Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Medien & TV ZDF will nach Unfall auf riskante Wetten verzichten
Nachrichten Medien & TV ZDF will nach Unfall auf riskante Wetten verzichten
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:10 07.12.2010
Von Imre Grimm
„Erholung unwahrscheinlich“: Samuel Kochs Neurochirurg Prof. Hans-Jakob Steiger (links) am Dienstag in der Universitätsklinik in Düsseldorf. Quelle: dpa
Anzeige

Es ist ein paar Jahre her, da war im britischen Fernsehen ein 60-Sekunden-Spot zum Thema Gewalt gegen Kinder zu sehen. Darin prügelt ein (realer) Vater auf ein Zeichentrick-Kind ein. Der kleine Junge prallt in Cartoon-Manier gegen Wände, hüpft vom Fußboden zur Decke, schüttelt sich, bleibt unverletzt, sieht Sternchen, stürzt zu lustiger Musik die Treppe hinunter und landete hinter einem Sofa. Am Ende schwenkt die Kamera hinter die Sofalehne. Da liegt ein realer Junge auf dem Boden. Schwer verletzt. Dazu die Einblendung: „Real children don’t bounce back.“ Echte Kinder rappeln sich nicht wieder auf.

Anzeige

Der Spot erinnerte daran, dass das Leben kein Cartoon ist. Und Menschen aus Fleisch und Blut sind.

Das Schicksal des verletzten „Wetten, dass ...?“-Kandidaten Samuel Koch hat Millionen Menschen schlagartig die Grenzen des körperlich Machbaren vor Augen geführt. Millionen waren dabei, als er stürzte, als es plötzlich aus war mit Spiel, Sport und guter Laune.

Am Dienstag nun, drei Tage nach dem Unfall, hieß es gegen 15 Uhr in der Universitätsklinik Düsseldorf: „Er ist wach.“ Die Ärzte hatten Samuel aus dem künstlichen Koma geholt. Dann aber zerstoben die Hoffnungen, dass der 23-Jährige vollständig genesen könne: Er habe Lähmungen in Armen und Beinen, eine vollständige Erholung sei „unwahrscheinlich“, teilten die Mediziner mit. Im günstigsten Fall könne er sich „teilweise“ erholen, im schlechtesten Fall bleibe er gelähmt, sagte Neurochirurg Prof. Hans-Jakob Steiger. Samuel sei am Dienstagmorgen ein zweites Mal operiert worden, drei Stunden lang. Er wird künstlich beatmet.

Beim ZDF hat die Aufarbeitung gerade erst begonnen. ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut sagte der „Berliner Zeitung“, Thomas Gottschalk (60) und Komoderatorin Michelle Hunziker (33) würden die Show weiter moderieren. Die nächste Sendung ist für den 12. Februar 2011 aus Halle geplant. „Bis dahin haben wir ausreichend Zeit, alle Hintergründe zu erforschen und uns neu aufzustellen.“ Gleichzeitig bekräftige Bellut, künftig auf riskante Wetten verzichten zu wollen: „Der Reiz der Wetten bestand ja immer auch aus ihrem Grad an Geschicklichkeit und Intelligenz.“

Will Gottschalk überhaupt weitermachen? Sein Schicksal hat er früh vom Ausgang des Dramas abhängig gemacht: „Im Moment interessiert nur das Schicksal meines Kandidaten. Über mein eigenes und das der Sendung denke ich erst nach, wenn Samuel Koch über den Berg ist.“ Die Diskussion über die Folgen des Unfalls, über Risiken und Grenzen in TV-Shows, hält an. Stellte Samuels Wette eine neue Dimension in Sachen Nervenkitzel dar? Suchte das ZDF im Quotenfernduell mit RTL mehr Knalleffekt auf Kosten der Sicherheit? Die Antwort der Fachwelt lautet praktisch einhellig: Nein. Seit mehr als drei Jahrzehnten sind riskante Stunts Bestandteil von TV-Shows, im öffentlich-rechtlichen wie später im privaten Fernsehen. Seit jeher gilt auch im Fernsehen die Zirkusweisheit, wonach Seiltänzer ohne Netz einfach interessanter sind als Seiltänzer mit Netz.

„Es stimmt nicht, dass in den großen Shows des deutschen Fernsehens in den vergangenen Jahren eine wachsende Tendenz zu Action, Nervenkitzel und Risiko zu verzeichnen wäre“, meint der Medienexperte und frühere Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts, Bernd Gäbler. Die reflexhafte Forderung mancher Politiker aus den ZDF-Aufsichtsgremien nach einer Debatte um Quotenkampf und Nervenkitzel resultiere aus Unkenntnis des Programms. „Wer glaubt, das ZDF sei leichtfertig geworden, um mit RTL mitzuhalten, kennt einfach die ,Supertalent‘-Sendung nicht. Es ist keine Sendung voller gefährlicher Stunts, sondern eine ethisch fragwürdige Freakshow.“ Viel typischer als der Nervenkitzel seien für „Wetten, dass ...?“ „absurde Geschicklichkeit – Lastwagen auf Sektgläsern zu parken; BHs mit chinesischen Essstäbchen zu öffnen; Automarken am Klang der Türen zu erkennen“, schrieb Gäbler bei „stern online“. „Der größte Risikokitzel ist eher vorbei. Die japanische Spielshow ,Takeshi’s Castle‘ ist ebenso im Nischenprogramm verblieben wie das pubertäre ,Jackass‘.“ In der MTV-Show „Jackass“ wagt sich eine Jungsclique an gefährliche Stunts in Alltagssituationen. Auch die MTV-Show „Scarred“, in der reale Verletzungen von Skateboardern oder BMX-Fahrern gezeigt wurden (Slogan: „Hier wird gezeigt, was andere rausschneiden“), ist wieder aus dem Programm verschwunden.

Unterdessen scheint klar, warum sich Samuel als gut trainierter Sportler beim Sturz nicht mit den Armen abgestützt hatte, sondern mit dem Kopf ungebremst auf dem Fußboden landete. Offenbar war er bereits bewusstlos, nachdem er mit dem Kopf gegen die Oberkante der Windschutzscheibe geprallt war. „Ich konnte aus meiner Perspektive sehen, wie Samuel sich schon beim Sprung am Auto verletzt hat“, sagte Hunziker der „Bild“-Zeitung. Samuel selbst konnte sich am Dienstag zum Unfallhergang noch nicht äußern, sagten die Ärzte. Aber: Er sei kooperativ und kämpferisch.

Mehr zum Thema

Der am Samstagabend bei einem Unfall in der ZDF-Show „Wetten, dass..?“ schwer verletzte Wettkandidat Samuel Koch aus Hannover bleibt wahrscheinlich gelähmt. Das teilten die behandelnden Ärzte am Nachmittag mit.

07.12.2010

Nach dem schweren Unglück während der „Wetten, dass ...?“-Sendung aus Düsseldorf ist die Debatte um Risiken, Verantwortung und Sicherheit in TV-Shows in vollem Gang. Die nächste Sendung am 12. Februar soll wie geplant stattfinden. Fragen und Antworten zum Unfall des hannoverschen Studenten Samuel Koch – und den Folgen.

07.12.2010

ZDF-Verwaltungsratsmitglied Scheibe äußert sich nach dem Unfall am Samstagabend kritisch und fordert ein Nachdenken, in welcher Form mit Gottschalk als Entertainer weitergearbeitet werden kann. Kurt Beck (SPD) will eine Debatte zu den „Themen Nervenkitzel, Waghalsigkeit und Quote“.

06.12.2010