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Medien & TV "Dieses Ausmaß an Hass habe ich nicht erwartet"
Nachrichten Medien & TV "Dieses Ausmaß an Hass habe ich nicht erwartet"
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15:10 23.11.2015
Von Imre Grimm
Xavier Naidoo im Europa-Park in Rust. Quelle: dpa

Googeln. Einfach mal googeln. So dachten viele. Vielleicht hätte es dabei geholfen, vorher zu erkennen, welchen Ärger man sich da ins Haus holt. Welche Sprengkraft die Idee birgt, Xavier Naidoo zum Eurovision Song Contest 2016 zu schicken. Gewiss hat man recherchiert beim NDR. Aber es brauchte dann erst eine überhitzte, gnadenlose Debatte, um die Entscheidung – die doch als Scoop gedacht war – rückgängig zu machen. Nun hat der NDR entschieden: Xavier Naidoo wird im kommenden Frühjahr doch nicht für Deutschland singen. Ein massiver Shitstorm – weit in die analoge Presse hinein – hat ihm das Ticket für Stockholm wieder aus der Hand gepustet. Und der Sender steht blamiert da. „Es war klar, dass er polarisiert“, sagte ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber am Wochenende. „Aber die Wucht der Reaktionen hat uns überrascht. Wir haben das falsch eingeschätzt.“

So kann man das sagen.

Die Entscheidung fiel am Sonnabend, nach hitzigen Gesprächen hinter den Kulissen. Naidoo-Zitate wurden verglichen, Songtexte geprüft, die gedruckte Meinung herangezogen. Am Ende war vor allem eines ausschlaggebend dafür, dass die ARD den Stecker zog: die Sorge, dass die Debatte über den Soulstar – ob zu Recht geführt oder nicht – nach Europa schwappen und alle musikalischen und entertainerischen Qualitäten überlagern könnte. Auf eine paneuropäische Version der Empörungswelle aber hatten die wenigsten Lust beim NDR. Spätestens, als der „Daily Telegraph“ über den „deutschen ESC-Kandidaten“ berichtete, dessen Liedtexte „Juden verhöhnen“, war die Sache im Kern nicht mehr zu retten.

Xavier Naidoo ist wiederholt mit umstrittenen Äußerungen in die Schlagzeilen geraten. Einige Sprüche des Sängers.

„Die Diskussionen hätten dem ESC ernsthaft schaden können“, sagte Schreiber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. Er wolle jetzt so schnell wie möglich entscheiden, wie der deutsche Beitrag für den ESC in Stockholm gefunden wird. „Wir haben schon erste Gespräche geführt. Aus der Musikbranche kommt viel Unterstützung, sie signalisiert deutlich: Wir lassen euch nicht im Regen stehen. Wir haben sehr schöne Ideen für eine gute Show.“ Ein Star? Ein Solokandidat? Ein Nachwuchswettsingen? Derzeit ist alles offen.

Für Naidoo aber ist das Abenteuer Stockholm nach nur drei Tagen schon wieder beendet. „Wir wollten ihn jetzt aus der Schusslinie nehmen“, sagt Schreiber. Naidoo selbst sah keinen Anlass zum Rücktritt. „Es gab und gibt gute Gründe, sich für ihn zu entscheiden“, sagt Schreiber. „Er sah den ESC als Riesenchance, und kaum jemand brachte je so eine Begeisterung mit.“

Der Fall Naidoo. Ein Tiefschlag im ESC-Seuchenjahr 2015. Andreas-Kümmert-Rücktritt. Letzter Platz für Ann Sophie. Nun das. Wie konnte das passieren? Tatsächlich hatten die ESC-Beauftragten beim NDR gedacht, sie könnten die seltsamen Meinungsunfälle von Naidoo als Beiwerk, als putzige Marotte abschütteln und den Blick schnell auf das Musikalische lenken. Naidoo! Ein Star! Endlich mal! Das gelang nicht. Der Druck war zu groß. Selbst innerbetrieblich wuchs die Opposition. Das öffentlich-rechtliche System ist eben pluralistisch, auch NDR-Mitarbeiter stellten sich in Posts, Tweets und Kommentaren gegen den Plan.

"Dieses Ausmaß an Hass habe ich nicht erwartet"

Naidoo – das hätte man wissen können – ist ein Lieblingsfeind des Netzes. Zwischenzeitlich sah es so aus, als manifestiere sich in seiner Person alles Übel dieser Welt. Die Shitstormrepublik Deutschland verlangte nach einem neuen Beweis für ihre Durchsetzungsfähigkeit. Und Naidoo war ein geeigneter Kandidat. Das Publikum sollte ursprünglich nicht viel zu sagen haben bei der Show „Unser Song für Xavier“, es hätte bloß das Lied auswählen dürfen. Damit war es nicht einverstanden – und fand Mittel und Wege, seinen Unmut kundzutun. „Das ging schnell in eine bestimmte Richtung“, sagt Schreiber. „Das war keine konstruktive Diskussion mehr. Dieses Ausmaß an Hass habe ich nicht erwartet.“

