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Medien & TV „Willkommen zuhause“: Krieg im Kopf
Nachrichten Medien & TV „Willkommen zuhause“: Krieg im Kopf
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20:47 30.01.2009
Von Stefan Stosch
Der ARD-Film "Willkommen zuhause" setzt sich mit den psychischen Problemen von Afghanistan-Heimkehrern auseinander. Quelle: Andreas Boehmig/ddp
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Als die Steaks auf dem Gartengrill brutzeln, wird Ben übel. Der Geruch erinnert ihn an verbranntes Fleisch – menschliches Fleisch. Und als die Gläser in der Dorfkneipe klirren, hat er sofort die Assoziation an Autoscheiben, die unter dem Druck einer Bombenexplosion zersplittern. Ben (Ken Duken) flüchtet vor seinen Erinnerungsschüben auf nächtliche Joggingrunden zwischen pfälzischen Weinbergen, in aggressive Attacken gegenüber seinen Mitmenschen und auch in die Arme seiner Nachbarin (Ulrike Folkerts). Los wird er das Trauma dennoch nicht. Die Bilder des Schreckens haben sich zu tief eingegraben in seinem Kopf.

Ben war als Bundeswehrsoldat in Afghanistan. Sein Freund Torben starb bei einem Selbstmordanschlag, dem er selbst nur knapp entging. Es hätte genauso gut ihn und nicht Torben erwischen können. Und nun fühlt Ben sich schuldig. Immer wieder tauchen Erinnerungsfetzen des Attentats vor seinem inneren Auge auf, immer wieder verdrängt er den Schmerz. Ärztlich untersuchen lässt sich Ben nicht. Und weder seine Eltern noch seine Freundin Tine (Mira Bartuschek) verstehen, warum er manchmal so komisch ist. Die Diagnose ist eindeutig: Ben leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS).

„Willkommen zuhause“ heißt der sehenswerte ARD-Film, in dem Ben leidet. Einen Film mit einem solchen Thema hat es in Deutschland lange nicht gegeben. Es konnte ihn auch nicht geben: Heimkehrerfilme lassen sich nun mal nur drehen, wenn Soldaten aus Kriegs- und Krisengebieten heimkehren. Erst seit ein paar Jahren werden deutsche Soldaten in den Kosovo oder nach Afghanistan geschickt. Deutschland wird jetzt am Hindukusch verteidigt.
Ursprünglich sollte „Willkommen zuhause“ schon im Herbst vorigen Jahres gezeigt werden, wurde dann aber immer wieder verschoben. „Terminschwierigkeiten“, lautet die offizielle Begründung. Mit der im Herbst anstehenden Mandatsverlängerung für das deutsche Kontingent in Afghanistan oder den sich häufenden Anschlägen auf deutsche Soldaten hätten die Umbuchungen nichts zu tun gehabt, hieß es offiziell.

Bislang waren die Amerikaner auf das spezielle Genre der Heimkehrerfilme abonniert. Nach Vietnam drehten sie Werke wie „Coming Home“, im Irak-Desaster entstanden Filme wie „Im Tal von Elah“. Und jetzt wissen auch die Deutschen, worum es geht: Gleich zu Beginn wird in „Willkommen zuhause“ ein Sarg auf einem leeren, weiten Flugfeld ausgeladen. Bundeswehrsoldaten stehen bereit, um ihn wegzubringen. Ein Vater (Karl Kranzkowski) geht schweigend davon. Sein Sohn liegt in dem Sarg.

Regisseur Andreas Senn und Drehbuchautor Christian Pfannenschmidt halten ihren Film geradezu für notwendig: „Das Thema Krieg rückt näher und näher, es ist höchste Zeit für eine Neubewertung“, sagt Drehbuchautor Pfannenschmidt. Trotzdem ist seiner Ansicht nach in Deutschland immer noch ein trügerisches Gefühl vorherrschend: „Das betrifft ja nur eine ganz kleine Zahl von Menschen – Soldaten. Aber ich glaube: Es betrifft zunehmend uns alle.“

„Willkommen zuhause“ hat nicht die Wucht, die Härte und auch nicht die Bitterkeit, wie wir sie aus dem US-Kino kennen. Hauptdarsteller Ken Duken – demnächst auch zu sehen als Gewalttäter in dem Kinofilm „Distanz“ bei der Berlinale – hat auch kaum das Zeug zu einem Robert De Niro, der seine Wut in einem Blutbad enden lässt, egal, wie gepresst er durch die Zähne spricht. Doch war sein Ben auch nicht über Jahre im vietnamesischen Dschungel, sondern erfüllte ein paar Monate lang einen „humanitären Auftrag“ in Afghanistan. Ben wollte helfen, nicht schießen – und stieß auf ein hoffnungslos „kaputtes Land“, wie er selbst sagt.

Es genügt, wenn Ben im Supermarkt wütet, seinen Freund Ivan krankenhausreif schlägt und seine Freundin das Weite sucht, weil der Heimkehrer ihr plötzlich fremd geworden ist. Man versteht, dass Ben nicht in eine Welt zurückfindet, in der seine Eltern gemütlich Frühstückseier köpfen und dabei Alltagsprobleme debattieren. Allerdings: Die abschließende medizinisch-therapeutische Kurzeinführung in das Phänomen PTBS in einem Bundeswehrkrankenhaus ist dann doch des Versöhnlichen ein bisschen zu viel.

„Willkommen zuhause“ ist die fernsehgerechte Bebilderung eines Traumas, von dem wir sonst nur wenig erfahren. Die ARD traut sich und ihren Zuschauern zur besten Sendezeit mal wieder etwas zu.

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