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13:32 07.06.2013
Von Christiane Eickmann
Eine äußerst schwierige Beziehung: Die lebenslustige Sylvia (Rebecca Hall) und ihr traditionsbewusster Ehemann Christopher Tietjen (Benedict Cumberbatch).
Eine äußerst schwierige Beziehung: Die lebenslustige Sylvia (Rebecca Hall) und ihr traditionsbewusster Ehemann Christopher Tietjen (Benedict Cumberbatch). Quelle: BBC/HBO
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Gern wird derzeit hundert Jahre zurückgeblickt: Florian Illies’ gleichermaßen unterhaltsame wie lehrreiche Betrachtung „1913. Der Sommer des Jahrhunderts“ hält sich seit Wochen in den Bestsellerlisten, die mehrfach preisgekrönte, britische KostümDramaserie „Downton Abbey“, die zu Anfang des 20. Jahrhunderts spielt, hat eine große Fangemeinde bei Zuschauern und Kritikern.

Auch in der sechsteiligen Miniserie „Parade’s End“ spiegelt sich die Zeit des Um- und Aufbruchs in die Moderne, kurz vor und während des Ersten Weltkriegs. Versehen mit dem leicht unbeholfenen deutschen Zusatztitel „Der letzte Gentleman“ zeigt arte heute und in der nächsten Woche jeweils drei Folgen am Stück. Benedict Cumberbatch, der bereits als „Sherlock“ brillierte und im aktuellen „Star Trek“-Kinofilm das gesamte Ensemble an die Wand spielt, ist dieser „letzte Gentleman“. Und was für einer: Christopher Tietjen, Spross einer nordenglischen Landbesitzerfamilie und Analytiker im Ministerium für Statistik, versucht verzweifelt, an Traditionen aus vergangenen Zeiten festzuhalten. Für Tietjen ist „die Welt im 18. Jahrhundert untergegangen“, er leidet an der Moderne, korrigiert in der „Enzyklopädia Britannica“ die Rechtschreibfehler. Ausgerechnet dieser überkorrekte Mann heiratet aus Pflichtgefühl die vergnügungssüchtige „Femme fatale“ Sylvia Sattherwaite (Rebecca Hall).

Wie Cumberbatch und Hall die zwangsläufig entstehenden Konflikte des ungleichen Paares spielen, hat Kinoqualität. In Krisenzeiten werden die als zementiert geglaubten Geschlechterrollen neu definiert – so auch am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Satterthwaite lässt keine Party aus und verdreht zahlreichen Männern den Kopf. Doch glücklich ist sie dabei nicht. Mal will sie ihren ach so langweiligen Ehemann hassen, dann sehnt sie sich nach seiner Zuneigung. Tietjen dagegen ist bemüht, jedes Gefühl zu unterdrücken. Und das, wo er ganz offensichtlich ein großes Herz hat, zum Beispiel seinen Sohn liebt – obwohl er vermutlich gar nicht dessen leiblicher Vater ist. Selten hat man bei einem Schauspieler derart häufig die Tränen in den Augen stehen und die Oberlippe zittern sehen. Cumberbatch trägt mit jeder noch so kleinen Geste das Innerste seiner Figur, ihre ganze Zerrissenheit zwischen Beharren und Aufbruch nach außen. Als sei Tietjens Lage nicht schon kompliziert genug, verliebt er sich auch noch in die fürs Frauenwahlrecht kämpfende Sufragette Valentine Wannop (Adelaide Clemens), eine weitere Spielart eines modernen Frauentyps.

Regisseurin Susanne White und Drehbuchautor Tom Stoppard („Shakespeare in love“) haben die zwischen 1924 und 1928 entstandene Romanvorlage von Ford Madox in symbolträchtige Bilder mit wunderbaren nordenglischen Landschaftsaufnahmen und perfekt kostümierten Gesellschaften umgesetzt. Unter Federführung von BBC und HBO haben sie ein großartiges Schauspielerensemble versammelt. So gibt beispielsweise Rupert Everett mit Vollbart den intriganten Bruder Titjens, Rufus Sewell den geisteskranken Reverend Duchemin.

In den britischen Medien ist „Parade’s End“ als „,Downton Abbey‘ für Erwachsene“ gefeiert worden. Cumberbatch hat „Downton Abbey“ gar in einem unnachahmlichen Anfall von Arroganz als „sentimental, voller Klischees und grauenhaft“ bezeichnet. Dies ist zwar Unsinn, und doch ist „Parade’s End“ tatsächlich verdichteter erzählt und hat in seiner Konzentration auf weniger Personen und Handlungsstränge mehr Tiefgang. Und doch: Wer britische Serienkunst liebt und sich gern in die Seelenkonflikte der Menschen von vor hundert Jahren hineinversetzt, wird beide Produktionen lieben.

„Parade’s End“, arte, Heute und Freitag, 14. Juni, 20.15 Uhr