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Medien & TV ZDF-Krimi greift reales Drama auf
Nachrichten Medien & TV ZDF-Krimi greift reales Drama auf
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10:13 03.03.2012
Von Wiebke Ramm
Ein Routinefall wird für Kriminalrätin Eva Prohacek (Senta Beger) zum Politthriller. Quelle: ZDF
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Brüssel/Rom

„Vor Gericht und auf hoher See sind wir allein in Gottes Hand“: Diese römische Juristenweisheit wird gern gebraucht, um die scheinbare Hilflosigkeit und angebliche Aussichtslosigkeit im Umgang mit Recht und Gesetz zu umschreiben. Im aktuellen Fall von Kriminalrätin Eva Prohacek scheint sie ihre grausame Gültigkeit zu beweisen.

Es ist eine hochaktuelle Geschichte, die das ZDF am Sonnabend, 20.15 Uhr, in seiner Krimireihe „Unter Verdacht“ unter dem zynischen Titel „Die elegante Lösung“ präsentiert. Vor gut einer Woche hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte Italien verurteilt, weil es Flüchtlinge, die im Mittelmeer aufgegriffen wurden, einfach nach Libyen zurückverschiffte. Wie der Gerichtshof feststellte, hat Italien gegen die Europäische Menschenrechtskonvention verstoßen, weil den Flüchtlingen in Libyen unmenschliche Behandlung, Haft und Folter droht.

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Wie in dem realen Fall sind die Flüchtlinge auch in dem ZDF-Krimi unterwegs von Libyen nach Italien, nach Europa. Doch kurz vor der Küste werden sie von der italienischen Grenzpolizei, die im Auftrag Europas unterwegs ist, entdeckt. Im realen Fall wurden sie von Marineschiffen aufgegriffen und ohne Ankündigung zurück nach Libyen gebracht. Im filmischen, aber wohl nicht allein fiktiven Fall werfen die Grenzschützer zunächst den ohnehin kaum vorhandenen Proviant der Menschen ins Wasser, zerstören das Boot und überlassen die Flüchtlinge dem Meer. Ein Fischer rettet sie nur vorübergehend. Schließlich landen auch sie in einem Lager, um nach Libyen zurückgebracht zu werden.

Das Drama um illegale Einwanderer lockt vermutlich nur wenige Menschen an einem Sonnabendabend vor den Fernseher. Senta Berger als Hauptkommissarin Prohacek hat da schon mehr Anziehungskraft. Die Macher von „Unter Verdacht“ wissen das und nutzen die Popularität ihrer Hauptdarstellerin, um auf die Situation der Flüchtlinge zur besten Sendezeit aufmerksam zu machen. Es gelingt ihnen eindrucksvoll. Der Zuschauer ahnt dabei das Ausmaß des Dramas, das sich Tag für Tag vor den Grenzen Europas ereignet.

Die näheren Umstände des realen Falls wurden nur deshalb bekannt, weil zufällig zwei französische Journalisten bei der Grenzpolizei mitfuhren. Beim ZDF-Fall hingegen sind Prohacek und ihr Kollege Herr Langner (Rudolf Krause) nicht zufällig an Bord. Sie ermitteln wegen eines Todesfalls. Ein Münchener Kollege, der für die europäische Grenzschutzagentur „EuroBordac“ an Bord des Schiffes war, ist tot. Ist er betrunken über Bord gegangen? Oder zeugen seine Kopfverletzungen von einem Angriff?

Sehr schnell wird aus dem scheinbar gewöhnlichen Ermittlungsfall ein Politthriller. Keiner mit Happy End. Auch in der Wirklichkeit haben nicht alle Flüchtlinge, denen die Straßburger Richter recht gaben, von ihrem juristischen Sieg erfahren. Einige sollen bei einem weiteren Versuch, nach Europa zu gelangen, ertrunken sein.

Vor Gericht und auf hoher See sind wir allein in Gottes Hand? Letztlich sind es keine höheren Mächte, sondern immer Menschen, die sich für oder gegen Hilfe entscheiden. Eva Prohacek will helfen – und scheitert doch. So ist der neue „Unter Verdacht“ ein kluger Film: politisch brisant und schrecklich lehrreich.

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