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Fernsehen Hannover-Tatort: Das Netzwerk des Bösen
Nachrichten Medien Fernsehen Hannover-Tatort: Das Netzwerk des Bösen
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00:15 10.12.2012
Von Dany Schrader
Mädchen, Männer, Macht: In ihrem 20. Fall verstrickt sich Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) tief in die Machenschaften der feinen Gesellschaft. Quelle: NDR
Hannover

Es ist ein böses Erwachen. Das Mädchen hat nicht viel mehr als seine Unterwäsche am Körper. Es liegt im Müll. Missbraucht und weggeworfen, entsorgt auf einer Deponie wie ein leerer Pizzakarton. Nur ein Streik der Müllfahrer hat es vor dem Tod durch die Müllpresse bewahrt. Larissa (Emilia Schüle) heißt die schöne Osteuropäerin, und wie so viele hatte sie sich etwas anderes versprochen, als man ihr eine Modelkarriere im Westen versprach. Aus der Traum.

Zwangsprostitution ist das große Thema, dem sich die LKA-Ermittlerin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) in ihrem 20. Fall stellen muss. Dabei ist die Kommissarin endlich einmal glücklich verliebt. Doch für die geheimen Treffen mit ihrem Freund, dem Journalisten Jan (Benjamin Sattler), fehlt der LKA-Kommissarin schon bald die Ruhe. Mit jedem Fortschritt der Ermittlungen schraubt sich die Polizistin tiefer in ein Geflecht aus Geld, Macht und Politik. Und schon bald fallen die Schlüsselworte, die das „Tatort“-Team auf keinen Fall zu Schlüsselworten werden lassen wollte, die aber einiges darüber aussagen, wie man anderenorts noch immer auf die niedersächsische Landeshauptstadt schaut. Herrenabend, Steintorviertel, Rocker: Im Internet würden diese Begriffe wie Tags um den Namen dieser Stadt schweben, manche fettgedruckt, manche weniger auffällig, aber doch als Hinweis darauf, dass gerade sie besonders häufig mit Hannover in Verbindung gebracht werden.

In der Geschichte vom „Wegwerfmädchen“ schwingt die ganze Gerüchteküche von der sogenannten Maschsee-Connection noch einmal mit: Da sind ein Anwalt, der mit Rockern befreundet ist und ein reicher Immobilienhai, der sich von den sogenannten „Hunnen“ beschützen lässt. „Hunnen“-Chef Koschnik (Robert Gallinowski) wiederum „beschützt“ nicht nur das „Steintorviertel“, sondern gleich die ganze Stadt. Verwechslungen mit echten Personen wurden vermieden, so einige Ähnlichkeiten lassen sich dennoch entdecken. Im „Tatort“ allerdings geht es noch viel weiter – nämlich um Mord.

Für die „Tatort“-Doppelfolge mit Maria Furtwängler wird Leinhausen zu Minsk: Das ehemalige Bahnausbesserungswerk in Leinhausen diente als vermeintlich osteuropäische Kulisse.

Die Geschichte um die beiden Zwangsprostituerten und die Machenschaften der ausgedachten Rockerbande „Hunnen“ ist so weitläufig und ausufernd, dass sich der Norddeutsche Rundfunk erstmals dazu entschieden hat, den Fall in zwei „Tatort“-Folgen zu erzählen, die, das ist dem klugen Drehbuch von Dähnert zu verdanken, aber auch als Einzelfolgen funktionieren. Am Ende der jeweils 90 Minuten kann Charlotte Lindholm sogar jeweils einen Mörder präsentieren.

Drehbuchautor Stefan Dähnert hat sich ein Spiel daraus gemacht, wie am Reißbrett hat er entworfen, wohin sich eine feine Stadtgesellschaft mit Vertretern aus Wirtschaft, Politik und Kunst drehen kann, wenn genug kriminelle Energie und ausreichend Skrupel im Spiel sind. Man kann das als interessante Studie betrachten, aber auch allzu viele Klischees darin entdecken. Starke Rocker, feige Akademiker und Journalisten, die für windige Auftraggeber ermitteln. Das ist vielleicht ein bisschen tief in die Klamaukkiste gegriffen.

