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Medien & TV ZDF hält an „Wetten, dass ...?“ trotz Unfalls fest
Nachrichten Medien & TV ZDF hält an „Wetten, dass ...?“ trotz Unfalls fest
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07:37 07.12.2010
Die Veranstalter diskutieren unmittelbar nach dem Unglück über den Abbruch. Quelle: dpa
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Wie geht es Samuel Koch?

Der Zustand des schwer verletzten Studenten aus Hannover sei unverändert „kritisch“, teilte die Uni-Klinik Düsseldorf gestern mit, am Abend hieß es, er sei „stabil“. Er liegt nach einer Notoperation, bei der die Halswirbelsäule entlastet wurde, weiterhin im künstlichen Koma, soll aber in den kommenden Tagen zurückgeholt werden. Sein „neurologischer Zustand“ – sprich: ob seine Lähmungserscheinungen dauerhaft sind – könne sich erst danach zeigen.

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Welche Konsequenzen will das ZDF aus dem Unfall ziehen?

Im Moment stehe „der menschliche Aspekt“ im Vordergrund, hieß es gestern in Mainz. Nach dem Willen von ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut soll die 29 Jahre alte Show aber fortgesetzt werden. „,Wetten, dass ..?‘ wird sicherlich weiter- gehen“, sagte Bellut gestern dem NDR. Er kündigte jedoch an, „jede einzelne Phase in der Vorbereitung der Show“ zu überprüfen und zu testen, wo mehr für den Schutz der Kandidaten getan werden kann. „Wir werden noch einmal den Sicherheitsstandard erhöhen, obwohl wir immer der Auffassung waren, er ist kaum zu erhöhen.“ Konkrete Änderungen werde man erst beschließen, wenn sich der Gesundheitszustand von Koch stabilisiert habe. In einer repräsentativen Umfrage des Institutes YouGov sprachen sich 77 Prozent der Befragten dafür aus, die Sendung fortzusetzen. Nur 16 Prozent sind für eine Absetzung. 60 Prozent sehen keine Mitschuld beim ZDF, 30 Prozent halten den Sender für mitverantwortlich.

Werden Thomas Gottschalk und Michelle Hunziker die geplante nächste Sendung am 12. Februar 2011 in Halle moderieren?

Die Frage stelle sich derzeit nicht, sagte ZDF-Sprecher Peter Gruhne. Gottschalk selbst, der als verantwortungsvoller Showmaster gilt, der Risiken stets minimieren will, macht seine Weiterbeschäftigung vom Ausgang des Dramas abhängig. Die nächste Sendung soll nach Angaben der Messe Halle wie geplant über die Bühne gehen. Gottschalk wird seine nächsten ZDF-Sendungen planmäßig präsentieren – am kommenden Sonntag (12. Dezember) moderiert er den ZDF-Jahresrückblick „Menschen 2010“ und am 18. Dezember die Spendengala „Ein Herz für Kinder“.

Hat das ZDF im Kampf um die Quote zu hohe Risiken in Kauf genommen?

Den Vorwurf wies der Sender strikt zurück. „Den Quotendruck gibt es auf jeden Fall nicht so, dass wir sagen, wir wollen erfolgreich um jeden Preis sein“, sagte Programmdirektor Bellut. „Ob jetzt ein oder zwei Millionen Zuschauer mal mehr oder weniger dabei sind, ist für uns kein entscheidendes Kriterium.“ Ohnehin seien die „spektakulären Wetten nicht zwingend Quotenbringer“, sagte ZDF-Sprecher Peter Gruhne. „Bei den Zuschauern kommt an, was sie selbst nachmachen können.“

Hat das ZDF Samuels Wette angeschärft, um sie spannender zu machen?

Der Vorwurf kam auf, weil Samuels Vater Christoph Koch in einem Interview mit der „Badischen Zeitung“ gesagt hatte, das ZDF habe „an der Wette gefeilt, um sie für das Publikum attraktiver zu machen“. Das ZDF dementiert, dass die Wette dadurch gefährlicher geworden sei. Für die Wette habe es bereits bei den beiden zurückliegenden Sendungen Proben gegeben, das sei bei „schwierigen Wetten üblich“, um die Bedingungen in „konkreten Wettkampfsituationen zu testen“, sagte ein ZDF-Sprecher. Im Fall der Unglückswette sei die Anlaufbahn aus Sicherheitsgründen ausgetauscht worden und das Bühnenlicht so eingerichtet, dass Samuel bei seinen riskanten Salto-Einlagen nicht geblendet werden würde. Der Stunt sei erst nach intensiver Begutachtung von Redaktion, Produktion und einem Sicherheitsingenieur des ZDF freigegeben worden.

Was sagt der Stuntprofi?

