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Medien & TV ZDF-Chef: „Deutsche sind süchtig nach Krimis“
Nachrichten Medien & TV ZDF-Chef: „Deutsche sind süchtig nach Krimis“
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19:37 12.05.2015
„Ich kämpfe auch um Fußballrechte“: ZDF-Intendant Thomas Bellut. Quelle: dpa
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Herr Bellut, kürzlich wurde das ZDF wegen einer Stellenanzeige verspottet. Gesucht wurde ein Corporate Social Manager, Bewerber sollten sich aber „ausschließlich auf dem Postweg“ bewerben.

Thomas Bellut: Der Spott war nachvollziehbar. Ich verspreche, dass es bald die Möglichkeit geben wird, sich auch online bewerben zu können ohne Angst vor Cyber-Angriffen auf persönliche Daten haben zu müssen.

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Aktuell übt das ZDF unter der Marke „heute +“ mit einem neuen Nachrichtenformat in sozialen Netzwerken. Am Montag startet die Sendung im Hauptprogramm und löst nach 20 Jahren „heute nacht“ ab. Was versprechen Sie sich davon?

Wir wollen junge Leute unter 30 Jahren mit ernsthaften Nachrichten erreichen.

Indem die Kamera verwackelte Bilder wild gestikulierender Moderatoren einfängt?

Nein. Form und Bildsprachen werden aber näher an den Gewohnheiten junger Leute sein. Vieles wird sich entwickeln müssen. Wir wollen bei „heute +“ schneller auf den Punkt kommen und die Beiträge tagsüber, sobald sie fertig sind, über die unterschiedlichen Kanäle im Netz verbreiten. Parallel zum linearen Livestreaming um 23 Uhr stellen wir die ganze Sendung in die Mediathek.

In der Mediathek boten Sie zuletzt vorab ganze Serienstaffeln vor der linearen Ausstrahlung an. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?

Die Nutzungszahlen waren beachtlich, dennoch hat es der Quote im linearen Programm nicht geschadet.

Werden Sie das nun regelmäßig tun?

Bellut: Nein. Das funktioniert bei sehr aufwendigen Serien, wie bei Ferdinand Schirachs „Schuld“ oder bei „Das Team“.

Apropos: Wie weit entfernt ist das ZDF davon, zum Krimi-Spartenkanal zu werden?

Die Deutschen sind süchtig nach Krimis. Das ZDF darf aber nicht abhängig werden davon. Wir werden das Angebot jedenfalls nicht weiter vermehren.

Was beim ZDF nicht mehr zu funktionieren scheint, ist Show. „Wetten, dass …?“ ist tot, keine der nachfolgenden Ideen zündet, die Kerner-Shows „Das große Schlüpfen und „1000“ waren Flops.

Sagen wir so: Wir haben Erfahrungen gesammelt.

Haben Sie den falschen Unterhaltungschef?

Der ist ja noch ganz frisch auf dem Posten, und ich traue ihm sehr viel zu.

Der Vorgänger musste gehen wegen Mauscheleien bei der Rankingshow „Deutschlands Beste!“.

So etwas darf uns nicht wieder passieren. Oliver Heidemann, der neue Unterhaltungschef, ist Musikexperte. Denken Sie an Helene Fischer und Carmen Nebel. Das werden wir fortführen. Gleichzeitig hat Programmdirektor Norbert Himmler den Auftrag, immer wieder Neues auszuprobieren. Da werden wir sicher auch Niederlagen erleben. Aber das ist okay, ohne sie würde es nie Neues geben. Die „heute show“ war anfangs auch nicht erfolgreich.

Das Erfolgreiche stammt alles aus der Zeit, als Sie Programmdirektor waren.

Erstens stimmt das nicht, zweitens habe auch ich Jahre benötigt und bin für viele Fehlversuche verantwortlich. Wir werden aber niemals aufgeben, denn zu einem Vollprogramm gehört auch Show. Es ist allerdings schwierig geworden, mit neuen Ideen generationsübergreifend erfolgreich zu sein.

Als Sie 2012 Intendant wurden, versprachen Sie, das Programm zu verjüngen. Der Altersdurchschnitt der Zuschauer liegt weiterhin jenseits von 60 Jahren.

Sie können gerne behaupten, dass ich damit gescheitert bin. Raffiniert, wie ich bin, sage ich: Ich habe meine Ziele korrigiert. Da wir mit ZDFinfo und ZDFneo mehr jüngere Zuschauer gewonnen als mit dem ZDF-Hauptprogramm in den letzten 20 Jahren verloren haben, sind wir zufrieden. Würde ich statt „aspekte“, „Maybrit Illner“ und Dokumentationen über den Holocaust unterhaltsame Fiction senden, wäre das ZDF schlagartig jünger. Ich kann in einem ernst zu nehmenden Vollprogramm nicht auf solche wertvollen Formate verzichten. Ich will es auch nicht. Sie sind wichtig für den gesellschaftlichen Diskurs. Dafür sind wir öffentlich-rechtlich. Zusätzlich kämpfe ich auch um Fußballrechte. Das ZDF-Hauptprogramm muss als nationale Plattform ein attraktives Programm bieten, damit wir auch dann ein Millionenpublikum erreichen, wenn zum Beispiel eine Wahl ansteht.

Das wichtigste ist für mich das ZDF. Die Politik hat uns aufgetragen, ein Jugendangebot ausschließlich zur Verbreitung im Netz zu entwickeln. Das ist Neuland. Dort nicht nur ein Sammelsurium, sondern etwas Eigenes unter einer noch zu benennenden Dachmarke auffindbar anzubieten, ist eine Herausforderung, bei der wir viel lernen werden. Das Grundkonzept steht, im nächsten Schritt werden die Gremien informiert.

Es steht auch noch aus, wen Sie neben Florian Hager, den die ARD zum Koordinator des Angebots berufen hat, zur Stellvertreterin machen. Zieht sich das ZDF ansonsten auf die Position des Programmzulieferers zurück?

Wir bleiben bei der Zusage, uns mit einem Drittel der 45 Millionen Euro an dem Angebot zu beteiligen, und werden das intern mit einer schlanken Struktur bewerkstelligen. Darüber hinaus liefern wir speziell konzipiertes Programm zu, vor allem aus Bereichen, in denen wir stark sind: Humor, Wissenschaft, Info.

Interview: Ulrike Simon     

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