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Fernsehen „Ich will nicht nach Berlin“
Nachrichten Medien Fernsehen „Ich will nicht nach Berlin“
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13:34 28.09.2011
Bosse und Anna Loos singen für Niedersachsen. Quelle: Pro7

Am alten Möbelhaus an der Leipziger Straße in Chemnitz strahlt neuerdings eine neue Leuchtreklame. In grellen Buchstaben steht dort „Zukunft“, ein schillerndes Signal, das etwas irritierend wirkt. Der Möbelladen ist längst Geschichte, die Gegend menschenleer, nur gleich um die Ecke haben Neonazis eine Kneipe zum Treffpunkt erkoren. Doch im Möbelhaus tut sich was. Junge Chemnitzer haben eine Bar eingerichtet, die Fassaden sind mit Graffiti gestaltet, eine Disko namens „Kompott“ hat vergangene Woche eröffnet. Mehr als 50 Wohnräume will die Stadt jungen Studenten und Künstlern hier kostengünstig zur Verfügung stellen. Das ehemalige Karl-Marx-Stadt soll wieder für Kreativität und Vielfalt in Sachsen stehen. So weit die Theorie.

Vor dem Haus steht ein gemieteter Lieferwagen. Ein paar junge Menschen packen im Regen Instrumente ein und brechen auf nach Berlin, um Auftritte zu planen, ihr erstes Album zu vermarkten und sich vorzubereiten auf das, was man wohl Musikkarriere nennt. Ihr Mischer Malt bleibt im Chemnitz. Er hilft noch ein wenig im neuen Klub.

Die Band aus Chemnitz heißt Kraftklub und gilt seit diesem Sommer als Geheimtipp des deutschen Indierocks. Die Mittzwanziger verbinden ironische Kommentare auf die Ausgehgeneration 2011 mit eingängigen Gitarrenriffs, kombinieren klugen Sprechgesang mit der Attitüde des ostdeutschen Beobachters aus der Distanz. Lieder wie „Zu jung“ und „Scheiß Indiedisko“ sind Szenehits, die sie zu Festivals wie „Rock am Ring“ oder dem „Open Flair“ brachten, wo sie statt in Ehrfurcht vor den großen Stars zu erstarren, Bands wie den Killerpilzen oder den Donots das Backstagebier wegtranken. Nun läuft das Quintett selbst in der Indiedisko und liefert den Rock-’n’-Roll-Soundtrack seiner Generation. Am Donnerstag vertritt Kraftklub sogar das Bundesland Sachsen bei Stefan RaabsBundesvision Song Contest“ (BuViSoCo) – und hat gute Chancen auf die ersten Plätze.

Der Liederwettstreit wurde 2005 einst von Raab entwickelt, um deutschsprachigen Musikern in Deutschland ein passendes Forum zu bieten. Die jeweils 16 Bundesländer schicken eine Band oder einen Künstler ins Rennen, das Publikum stimmt über den Sieger ab. Es ging um Talentförderung, Nachwuchspflege und musikalische Innovation. Aber natürlich wollte Raab damals vor allem den öffentlich-rechtlichen Musikpionieren zeigen, dass man den Vorentscheid zum „Eurovision Song Contest“ auch kurzweilig gestalten und mit Seeed, Juli, Peter Fox und Unheilig auch Stars abseits des Ralph-Siegel- oder Dieter-Bohlen-Kosmos’ dafür präsentieren kann. Das Gesellenstück zeigte Wirkung. Raab und ARD lernten sich kennen und lieben. Nach „Unser Star für Oslo“, Lenamania und dem Gewinn des „Eurovision Song Contest“ dürfte die Fortsetzung der „Eurovision“-Shows unter der Obhut des neuen deutschen Jurychefs Thomas D. spannend wie nie werden. Doch wer braucht dann noch den „BuViSoCo“?

Bands wie Kraftklub brauchen diesen Wettbewerb. Nachdem die Charts immer weniger darüber aussagen, welche Bands wirklich gut und erfolgreich sind, braucht es eine nationale Plattform, die wie eine bunte Werkshow fungiert. Flo Mega gilt in Bremen längst als der bessere Jan Delay, Bosse, der mit Anna Loos für Niedersachsen antritt, ist derzeit einer der spannendsten anspruchsvollen Singer-Songwriter, und die Alin Coen Band aus Weimar verbindet Folk und Funk auf eine wunderbar locker-leidenschaftliche Art und Weise. Es sind Künstler, die lange durch kleine Kellerklubs tingeln und für Getränke spielen, sich noch mühsam eigene E-Mail-Verteiler aufbauen, weil ein PR-Büro fehlt, und schließlich Alben selbst veröffentlichen, weil es sonst keiner tut.

Solche Musiker treffen bei Raab nun auf etablierte Künstler wie Juli (Hessen), die einst den ersten „BuViSoCo“ gewannen, und Thees Uhlmann (Hamburg), der mit der Band Tomte längst im Popgeschäft angekommen ist. Auch Newcomer wie Andreas Bourani (Bayern) und Frida Gold (Nordrhein-Westfalen) brauchen das TV-Event nicht zwingend, weil sie bereits von Plattenfirmen und Radiostationen als neuer Mainstream angepriesen werden. Und so wird der formal betrachtete Liederwettkampf erneut zur Kraftprobe, ob der von Plattenfirmen sorgfältig aufgebaute oder eben teuer gehypte Künstler mit Liedern fürs Supermarktradio auch den Hörerkampf gegen die Szenespezialisten bewältigt. ProSieben und die Produktionsfirma Brainpool sorgen in der Lanxess-Arena in Köln für den passenden Spektakelrahmen, den Musikdarbietungen im deutschen Fernsehen wohl manchmal brauchen.

Die Musiker von Kraftklub haben sich übrigens den passenden Plan für den Wettbewerb zurechtgelegt. Statt sich an den Erfolgen von Seeed und Peter Fox zu orientieren und Musik zu machen, die vor allem den Szenemetropolen gefällt, treten sie mit der Hymne „Ich will nicht nach Berlin“ an, in dem sie über Undercutträger, Fashionblogbetreiber und Jutebeutelträger lästern. Das Motto Besser-raus-mit Applaus-als-vor-gängigen-Hörgewohntheiten-einknicken dürfte Raab bekannt vorkommen. Vielleicht ein Prinzip mit Zukunft. Nicht nur in Chemnitz.

Jan Sedelies

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