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Medien Christian Oberfuchshuber: Ein gefragter Publikumsanheizer
Nachrichten Medien Christian Oberfuchshuber: Ein gefragter Publikumsanheizer
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19:39 01.03.2010
„Heute ist alles erlaubt“: Der 32-jährige Christian Oberfuchshuber bringt die Zuschauer der SAT.1-„Schillerstraße“ auf Fernsehtemperatur. Quelle: dpa

Es ist ein seltsamer Beruf. Wenn die Kamera noch nicht läuft, dann ist Christian Oberfuchshuber ein Star. Er spielt den Clown für Hugo Egon Balder, für Oliver Pocher oder die „Schillerstraße“. Sein Ziel ist es, das Publikum reif fürs Fernsehen zu machen. Und dann, wenn die Scheinwerfer aufflammen, wenn der wahre Star das Studio betritt, dann tritt Oberfuchshuber wieder in den Hintergrund. Der 32-Jährige ist der gefragteste Anheizer und Stimmungsmacher im deutschen Fernsehen.

Im Kölner Studio der SAT.1-Impro-Comedy-Show „Schillerstraße“ warten 230 Zuschauer auf Jürgen Vogel. Lichter flackern, ein Popschlager von Mark Medlock dröhnt aus den Boxen, der Countdown zur Show beginnt: „Meine Damen und Herren, begrüßen Sie Jürgen Vogel“, kreischt eine Kirmesstimme aus dem Lautsprecher. Das Publikum klatscht und trampelt, dann kommt Warm-upper Oberfuchshuber. „Ich bin doch gar nicht Jürgen Vogel“, sagt er. Das Publikum ist nicht enttäuscht, sondern lacht mit. „Bist wohl ein bisschen dicker geworden“, spielt Sabine aus der ersten Reihe mit. Zeit für Anweisungen: „Heute ist alles erlaubt“, ruft Oberfuchshuber, „klatschen, trampeln, pfeifen, den Nachbarn würgen.“

Die Kamera fährt über die Gesichter des Publikums, denn die Produktionsfirma benötigt solche Aufnahmen, um später gute Schnittbilder zu haben. Und das immer und immer wieder. Oberfuchshuber gibt nicht auf. „Die Mädels machen jetzt die Kreischnummer, und wir sorgen alle zusammen für Riesenapplaus!“

Seit zwölf Jahren steht Christian Oberfuchshuber im Dienst der guten Laune. Nach seiner Lehre als Hotelfachmann zog er in die Fernsehmetropole Köln und verkaufte zunächst Karten für eine Ticketfirma. Seine Karriere als Anheizer begann mit kleinen Quizshows vor den Aufzeichnungen. Weil die Privatsender immer mehr Unterhaltungsshows drehten, waren lustige Typen gefragt. Christian Oberfuchshuber ergriff seine Chance und lernte einen Beruf, den es auf dem Papier gar nicht gibt.

Die Idee des Warm-ups oder Anheizens stammt aus den USA. Momentan versucht Oberfuchshuber, den Gästen von „Deutschland sucht den Superstar?“ (RTL), „Britt“ (SAT.1) oder der Late-Night-Show von Oliver Pocher (SAT.1) ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern, sie quasi auf TV-Temperatur zu bringen, denn im Fernsehen ist alles ein bisschen alberner, lauter, schriller als in der Wirklichkeit. In stillen Momenten träumt Oberfuchshuber von einer Karriere vor der Kamera. „Das ist mein Traum, ich will nicht ewig der Mann der zweiten Reihe bleiben“, sagt er. Der Mann fürs Vorspiel hat es mit einem Quiz im Frühstücksfernsehen schon auf die große Mattscheibe geschafft. Die wenigsten Warm-upper schaffen den Sprung ins Rampenlicht: Der MDR-Mann Peter Imhoff oder die RTL-Frau Vera Int-Veen gehören zu den Ausnahmen. Oberfuchshuber ist ein auffälliger Typ; ein Kasper mit blonden, in die Höhe gegelten Haare, er trägt silbrig schimmernde Sneaker. Insgesamt gibt es in Deutschland zwischen sechs bis acht professionelle Publikumsanheizer. Pro Show verdient Oberfuchshuber gut 600 Euro, im Jahr darf er bei bis zu 400 Fernsehproduktionen der Spaßmann sein.

Sogar dann, wenn er keine gute Laune hat. In der „Schillerstraße“ klebt sein Dauergrinsen noch fest im Gesicht: Wichtig ist, dass er den Zuschauern Tipps gibt, wie sie sich verhalten sollen. Aufs Klo gehen geht nicht. „Lieber in die Hose machen, das Pipi läuft direkt rüber ins Studio von Oliver Geissen“, kreischt er jetzt wieder. Ein Brüller. Das Publikum tobt, trampelt, pfeift.

Dass eine Stimmungskanone für Fernsehshows wichtig ist, weiß Maike Tatzig, Spielleiterin und Produzentin der SAT.1-„Schillerstraße“. „Ein Warm-upper soll unsere Gäste in eine andere Welt versetzen“, sagt sie. Die Stimmung in Folge 138 müsse genauso gut sein wie in der ersten Sendung.

Nur einer verzichtet seit Jahren auf einen Warm-upper: Thomas Gottschalk übernimmt das Vorglühen seines „Wetten, dass ...?“-Publikums selbst. „Das ist mir ganz wichtig“, sagte er vergangene Woche in Erfurt. „Ich finde, es ist unterhalb der Menschenwürde, dass man einen Warm-upper rausschickt mit den Worten: ,Da wird einer kommen, ich bin nicht wert, seine Füße zu küssen.‘ Das ist mir furchtbar peinlich, dass da ein Mensch rausgeht, der wieder versteckt wird, wenn die Kameras angehen.“

dpa

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