuersten Spielen aller Zeiten ist verstummt. Und statt fundierter Bewertungen vor Ort gibt’s globales Gejammer über fehlende Türklinken, Duschvorhänge und Glühbirnen. Das ist das eigentliche #SochiProblem.

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