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Medien & TV Zwischen Aliens und Yetis
Nachrichten Medien & TV Zwischen Aliens und Yetis
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09:06 13.08.2013
Russische Rätsel: Anna Chapman, frühere Spionin und stilsicheres It-Girl der Moskauer Medienszene, beleuchtet in ihrer TV-Show seltsame Phänomene. Das passt. Quelle: dpa
Moskau

Hoch über dem Moskwa-Fluss wabert im 35. Stock eines modernen Wolkenkratzers Kunstnebel durch ein TV-Studio. Aus dem Rauch tritt Anna Chapman vor die Kamera – blaues Kleid, rote Haare, hochhackige Schuhe. „Ich löse alle Rätsel“, verspricht die 31-Jährige zu Beginn ihrer Sendung. Dann folgen schier unglaubliche Geschichten, etwa über Schneemenschen oder Blut weinende Statuen.

Nach einer Stunde wirken die präsentierten Mythen nicht wirklich „gelöst“. Aber in Russlands meist eintönigem Fernsehprogramm, das vor allem ein wichtiges Propagandainstrument des Kreml ist, gilt die quotenstarke Personality-Show der berühmten Ex-Spionin als Hingucker.
Rückblick. Juli 2010. In einem spektakulären Austausch kehrt die attraktive Chapman („Agentin Null-Null-Sex“) nach ihrer Enttarnung in den USA nach Moskau zurück und wird schlagartig zur Berühmtheit. Wenige Monate später beginnt sie mit der Moderation der „Übersinnlichkeitsshow“, die an Sendungen im deutschen Fernsehen mit Erich von Däniken oder Uri Geller erinnert. Für westliche Sehgewohnheiten ist das Wochenmagazin nicht sonderlich aufregend. In Internetforen loben aber viele Russen, die traditionell abergläubisch und zudem die tägliche Nabelschau von Kremlchef Wladimir Putin im Fernsehen leid sind, die „erfrischende Moderation“ von Chapman. „Talent ist ihr nicht abzusprechen“, kommentiert auch der Rundfunksender Echo Moskwy. „Aber in erster Linie wollte der Kreml mit dem Job wohl eher eine aufgeflogene Agentin finanziell absichern.“

Die in Wolgograd, dem ehemaligen Stalingrad, geborene Anna Wassiljewna Kuschtschenko trägt seit einer mittlerweile geschiedenen Ehe mit einem Briten den englischen Nachnamen. Vor Kurzem machte sie erneut international Schlagzeilen, als sie dem nach Moskau geflohenen US-Informanten Edward Snowden per Twitter angeblich eine Hochzeit antrug. Experten vermuten, dass Chapman dies nicht ganz ernst meinte, sondern eher ihre ins Stocken geratene Karriere ankurbeln wollte.

Putin auf allen Kanälen

Im größten Land der Erde gilt das Fernsehen als wichtigstes Informationsmedium. Allerdings erlauben sich nur wenige TV-Stationen wie der kremlkritische Sender Doschd eine eigene Sicht der Dinge. Die meisten Kanäle stehen unter deutlichem Einfluss der Staatsführung. Russlands Opposition wird meist scharf attackiert, erhält ihrerseits aber kaum Sendezeit – im Unterschied etwa zu Staatspräsident Wladimir Putin, dessen mehrere Stunden langer „Heißer Draht“ mit der Öffentlichkeit legendär ist. Der Verlust der Unabhängigkeit des populären Privatsenders NTW durch den Einstieg des Staatskonzerns Gazprom 2001 gilt als typisch für Russlands TV-Szene.

Viel Erotik, dramatische Musik und schnelle Schnitte prägen Chapmans Sendung im Kanal Ren TV. In dem abgedunkelten Studio sitzend, moderiert sie die Beiträge kurz an. Politik ist tabu – auch das scheinen die meisten Zuschauer eher zu begrüßen. Denn das kremltreue Staatsfernsehen dient auch als Waffe gegen die liberale Opposition. Nachrichtensendungen nutzen etwa das Chaos in Ägypten oder Syrien unverhüllt als Warnung, dass es auch in Russland bei einem Sieg der Regierungsgegner vorbei sei mit der „Stabilität“.
Und immer wieder strahlt das Fernsehen Bilder aus, die mit versteckter Kamera gemacht wurden und Kremlkritiker diskreditieren sollen. Beobachter meinen, dass solche Aufnahmen kaum ohne Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst zustande kommen können.
Dem russischen Magazin „The New Times“ zufolge sitzen bei fast allen Sendern Kontrolleure des Inlandgeheimdienstes FSB hinter der Kamera – in den Redaktionen. Ehemalige TV-Mitarbeiter berichten von „Zensoren an den Schaltstellen wie zu Sowjetzeiten“. In einer „Spezialabteilung“ würden manche Beiträge „passend“ umgeschnitten oder mit geänderten Untertiteln versehen, beklagen sie. Bei der Chapman-Show steht ja eine Ex-Agentin sogar im Scheinwerferlicht.

Wie allergisch die Medienwelt auf Kritik am allmächtigen Putin reagiert, bekam jüngst ein 25-jähriger Mitarbeiter des russischen Senders Eastern Express zu spüren. Er zeigte Ende Juli in den Abendnachrichten statt lokaler Berichte aus der russischen Stadt Tscheljabinsk einen zweiminütigen Ausschnitt aus der kritischen Dokumentation „Die Epoche Putin“. Offenbar hatte sich der Mitarbeiter mit der Geschäftsführung seines Senders gestritten. „Er hat das Material in die Sendung geschnitten, um die Geschäftsführung zu ärgern“, zitierte der britische „Daily Telegraph“ den Senderchef. Zu sehen waren Bilder protestierender Russen und gewalttätiger Polizisten. Der Mann ist seinen Job los – seine Chefs jedoch, denen er schaden wollte, dürfen bleiben. Und werden Kritik am Kreml wohl auch künftig vermeiden.
Längst hätten sich junge Russen vom traditionellen Fernsehen abgewandt und würden sich im Internet informieren, statt die ewigen Jubelmeldungen anzuschauen, schreibt das Magazin „New Times“. Das Fazit fällt bitter aus: „Russlands Fernsehen braucht einen Aufbruch.“

Wolfgang Jung

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