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18:49 06.06.2013
Von Frerk Schenker
Wie hier im thüringischen Greiz sind bundesweit sind Zehntausende Freiwillige im Hochwassereinsatz. Quelle: dpa
Hannover

Es sind Bilder wie diese, die viele an die Flut von 2002 erinnern. Während Elbe, Saale und Mulde weiter stiegen, schleppen im ganzen Land Freiwillige zusammen mit Soldaten, Einsatzkräften von THW und Feuerwehr Sandsäcke an die Deiche. Die Bilder gleichen sich, doch in diesen Tagen ist eines anders: Das Hochwasser hat Zehntausende mobilisiert – übers Internet.

Ob in Bayern, Sachsen, Sachsen-Anhalt oder Niedersachsen: Überall organisieren sich die Helfer digital, tauschen sich über Facebook aus, wo Helfer, Sandsäcke und Unterkünfte für Flutopfer benötigt werden. Bei Twitter laufen unter dem Hashtag #Hochwasser fast sekündlich neue Meldungen ein.

In Dresden tauschen sich seit Tagen Zehntausende auf der Facebook-Seite „Hochwasser Dresden aus. Fast rund um die Uhr posteten hier Freiwillige in den vergangenen Tagen, wo Helfer an den Deichen benötigt wurden. Manchmal mit dramatischen Appellen: „Dringend!!!! auf der Leipziger Str. 42 gegenüber vom Netto werden Säcke und Leute gebraucht dringend!!!!“, schreibt ein Nutzer – und bekommt binnen Minuten Zusagen von Dutzenden Freiwilligen.


Auch die Verteilung von Verpflegung wird über diese Seite organisiert. Firmen bieten mitunter palettenweise Getränke an, Privatpersonen stellen ihr Auto für den Transport zur Verfügung – und die Macher der Seite posten den unkomplizierten Aufruf, sich bei ihnen zu melden: „Wer hat Durst? Wir haben einen Fahrer mit palettenweise Flüssigem, der euch gern Erfrischung bringt.“

Trotz der teils kräftezehrende Tage kommt bei den Helfern der Humor nicht zu kurz. In der Nacht zu Donnerstag bitten einige Helfer in Dresden über Facebook um ein kühles Bier und bekommen umgehend die Zusage für die nächtliche Bierspende. Es sind diese kleine Geschichten, die vielleicht nur das Netz schreibt und die Menschen auch außerhalb der Hochwassergebiete berührt und mobilisiert. So auch das Bild eines Fluthelfers aus Dresden, das sich in den vergangenen Stunden im Netz verbreitete: Es zeigt einen Rollstuhlfahrer, der bei einer nächtlichen Hilfsaktion zur Schaufel greift und einen Sandsack befüllt.

Traurig aus Normalsicht, spektakulär aus der Luft: Die anschwellende Elbe-Flut rollt auf Norddeutschland zu. Im Süden und Osten Deutschlands trieb das Hochwasser schon Zehntausende Menschen aus ihren Häusern.

Auch in Halle an der Saale, wo seit Tagen gegen das Hochwasser gekämpft wird, organisieren sie sich über Twitter und Facebook. Auch hier stellen Hotels ihre Zimmer für die Helfer zur Verfügung, bieten Firmen Sachspenden an und finden Betroffene nicht genutzte Pumpen gegen das Wasser im Keller. Vor allem aber sind es die jungen Helfer, die sich über das soziale Netzwerk koordinieren. In Halle sprechen sie bereits von der „Generation Gummistiefel“: junge Menschen, die sich über das Netz gegenseitig mobilisieren und mit Schaufeln und Stiefeln bewaffnet wenig später Sandsäcke befüllen.


„Für Deutschland ist das zweifellos eine neue Entwicklung“, sagt der Kommunikationswissenschaftler Christoph Neuberger von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Bei der Jahrhundertflut 2002 hätten die sozialen Netzwerke noch in den Kinderschuhen gesteckt. International würden Facebook und Twitter mittlerweile schon stärker bei Katastrophen eingesetzt – etwa bei dem Erdbeben in Haiti. „Vieles passiert momentan spontan“, sagt Neuberger zu der Situation in den Hochwassergebieten. „Es wäre gut, wenn es eine zentrale Stelle gebe, die so etwas wie eine Art redaktionelle Prüfung übernimmt“, regt er an. Das könne eine Kommune oder auch eine Hilfsorganisation sein. Damit könnten Falschinformationen herausgefischt und korrigiert, Hilfe aber auch koordiniert werden.

Am späten Donnerstagnachmittag hielten auch die eifrigen Helfer einen Moment inne. In Barby kam nach Medienberichten ein 63-jähriger Helfer Hochwasserhelfer ums Leben. Der Mann war zusammengebrochen, als er Sandsäcke befüllte. Für den Krisenstab in Sachsen-Anhalt Anlass genug, die Helfer zu ermahnen, zwischendurch Pausen einzulegen und sich ausreichend Essen und Trinken zu versorgen. Ein Aufruf, der sich binnen Minuten verbreitete – bei Twitter und Facebook.

(mit: dpa)

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