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Medien & TV Zwischen „Frauentausch“ und Grimme-Preis
Nachrichten Medien & TV Zwischen „Frauentausch“ und Grimme-Preis
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13:35 04.03.2013
Kaum ein Sender steht bei Kritikern mehr für sogenanntes Trash-Fernsehen als RTL II. Grund sind Formate wie „Frauentausch“ oder „Big-Brother“. Jetzt wird der Sender, der gerne Grenzen austestet, 20 Jahre alt.
Kaum ein Sender steht bei Kritikern mehr für sogenanntes Trash-Fernsehen als RTL II. Grund sind Formate wie „Frauentausch“ oder „Big-Brother“. Jetzt wird der Sender, der gerne Grenzen austestet, 20 Jahre alt. Quelle: dpa (Archiv)
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München

„Stopp, sonst kriegt sie gleich eins auf die Schnauze", brüllt Andreas und knallt Tauschmutter Andrea die Tür vor der Nase zu. Eine Frau, die es bei Fans der Sendung „Frauentausch" inzwischen als „Erdbeerkäse-Nadine" zu Ruhm gebracht hat, sinniert: "Fernsehen bildet, weil man viel daraus lernen kann - zum Beispiel Kochen lernen, Kindererziehung, Kinderkrankheiten." Es sind Szenen wie diese, die RTL II ein etwas zweifelhaftes Image eingebracht haben. Von „Trash TV" sprechen Kritiker - oder vom „Unterschichtenfernsehen".

Für Skandale und Skandälchen war der Sender, der an diesem Mittwoch (6. März) vor genau 20 Jahren auf Sendung ging und den Geburtstag mit der Jubiläumsshow "20 Jahre RTL II - Die Zukunft ist jetzt" feiert, von jeher gut. „Mit RTL II verbinde ich die Chance, wieder ein paar Dinge im Fernsehen zu probieren, die sich andere nicht getraut haben", sagt Jubiläumsshow-Moderatorin Sonja Zietlow.

Unvergessen der Aufschrei, der durch die Republik ging, als "Big Brother" mit Zlatko und Jürgen im Jahr 2000 zum ersten Mal den Weg ins deutsche Fernsehen fand - und Guido Westerwelle (FDP) später zu den Insassen in den Container.

Der Rechtswissenschaftler Werner Frotscher verfasste sogar ein verfassungsrechtliches Gutachten zu „Big Brother". Fazit: Tätig werden müsse die Hessische Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (LPR) zwar nicht. „Gleichwohl bleibt „Big Brother" in verfassungsrechtlicher wie soziologischer oder gesellschaftspolitischer Hinsicht in der Diskussion."

Das stellte die Sendung auch unter Beweis. So bescheinigten Medienwächter einer „Big Brother"-Folge 2010 zum Beispiel Jugendgefährdung, weil die Kamera beim Duschen zweier Frauen „ausschließlich auf deren Brüste" gerichtet gewesen sei.

„RTL II ist ein Sender, der immer wieder versucht, seine Nische zu finden und etwas zu machen, was es vorher in Deutschland noch nicht gab", sagt Michael Fingerling, Programmreferent bei der LPR. Dort beantragte RTL II vor mehr als 20 Jahren die bundesweite Zulassung, auch heute noch ist die LPR darum für den in Grünwald bei München ansässigen Sender zuständig - und das geht nicht ohne Reibungen vonstatten.

„Die Neuerungen bei RTL bedeuten oft auch Neuerungen für das Rundfunkrecht", sagt Fingerling. Und darum beschäftigt der Sender die Medienwächter in schöner Regelmäßigkeit. Zuletzt war es beispielsweise das Format „X-Diaries - Love, Sun, Fun" über feiernde Touristen, das Jugendschützern wegen zu viel Sex und Alkohols missfiel.

An einem der letzten großen Aufreger war auch die Frau des Ex-Verteidigungsministers beteiligt: Stephanie zu Guttenbergs Sendung "Tatort Internet" machte im Herbst 2010 Jagd auf pädophil veranlagte Kriminelle und wurde scharf kritisiert.

Doch der Sender hat dem deutschen Publikum auch Kultformate beschert wie die US-Erfolgsserien „Game of Thrones", „True Blood" oder „Californication", die ihren Weg über RTL II ins deutsche Free-TV fanden. Und auch Eigenproduktionen wurden Kult. Heute sind das etwa die „Scripted Reality"-Sendungen „Berlin - Tag & Nacht" (mit inzwischen mehr als 2,5 Millionen Facebook-Fans) oder deren Ableger „Köln 50667".

Vor mehr als zehn Jahren löste die Casting-Show „Popstars" (später bei ProSieben), die die No Angels hervorbrachte, den Casting-Boom in Deutschland aus. Und dann gab es da ja auch noch „Peep". Zuerst moderierte Amanda Lear das Erotik-Magazin, dann Dieter Bohlens Ex-Frau Verona Feldbusch (heute Pooth) und schließlich Bohlens Ex-Freundin „Naddel", Nadja Abd el Farrag.

Das Jugendmagazin „Bravo TV" wurde mit Heike Makatsch als Moderatorin 1996 sogar für den Grimme-Preis nominiert - eine von insgesamt fünf Nominierungen in der Sendergeschichte. „Bravo TV" ging damals zwar leer aus, dafür gab es die renommierte Auszeichnung im gleichen Jahr aber für den RTL-II-Thriller „Der Sandmann" mit Götz George. „Das war eine Zeit, in der es dem Privatfernsehen noch besser ging und die Sender selbst in Qualität investiert haben", sagt Ulrich Spies vom Grimme-Institut.

Die Zeiten seien aber wahrscheinlich vorbei, auch wenn RTL II als einer der wenigen Privatsender immer wieder auch beeindruckende Dokumentationen im Programm gehabt habe. Künftig werde der Sender sich wohl vor allem auf das junge Stammpublikum konzentrieren - und auf „Konfektionsware". „Ich glaube kaum, dass es wieder dahin zurückgeht", sagt Spies mit Blick auf den „Sandmann". "Das war eine rühmliche Ausnahme Mitte der 90er Jahre.

dpa

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