Der Geschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Stuntleute, René Lay, äußerte Verständnis dafür, dass der Sender Samuel Kochs Wette angenommen hatte. „Es war nicht unmöglich, was er da vorhatte.“ Jeder Skisprung-Wettbewerb, jede Formel-1-Übertragung berge ein Risiko für Leib und Leben. Sport sei auch Unterhaltung – und es habe seine Berechtigung, so etwas im Programm zu behalten, „zumal das ZDF nach meinen eigenen Erfahrungen mit Wetten immer verantwortungsvoll umgegangen ist. Ich war sehr erstaunt, wie wenig die Kollegen auf Sensation aus sind. Sie haben gefragt: Funktioniert das, schafft ihr das, können wir dieses Risiko eingehen?“ Lay war 2008 mit einem Feuerstunt bei Gottschalk aufgetreten.

Was sagen Samuels Freunde und Bekannte?

In seinem Geburtsort Efringen-Kirchen in Baden-Württemberg (8400 Einwohner) herrscht Bestürzung. „Er sei „risikofreudig“, sagte Denis Bär, Turntrainer der Regionalligamannschaft, für die Samuel antritt. Ein Teamkollege habe sich mit „Poweriser“-Sprungfedern bereits schwer am Knie verletzt. Mitschüler des Kant-Gymnasiums in Weil am Rhein, wo Samuel vor zwei Jahren sein Abitur machte, beschrieben ihn als ehrgeizig. „So ist er halt. Wo andere aus Rückschlägen ihre Lehre ziehen, da macht er weiter, um die Herausforderung zu schaffen“, sagte ein Mitschüler der „Badischen Zeitung“. „Er kam oft mit blauen Flecken ins Training, weil er mit dem Skateboard wieder mal im Gartenzaun gelandet war“, sagte Klaus Geiger vom SV Istein, der dem siebenjährigen Samuel das Turnen beibrachte. Hubertus Bley, ein Freund der Familie Koch, sagte, er habe vor der Wette gewarnt, als er vom geplanten Ablauf erfahren habe. „Das ist eine sehr gefährliche Geschichte.“ Ihn habe aber beruhigt, dass Samuels Vater vor Ort sein werde. Er steuerte den Audi, bei dessen Überspringung Samuel Koch in der Sendung stürzte.

Gibt es strafrechtliche Folgen?

Bisher nicht. Die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft teilte am Montag mit, es gebe keine Anhaltspunkte für eine mögliche Straftat. Hinweise auf ein mögliches Fremdverschulden lägen nicht vor.

Wie reagierten die eingeladenen Stars auf den Sturz?

US-Teeniestar Justin Bieber rief seine Fans noch in der Nacht per Twitter dazu auf, für Samuel und seine Familie zu beten. Auch die fünf Mitglieder von Take That äußerten Verständnis: „Es war absolut richtig, die Show abzubrechen“, heißt es in einer Stellungnahme – unterzeichnet von Mark, Jason, Howard, Robbie und Gary. „Wir hoffen sehr, dass Samuel schnell und wieder vollständig gesund wird. Unsere Gedanken sind bei ihm und seiner Familie und seinen Freunden.“

Wie reagierten Thomas Gottschalks TV-Kollegen?

Noch in der Nacht zum Sonntag habe Günther Jauch ihm per E-Mail Trost zugesprochen, auch Johannes B. Kerner habe gleich angerufen, sagte Thomas Gottschalk: „Da sitzen wir alle im gleichen Boot, so etwas wünscht sich niemand.“ Am Montag meldete sich auch PRO7-Entertainer Stefan Raab zu Wort, selbst ein Freund großer Risiken und spektakulärer Stunts in seinen Shows: „Es tut mir sehr leid, in erster Linie natürlich für den Wettkandidaten, aber auch für die Macher von, Wetten, dass ...?‘ und für den Kollegen Thomas Gottschalk“, sagte Raab. „Jeder, der Shows produziert, in denen es um Wettkampf und sportliche Herausforderungen geht, versucht das Risiko zu kalkulieren und zu minimieren. Dennoch wird es eine 100-prozentige Sicherheit nie geben.“

Hat sich das ZDF trotz der Stürze von Samuel Koch in den Proben über Bedenken hinweggesetzt?

Gottschalk sagte, er sei bei allen Proben dabei gewesen, Samuel sei nach einem Sprung kurz hingefallen, aber wieder aufgesprungen „wie ein Fußballer nach einem leichten Foul“. Ungeklärt ist bisher, was mit Samuels Äußerung in einem Interview gemeint war, wonach „der Wettteil noch nicht klappt“.

Gab es Medienpannen?

Ja. Die peinlichste lieferte die Zeitung „Österreich“, in der am Sonntag ein offenbar „kalt“ (vorab) geschriebener Showbericht erschien. Titelschlagzeile: „So rockte Robbie Gottschalk“. Im Blattinneren hieß es: „Unser Oscar-Star Christoph Walz (outete sich vorab als ,Wetten, dass ..?‘-Muffel) nahm mit Cameron Diaz Platz, um dort mit Teenie-Idol Justin Bieber und der ewig jungen Cher zu plaudern.“ Das Problem: Die Show wurde um 21.11 Uhr abgebrochen – die Stars waren gar nicht aufgetreten.

Imre Grimm

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