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21:37 02.01.2014
Immer am Wanderstock: Josefine Preuß kämpft als Tilla Willinger gegen ihren Bruder und für den letzten Willen ihres Vaters. Quelle: ZDF
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Hannover

Ein Historienspektakel, das im Mittelalter spielt - da ist eigentlich schon klar, was kommt: Opulente Bilder, Zwietracht und Tod, Intrigen und Liebe. Das kennen die durch Historienspektakel wie „Die Wanderhure“, „Die Päpstin“ oder „Die Säulen der Erde“ geschulten Zuschauer. Auch die ZDF-Produktion „Die Pilgerin“ bildet da keine Ausnahme: Kaufmannstochter Tilla (Josefine Preuß) bricht im 14. Jahrhundert gegen den Widerstand ihres grausamen Bruders Otfried (Volker Bruch) zu einer Pilgerreise nach Santiago de Compostela auf. Als Junge verkleidet will sie das einbalsamierte Herz ihres sündigen Vaters nach Spanien bringen - damit ihm Ablass gewährt wird.

Die junge Frau will den 2000 Kilometer langen Weg zunächst allein bewältigen, schließt sich dann aber einer Pilgergruppe an, die auf der Reise mit räuberischen Widersachern und unbarmherzigen Naturgewalten kämpfen muss. Tillas herrschsüchtiger Bruder räumt derweil in der schwäbischen Heimat mit Schwert und Dolch alle Konkurrenten aus dem Weg, die seiner Wahl zum Bürgermeister entgegenstehen. Am Ende wird dann aber doch alles gut - auch das ist keine Überraschung.

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Selten lagen Glaube und Aberglaube so nah beieinander wie im Mittelalter. So bestimmt die immanente Gottesfurcht zwangsläufig auch die Handlung: Die Figuren des Zweiteilers von Regisseur Philipp Kadelbach („Unsere Mütter, unsere Vater“) ergeben sich ihrem Schicksal. Wer pilgert, bekommt Sünden erlassen, wer das schwere Holzkreuz am ausdauerndsten stemmt, den ereilt der Seelenfrieden.

Die zarte, aber eigenwillige Tilla wird in dem Zweiteiler als eine Art Jeanne d’Arc stilisiert, die sich gegen die archaisch anmutende Gesellschaftsordnung stellt. Zwar trägt Preuß diese Rolle hervorragend, und ihre Tilla beweist sicher mehr Mut als durchschnittliche Kaufmannstöchter ihrer Zeit. Doch die Figur fällt an vielen Stellen in ihr Klischee zurück: Wenn Tilla nicht weiß, was zu tun ist, blickt sie spröde drein und umklammert ihren Wanderstock - viel mehr kommt da nicht.

Die sechs Millionen Euro teure Produktion, die komplett in Tschechien gedreht wurde, überzeugt dagegen handwerklich mit stimmungsvollen Bildern. Und auch abseits der hervorragend besetzten Hauptrollen zeigen sich mit bekannten Fernsehgesichtern wie Friedrich von Thun und Dietmar Bär überraschend glaubwürdige Akteure. Auf Authentizität legt das Drama dagegen wenig Wert, und die meisten Figuren haben wenig Tiefe. Dafür bedient die Gemeinschaftsproduktion von ZDF und ORF die gängigen Mittelalterstereotype: Geruhsam gewandert wird wenig, dafür wird gestunken, gelitten und gestorben. Wer widerspricht, wird niedergeprügelt (Glück gehabt) oder niedergemetzelt (Pech gehabt).

„Die Pilgerin“ ist ein konfektioniertes Drama. „Einen eigenen Willen zu haben ist wie ein Fluch“, sagt im Film ein Weib zum anderen - und genau das die Schwäche des Films. Doch immerhin hat Regisseur Philipp Kadelbach keine zweite „Wanderhure“ gedreht. Denn obwohl der Zweiteiler ebenso wie „Die Wanderhure“ auf einer Romanvorlage des Autorenduos Iny Lorentz basiert - von der verlotterten Sexiness einer Alexandra Neldel hat Tilla nichts. „Die Pilgerin“ ist eine öffentlich-rechtliche Produktion, und so besinnt sich die Hauptfigur auch auf das Wesentliche: „Glaube, Hoffnung, Liebe“ - ganz wie die Protagonistin zum Ende sagt.

Von Sabrina Mazzola

02.01.2014
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