Die weitverbreitete Lesart ging dann so: Der NDR hat nicht gepeilt, welchen Spinner er sich da ausgesucht hat und muss nun zurückrudern. Peinlich, peinlich. In Wahrheit ist es komplizierter, als es mancher Jäger der verlorenen Moral erkannt zu haben glaubt. Lässt sich aus dem, was Naidoo öffentlich geäußert hat, wirklich eine ernsthafte rechtsnationale, homophobe und antisemitische Gesinnung herauslesen? Schauen wir genauer hin: Von den wirren Thesen der Reichsbürger hat er sich längst distanziert, sein Besuch dort war der Irrlauf eines Suchenden. Das verbreitete Zitat aus dem ersten Teil des Naidoo-Songs „Wo sind sie jetzt“, das tausendfach als schwulenfeindlich gebrandmarkt wurde und auf das sich halb Twitter bezog, ist bei genauer Betrachtung die Rachephantasie eines missbrauchten Kindes, eindeutig gesungen aus der Verzweiflung der Opferperspektive. Mit der Hilflosigkeit eines Menschen übrigens, der weiß, wovon die Rede ist. Die von Jagdfieber und reflexhafter Fassungslosigkeit über öffentlich-rechtliche Unfähigkeit befeuerte Debatte aber ließ komplexere Interpretationen, Mäßigung und Versachlichung gar nicht zu. Die vorherrschende Meinung war nur noch: der Aluhut spinnt, der Aluhut muss weg.

Viel Rückhalt aus Freundeskreis

In Naidoos Freundeskreis, bei Menschen, die ihn über ein paar Interviewschnipsel hinaus kennen, gab es nur Verteidiger. Aber die Gegenstimmen, die manches aus Naidoos Mund zwar für massiven Mumpitz hielten, die pauschale Verdammung zum homophoben Antisemiten und Nazi aber für irrsinnig, wurden überhört. Comedian Michael Mittermeier etwa. „Was Ihr da draußen meinem Freund und Herzensbruder Xavier antut, das tut Ihr auch mir an!“, schrieb der Jesus von München mit heiligem Zorn und fast biblisch anmutendem Vokabular. „Es ist unglaublich, mit welcher Hetze Xavier durch die Presse getrieben wird. Viele Journalisten sollten sich schämen, in Dauerschleife ein paar Zitate abzuschreiben (wow, immerhin 5). Das ist wirklich die billigste Form von widerlicher Meinungsmache. Homophobie, Rassismus und Rechtsextremismus – ihr ward wohl noch nie auf einem Söhne-Mannheims-Konzert?“ Til Schweiger nannte die Kritik an „einem der liebsten, lustigsten und gutmütigsten Menschen im Showbusiness“ in einem an Ausrufezeichen nicht armen Facebook-Post gar „eine Form von Terrorismus“.

Das ist weit übers Ziel hinausgeschossen. Aber ebenso wenig wie Twittern Terrorismus ist, ist Naidoo die Inkarnation des Satans. Die heiß gelaufene Empörung überlagerte in den sozialen Medien zwischenzeitlich das Terrorismus-Thema. Möglicherweise auch, weil es vollkommen risikofrei ist, Xavier Naidoo für einen Nazi zu halten. Man muss seine Thesen nicht teilen, um zu erkennen, dass die Welt keine bessere geworden ist, bloß weil ein paar tausend Petitionsunterzeichner am Ende den Skalp eines Musikers in den Händen halten. Andererseits ist es auch naiv vom NDR zu glauben, die Begeisterung über die Nominierung eines Stars werde alle kritischen Stimmen schon verstummen lassen.

Mehr als nur Musik

Das Ende dieses traurigen Gesellschaftsspiels namens „Fang den Xaver“ ist ein schaler Sieg. Man kann ihn als Triumph der Demokratie feiern oder das Schlimmste für Debatten fürchten, die zunehmend dem ersten Reflex, dem naheliegendsten Gedanken folgen, in denen kein Platz mehr ist für Disparität, Widersprüchlichkeit, Komplexität.

Kann man Politik und Kunst trennen? Nein. Kann man 2015 weiterhin behaupten, der ESC sei ein unpolitischer Wettbewerb? Nein. Ist mit Naidoo fair umgegangen worden? Nein. Am Ende war die Frage, was Naidoo wirklich denkt, fühlt und meint, gar nicht mehr entscheidend. Denn tatsächlich hätte niemand in Stockholm mehr über sein Lied gesprochen. Die ESC-Presse ist traditionell dankbar für Konfliktstoff jenseits der Musik. Und Naidoo hätte zweifellos reichlich davon geboten. Der NDR hatte keine andere Wahl. Dem Sender ist der Vorwurf zu machen, dass er vorhersehen hätte müssen, dass Naidoos Ausfälle einem ungeduldigen Publikum mit keinem Argument der Welt zu erklären sind. Er ist kein Engel, er hat viel Mist geredet. Aber das gilt auch für seine Jäger.

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