Auch Charlotte Lindholm gerät – wieder einmal – an ihre Grenzen. Privates Glück scheint sie nicht festhalten zu können. Und auch beruflich sieht es düster aus. Die allgegenwärtige Stadtkulisse von Hannover wird daher im nächsten „Tatort“ schon wieder Geschichte sein. Für den 21. Fall geht es aufs Land.

„Wegwerfmädchen“ | Das Erste, „Tatort“-Krimi in zwei Teilen, Teil 2: Sonntag, 16. Dezember, 20.15 Uhr

Die Maschsee-Connection

Uwe Koschnik (Robert Gallinowski) ist im Film Herr über das Rotlichtviertel am Steintor. „Ich habe viel für die Stadt getan“, sagt der Chef der Rockergruppe „Hunnen“. Ex-Hells-Angels-Chef Frank Hanebuth wird in einigen Kreisen Ähnliches nachgesagt, allerdings will er sich nach eigenen Angaben aus dem Viertel zurückgezogen haben.

Die Figur des Immobilienhais Hajo Kaiser (gespielt von Bernhard Shir) erinnert stark an AWD-Gründer Carsten Maschmeyer. Kaiser kann Massen für seine Ideen begeistern, und er ist ein Selfmade-Man und Milliardär.

Rechtsanwalt Götz von Fromberg könnte Vorbild für Gregor Claussen (Michael Mendel) gewesen sein: von Fromberg hatte 2010 - stets Zigarre rauchend - den "Rockerfrieden von Hannover" begleitet. Claussen vertritt die "Hunnen" - allerdings als Nichtraucher.

Rocker tragen keine Kutten im Knast

Dramaturgische Zwänge mögen dazu führen, dass gewisse Abläufe im Film verknappt dargestellt werden. Der neue „Tatort“ bildet da keine Ausnahme.

Kluft nur in Ausnahmen: Die Rocker tragen in jeder Szene ihre Lederwesten mit den aufgenähten Emblemen des Klubs. Sogar in seiner Gefängniszelle darf einer der „Hunnen“ seine Kutte tragen. Dem Zuschauer soll auf diese Weise offenbar sofort klargemacht werden, wer zu der Motorradgang gehört und wer nicht. In Hannovers Steintorviertel haben die Hells Angels ihre sogenannten Patches allerdings nur in Ausnahmefällen getragen – unter anderem während der Harley Days. Ansonsten vermieden es die Rocker, ihre Kutten auf der Rotlichtmeile zur Schau zu stellen. Selbst Rockerboss Frank Hanebuth war in der Regel neutral gekleidet. Vollkommen undenkbar ist es allerdings, dass inhaftierte Rocker ihre Abzeichen im Gefängnis tragen dürfen.

Angriff ohne Folgen: Charlotte Lindholm wird in der ersten Folge von mehreren Mitgliedern der „Hunnen“ in einem Nachtklub angegriffen und zu Boden geschubst. Der Angriff auf die Beamtin bleibt folgenlos. Kein anderer Polizist kommt der Kollegin zu Hilfe. Keiner der Angreifer wird vorläufig festgenommen. In der Wirklichkeit ist so etwas undenkbar.

Verstoß gegen Dienstregeln: Charlotte Lindholm verstößt in der Doppelfolge gegen zahlreiche Vorschriften. So lässt sie unter anderem von einem Journalisten ohne richterlichen Beschluss eine Software auf den Laptop eines Verdächtigen aufspielen – ein Vorfall, der eigentlich ein Disziplinarverfahren nach sich ziehen würde.

 Tobias Morchner, HAZ-Polizeireporter

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