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09:04 22.10.2013
Von Imre Grimm
Die US-Seite Buzzfeed.com hat als greller Mix aus Knuddelkätzchen, Listen und Bilderstrecken begonnen – nun will man mehr Journalismus wagen. Quelle: dpa
Hannover

Es gab eine Zeit, im letzten Jahrtausend, da waren Top-Ten-Listen in Late-Night-Shows das neue große Ding. Harald Schmidt hatte von David Letterman gelernt, und so erfreute sich sein deutsches Publikum an kleinen Gagparaden wie „Zehn Anzeichen dafür, dass Sie zu viel rauchen“ oder „Zehn Gründe, warum Ihr Arzt drogensüchtig ist“. Das war vor fast 20 Jahren.

Es folgte: der globale Siegeszug von Fakten- und Listenbüchern, angestoßen von Ben Schotts „Sammelsurium“-Bänden, die eine Armada von Ranking-Titeln nach sich zogen – bis hin zu der großartigen Parodie „Die sexuellen Phantasien der Kohlmeisen“ von Jörg Metes und Tex Rubinowitz, darin: „Sieben Sätze, die Pianisten nicht so gerne hören während eines Konzerts“ („Hau in die Tasten, Tarzan!“).

Die „Liste“ galt als Nonplusultra. Das Fernsehen, vor allem die Dritten Programme der ARD, überschwemmte sein Publikum mit einer Flut aus geistlos zusammenklebten Rankingshows, die noch dem entlegensten Wasserschlösschen im hintersten Zipfel des Sendegebietes zu seinem Recht auf jährlich drei Erwähnungen verhalfen. „Die 30 beliebtesten Ausflugsziele der Hessen“ (HR), „Die erstaunlichsten Dörfer Norddeutschlands“ (NDR), „Die 30 tollsten Haus- und Hoftiere“ (RBB) – unermüdlich zerteilten die öffentlich-rechtlichen Ordnungskräfte die komplexe Gegenwart in verdauliche Häppchen. Innerhalb von 14 Monaten liefen 136 (!) „superlative“ Listenshows über Komiker, Bäume, Schauspieler, Sportler oder Sketche, vor denen Mietprominenz wie Carlo von Tiedemann oder Judith Rakers als lebende Pop-up-Puppen inhaltsfreie Sätze aufsagten („Ja, da war ich auch schon mal!“).

Was für unschuldige Zeiten – im Vergleich zu der millionenfachen Listenpest, die im Netz inzwischen selbst vermeintlich sortenreine Nachrichtenseiten durchsuppt. Langsam, schleichend, verabschieden sich auch Anbieter, die sich journalistischen Prinzipien verschrieben hatten, vom lange gültigen Aktualitäts- und Relevanzprinzip – hin zu einem klickoptimierten Kessel Buntes mit „24 Sätzen, die Lehrer von Eltern nicht hören wollen“ oder den „19 nervigsten Werbespots der Welt“. Syrien? Iran? Gott, wer will das wissen?

Kein Problem, im Prinzip – in den blinkenden Amüsiervierteln des Internets jedenfalls, wie etwa der Comedyseite 9GAG.com, wo digitale Neonreklame das junge Volk zu grenzwertigen Cartoons und großäugigen Anime-Püppchen lockt. Doch der Trend schwappt auch ins traditionelle Fach, zu den großen Mainstream-Medientiteln – und plötzlich gilt, was im Journalismus fatal ist: Was nicht geklickt wird, ist nichts mehr wert. Eingeführte Marken drohen sich schleichend in schrille Blinkbuden zu verwandeln. Selbst die „Washington Post“ betitelte eine Story jüngst mit der Zeile: „Die neun Fragen zu Syrien, die Ihnen peinlich sind“.

