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21:36 18.12.2012
Von Imre Grimm
Sahnetorten haben eine bewegte Vergangenheit im internationalen Humorwesen. Auch die neue ARD-Satireshow „Das Ernste“ greift auf den Klassiker zurück – hier Florian Schroeder als Umweltminister Peter Altmaier. Ob’s hilft gegen das Humordefizit im Ersten? Quelle: ARD
Hannover

Es ist ein Elend. Humor in der ARD ist, wenn Florian Silbereisen sich als Frau verkleidet. Humor in der ARD ist, wenn Vorabendkrimis „Alles Klara“ heißen. Selbst politisches Kabarett, wo die ARD jahrzehntelang subversive Pionierarbeit leistete, macht man heute nur noch für ein angegrautes Publikum, das „huh!“ raunt, wenn einer „Hitler“ sagt. Es ist, als sei die ARD in Humorfragen nie über „eine Flasche Pommes frites“ hinausgekommen.

Es sieht düster aus im Hauptprogramm. Und sie wissen das. ARD-Programmdirektor Volker Herres beklagte 2011 öffentlich das „Humordefizit“ im Ersten. Da lag das Witzgeschäft schon seit Jahren brach. Unterhaltungschefs verweisen tapfer auf Ina Müller und Kurt Krömer, die nach Jahren in der televisionären Diaspora der Dritten auch endlich mal ins Wochenend-Spätprogramm der ARD durften. Ansonsten könne man sich ja keine Comedy-Sendeplätze schnitzen, heißt es. Das Programmschema des Ersten ändern? Die hart umkämpften Biotope von neun Intendanten, zehn Programmdirektoren, 13 Chefredakteuren und einer Armee weiterer Ober- und Unterchefs neu bepflanzen? Da wäre es leichter, den Nahen Osten zu befrieden.

Die ARD ist nicht lustig

Die ARD ist nicht lustig. Muss sie denn lustig sein? Muss sie. Erstens – seien wir ruhig mal kleinlich – gehört Unterhaltung laut Paragraph 11 des Rundfunkstaatsvertrages zum Programmauftrag von ARD und ZDF (und „Unterhaltung“ umfasst nicht nur das „Adventsfest der 100 000 Lichter“, sondern konkret auch „Comedy und Kabarett“). Und zweitens wird die ARD 2012 in der Zuschauergunst auf Platz drei hinter RTL und das ZDF rutschen. Eine Blamage? Viel mehr: eine ernste Krise. Den Jüngeren ist das Erste schlicht wurscht. Wenn sie es denn kennen.

Das Problem: Angst lähmt. Ausgerechnet das ZDF tanzt der ARD in Sachen Humor mit Hirn seit Jahren auf der Nase herum – mit dem smarten Witz der „heute-show“ oder mit der neuen Mainzer Sitcom „Lerchenberg“ (inklusive Sascha Hehn als zickige Diva), mit der sich das ZDF zum 60. Geburtstag im Frühjahr 2013 selbst auf die Schippe nimmt. Oliver Welke kam mit der „heute-show“ am späten Freitagabend zuletzt auf drei Millionen Zuschauer. Das zeigt, wie ausgehungert das Publikum ist nach Biss, Schärfe und Tempo. Dieter Nuhrs behäbiger „Satire Gipfel“, der Ersatz für Dieter Hildebrandts Klassiker „Scheibenwischer“, kann da nicht mithalten.

Lange hat’s gedauert, bis ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber ein warmes Plätzchen für das erste, zarte Comedypflänzchen namens „Das Ernste“ gefunden hat. Die 45-minütige Sendung soll das Spaßlevel wenigstens ein bisschen anheben – allerdings zu nachtschlafender Zeit: am Donnerstag von Mitternacht bis 0.45 Uhr. Moderator ist der badische Kabarettist Florian Schroeder. Mit dabei ist auch Ex-„Tagesschau“-Sprecher Jo Brauner. Er liest „lustige Meldungen“ vor.

Eine lauwarme Mischung aus „heute-show“ und „Switch reloaded

Die ersten Bilder wirken wie eine lauwarme Mischung aus „heute-show“ und „Switch reloaded“ von PRO7. Und tatsächlich hätte das Erste gern die „Switch“-Stars Martina Hill, Max Giermann und Martin Klempnow gewonnen, die nach finanziellen Turbulenzen ihrer Produktionsfirma zwischenzeitlich ihre TV-Heimat verloren hatten. Stattdessen versucht man’s jetzt mit Neulingen: Da steht Schauspielerin Sara Kelly-Husain als Claudia Roth im Bundestag, Kollege Thomas Nicolai imitiert Modeschöpfer Harald Glööckler, und Schroeder selbst futtert als Umweltminister Peter Altmaier eine Sahnetorte. Weil der dick ist. Sahnetorte. Dick. Sie verstehen.

Die „handverlesenen, jungen Comedians“ sollen Politik, Wirtschaft und Fernsehen „aufs Korn nehmen“, hofft Heiner Heller vom zuständigen RBB – eine Formulierung, die Oliver Welke nur gegen sichtbare innere Widerstände in den Mund nehmen würde. Eine Frage lautet: „Ist Philipp Rösler ein südostasiatischer Sprachroboter?“ Falls die Show trotzdem funktioniert, geht sie in Serie. Die ursprüngliche Idee stammt allerdings – wenn man Olli Dittrich glauben kann, wozu reichlich Anlass besteht – von Olli Dittrich. Er bastelte laut „Spiegel“ zwei Jahre lang an einer Parodiesendung namens „Tagesschaum“, die dann an allerlei Bedenkenträgerei scheiterte. „Dass jetzt die Kopie ins Fernsehen kommt, ist für mich schon eine Überraschung“, sagt Dittrich. Schreiber dagegen sieht keine Parallelen zwischen den Konzepten.

Konsenskomik

Es gibt sie ja auch in der ARD-Familie, die lustigen, raffinierten Typen und Ideen. Pierre M. Krause („Es geht um mein Leben“) aber zum Beispiel steckt seit Jahren bei EinsPlus und im SWR in der Warteschleife fest. Und das Lustigste, was seit Monaten im deutschen Fernsehen zu sehen war, lief am Montag um 23 Uhr im NDR Fernsehen: Die „extra 3“-Autoren Dennis Kaupp und Jesko Friedrich verwoben in ihrer „Mockumentary“ namens „Glückwunsch, Glotze!“ die deutsche Fernsehgeschichte zu einem grandios durchgeknallten Mix aus unfassbaren Archivsplittern, Interviewparodien und der fiktiven Biografie von Fernsehboss „Johannes Schlüter“ (in der NDR-Mediathek unter www.ndr.de/mediathek zu sehen).

Die ersten Trailer von „Das Ernste“ dagegen sehen schwerblütig aus, nach Konsenskomik. Es ist die Dauerkrankheit der ARD, auch in ihren Serien, ihren Nachmittagskaffeekränzchen, in ihren infantil inszenierten Ratgebersendungen: Sie unterschätzt ihre Zuschauer. Denn: „Das Publikum versteht alles“, sagt Olli Dittrich.

„Das Ernste“, Satire- und Parodieshow mit Florian Schroeder, am Donnerstag um 0.00 Uhr in der ARD.

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