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Medien & TV Zwischen Bobbycar und Bundestag: Politiker und ihre Kinder
Nachrichten Medien & TV Zwischen Bobbycar und Bundestag: Politiker und ihre Kinder
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08:37 03.07.2010
Von Imre Grimm
David McAllister mit seinen Töchtern Mia (l.) und Jamie. Quelle: ap
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Und dann hatte er plötzlich ein Kind auf dem Arm. Jahrelang hatte sich Christian Wulff Privatfotos strikt verweigert, hatte es kaum Bilder seiner Kinder gegeben. Und nun schlenderte er mit Ehefrau Bettina und Sohn Linus entspannt durch „Yukon Bay“ im Zoo Hannover. Ob man denn ein Foto machen dürfe, fragten die Fotografen?

„Kein Problem“, sagte Wulff.

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„Kein Problem“, sagte seine Frau.

Doch ein Problem – hieß es vier Stunden später in einer SMS der niedersächsischen Staatskanzlei an die Presse. Man möge das Gesicht von Linus bitte doch lieber unkenntlich machen, das sei so guter Brauch. Wulff selbst blieb Daddy Cool.

Politiker und Kinderfotos – eine neue Entspanntheit macht sich breit. Es „menschelt“ wieder. Während sich Gerhard Schröder jegliche Abbildung seines Nachwuchses verbat, während Genscher, Kohl & Co. einst einen dicken Strich zogen zwischen Privatem und Politischem, während das berühmte Foto der kleinen Caroline Kennedy mit Bruder John Jr. vom 10. Oktober 1962 vor Papas Schreibtisch im Oval Office noch eine große Ausnahme war, dokumentiert eine neue Generation von Politikern bereitwillig die selbstverständliche Anwesenheit von Kindern in ihrem Leben: Gern zeigt sich der als eigenschaftslose Politikmaschine kritisierte Wulff jetzt als liebender Vater. FDP-Blondine Silvana Koch-Mehrin lässt sich im „stern“ mit nacktem Babybauch ablichten („Ich sehe das als Teil meiner politischen Arbeit“). Sasha und Malia, Töchter von Barack Obama, sind längst selbst kleine Stars. Und der neue niedersächsische Ministerpräsident David McAllister lässt seine Töchter nicht nur am Rednerpult des Landtages herumturnen – er lässt sich in einer TV-Homestory im heimischen Bad Bederkesa gar dabei filmen, wie ihm Jamie (5) und Mia (4) an der heimischen Haustür spielerisch salutieren.

Auch der neue britische Premier David Cameron zeigt sich oft mit seinen Kindern, während sein Vorgänger Gordon Brown befand: „Meine Kinder sind keine Requisiten, sie sind Menschen.“ Als Browns Umfragewerte dann freilich in den Keller sackten, ließ er sich doch öffentlich zum Tod seiner Tochter Jennifer aus und hatte Tränen in den Augen, was die selbst wenig zimperliche britische Presse als Tiefpunkt der Selbstentblößung geißelte. Jennifer war 2002 zehn Tage nach der Geburt an einer Gehirnblutung gestorben.

„Wer bei den Wählern als sympathisch wahrgenommen werden will, darf nicht als reiner Politikroboter auftreten“, sagt Gerd Langguth, Politikprofessor in Bonn. „Weiche Faktoren“ wie der Lebensstil und die Familie seien für den politischen Erfolg inzwischen ebenso wichtig wie inhaltliche Konzepte, glaubt gar Sebastian von Bassewitz, Vize-„Bunte“-Chef. Natürlich: Es kann nicht schaden, als Gestalter in einer zukunftsskeptischen Gesellschaft, in der die Zahl beziehungsversehrter Singles stetig ansteigt, das Hohelied der intakten Kleinfamilie zu singen. Das zeigt: Ich weiß, wovon ich spreche, wenn es um Kita-Plätze und Turbo-Abitur geht. Ich kenne nicht nur Parteifreunde, ich kenne auch Prinzessin Lilifee.

Vorreiter für den Babyboom war die Glamourwelt: In Hollywood und New York werden Kinder längst als Lifestyle-Accessoire instrumentalisiert. Madonna, Brangelina & Co. adoptieren sich eine schicke Großfamilie zusammen, Paparazzi zeigen jedes Stadium der Schwangerschaft von Jessica Alba oder Britney Spears, und Suri Cruise (4) ist eine globale Stilikone, seit sie auf der Welt ist. Kinder – das sind auch in der Politik nicht länger nur Faktoren zur Sicherung der Sozialsysteme. Familie ist cool, die viel besungene Renaissance der Bürgerlichkeit findet ihren Ausdruck auch in den medialen Leitbildern. Tatsächlich ist ja die Zeit der mentalen Ich-AGs und Turbokarrieren vorbei. Und gelegentlich sind Kinderfotos in der Politik auch Ausweise einer biografischen Neuorientierung, wie damals, 1998, als Oskar Lafontaine nach seiner Flucht aus der Bundespolitik mit seinem Sohn auf den Schultern vor seinem Haus posierte. Seht her, sollte das heißen. Der wichtigste Mensch in meinem Leben heißt nicht Gerhard Schröder, der heißt Carl-Maurice und hat gelbe Entenschuhe an.

Spätestens seit Ursula von der Leyen, Prototyp der familienfreundlichen Politikerin („Die Zukunft fängt zu Hause an“), in ihrer allerersten Wahlkampfbroschüre ihre sieben Sprösslinge David Echter, Sophie Charlotte, Maria Donata, Victoria Ursula, Johanna Gertrud, Egmont Ulrich und Gracia Diotima im Gänsemarsch über eine Wiese spazieren ließ, sind Kinder zum Argument im Wahlkampf geworden, zum lebenden Nachweis der eigenen Sozialkompetenz zwischen Bobby-Car und Bundestag.

Die Frage ist nur: Vervollständigt es wirklich unser Bild vom „Menschen“ David McAllister, wenn seine Töchter durch den Landtag tollen? Rechtfertigt der Ausweis der Bedeutung seiner Kinder im Leben des neuen Landesvaters die Aufgabe von deren Anonymität? Juristisch sind Politikerkinder per se keine Personen des öffentlichen Lebens. Es liegt im freien Ermessen der prominenten Eltern selbst, ob ihre Kinder öffentlich auftreten oder nicht. „Wenn Politiker Kinderfotos verbieten, dann meistens aus Gründen der Sicherheit“, sagt HAZ-Fotochef Michael Thomas. „Sie fürchten sich vor Entführungen.“

Politisch aber sind Kinder nützlich. Wahr ist aber auch: In TV-Homestorys, in „Bunte“ und „Gala“, wird eine politisch korrekte, idealisierte Pseudoprivatheit inszeniert, die mit dem echten Familienleben nichts zu tun hat. Zu viel Idylle nervt schnell – siehe Rudolf Scharpings Swimmingpool-Fiasko. Langguth warnt vor einer Überreizung: „Die Leute haben ein feines Gespür dafür, ob die Familienidylle wirklich real ist.“