Ein Blick auf die Startseite von „Focus Online“ gestern: „Die elf Geheimnisse des ,Tatorts‘“, „Die schönsten Berghütten“, „Die sichersten Winterreifen“, „So vermeiden Sie fiese Sporen in der Luft“, „So senkt Schmutzwäsche die Stromrechnung“. Auf der Startseite von „Spiegel Online“: „So trainieren Sie Ihre Muskeln richtig“, „Die 15 Gebote für Schüler“, „Die schönsten zensierten Plattencover“. Bei „stern.de“ heißt es: „IQ-Test: Wie viel Intelligenzbestie steckt in Ihnen?“, „Die umstrittensten Fälle des Patentamtes“, „Urlaubsbeschwerden – Penisneid und andere Ärgernisse“.

Das immer gleiche Allerlei aus Pseudo-Welterklärung, Beihilfe zur Alltagsbewältigung und Kuriositätenkabinett entfernt sich unmerklich vom Nachrichtlichen. Aus der alten News-Grundlast mit angeschlossenem Boulevard-Biotop ist vielerorts ein schrilles Spaßbad mit angeschlossenem News-Feigenblättchen geworden – stets mit dem Argument, dass man sich eben dem „Mediennutzungsverhalten der jungen Nachrichtenkonsumenten“ anpassen müsse. Das ist wirtschaftlich gut begründbar. Journalismus aber ist ein komplexes Gewerbe, das nicht nur ökonomischen Prinzipien folgen sollte, wenn es seine Legitimation nicht verlieren will.

Denn das Problem ist, dass das umworbene junge Publikum die ARD- oder RTL-Boulevardmagazine inzwischen schon selbst für die „Nachrichten“ hält. „Interessierst du dich für Nachrichten?“, hieß es in einer Umfrage – „Ja“, sagte eine etwa 15-Jährige. – „Und wo hörst du die so?“ – „Bei 9GAG. Und bei ,Explosiv‘.“ Soll heißen: Die Aufweichung des Nachrichtenbegriffs taugt nicht als Trojanisches Pferd für relevantere Inhalte – schmuggelt also eben nicht unter dem Deckmantel der Niedrigschwelligkeit auch mal Substanzielles ein –, sondern gewöhnt das Publikum stattdessen an das putzige Nichts, das das Netz beherrscht.

Die US-Seite Buzzfeed.com schlägt jetzt den umgekehrten Weg ein: Begonnen hat sie als greller Mix aus Knuddelkätzchen, Listen und Bilderstrecken – nun will man zwischen „23 Gründen, warum Essen gehen stressig ist“ und den „Zehn besten Gags aus den ,Simpsons‘“ mehr Journalismus wagen. Buzzfeed-Chef Jon Steinberg hat dafür renommierten Blättern namhafte Autoren weggekauft: die frühere Moskau-Korrespondentin des „Guardian“ etwa oder den einstigen „Politico“-Mann Ben Smith, der bei Buzzfeed Chefredakteur ist. Buzzfeed-Gründer Jonah Peretti hat am Massachusetts Institute of Technology erforscht, was Menschen warum anklicken und teilen. Heute setzt der 39-Jährige seine Theorien in der Praxis ein – zunächst bei der „Huffington Post“, die das Klickdiktat auf die Spitze treibt, und seit 2006 bei Buzzfeed. 85 Millionen Menschen besuchten im August die Seite. 300 Menschen arbeiten in Manhattan für Buzzfeed, die Seite macht Gewinn – wie viel wird nicht verraten. Ein neues Modell? Oder die freiwillige Selbstaufgabe der Vierten Gewalt? „Der Journalismus ist nicht tot“, glaubt Steinberg. „Er braucht nur einen Neustart.“

Alles richtig. So lange über der Frage, wie maximale Aufmerksamkeit zu erzielen ist, die Frage nicht aus dem Blickfeld gerät, wofür diese Aufmerksamkeit eigentlich genau genutzt werden soll. Denn wer Pflaumenkuchenrezepte oder „Big Bang Theory“-Gags irgendwann mit „Nachrichten“ verwechselt, wird für immer für die Erkenntnis verloren sein, dass die Welt nicht nur aus Listen mit Miley-Cyrus-Frisuren besteht.

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