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Medien „Wir dürfen den Horror nicht rauseditieren“
Nachrichten Medien „Wir dürfen den Horror nicht rauseditieren“
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08:00 22.07.2014
„Wir sind keine Helden“ - Christoph Bangert.

Bangert arbeitet für Titel wie den „stern“ oder die „Neue Zürcher Zeitung“ in Kriegs- und Katastrophengebieten, etwa in Palästina, Darfur, Afghanistan, Pakistan, Nigeria oder im Irak. „War Porn“ heißt sein aktuelles, viel diskutiertes Fotobuch (Kehrer, 192 Seiten, 29,90 Euro, ISBN 978-3-86828-497-3), in dem er auf Selbstzensur verzichtet. Bangert lebt mit seiner Frau und zwei Töchtern in Uster in der Schweiz.

Herr Bangert, träumen Sie vom Krieg?
Nein, nie. Das ist ein großes Glück. Ich glaube, es kommt daher, dass ich nach schwierigen Reisen immer wieder Pausen gemacht habe. Man darf diesen Job nicht zu viel machen. Sonst wird man abhängig, das ist dann wie eine Droge. Die große Anstrengung ist nicht, Fotos vom Krieg zu machen, sondern nach Hause zu kommen und mit diesen komischen Alltagssorgen der Leute zu Hause konfrontiert zu werden. Manchmal will man einfach nur schreien, weil die Probleme so banal wirken.

Wenn man die Einleitung Ihres Buches liest, hat man auch den Eindruck, dass sich eine gewisse Wut aufgestaut hat.
Ich glaube, das ist angeboren bei mir. Die Wut macht überhaupt erst einen großen Teil meiner Motivation aus, in Kriegs- und Krisengebieten zu arbeiten. Es ist die Wut darauf, dass diese Dinge geschehen. Die Invasion des Iraks hat mich 2003 unheimlich beschäftigt. Es ist dann natürlich eine frustrierende Sache, wenn man all diese Bilder hat und sie nie veröffentlicht werden. Man kann sie eben nicht vorne auf einer Boulevardzeitung drucken, das würde die Leute nur schockieren. Stattdessen muss man einen Weg finden, der dem Ganzen eine Bedeutung gibt und nicht nur einen Schockeffekt darstellt.

Ihr Fotobuch, mit dem Sie ein vollständiges Bild Ihrer Arbeit zeigen wollen, haben Sie provokativ „War Porn“ genannt.
Der Vorwurf kommt bei meiner Arbeit, der sogenannten „Kriegsfotografie“, immer wieder. Es heißt dann: „Das ist ja pornografisch“ oder „Das ist doch voyeuristisch“. Natürlich kann man die Bilder als pornografisch bezeichnen. Was mich aber daran stört: Es ist oft auch eine Ausrede, diese Bilder nicht wahrzunehmen und das Leid dieser Leute nicht anzuerkennen. Wenn wir uns nicht überwinden können, diese Bilder anzusehen, machen wir es uns zu einfach.

Warum müssen sie gezeigt werden?
Wir erinnern uns in stehenden Bildern. Nicht in bewegten Bildern, nicht in Text. Genau darin liegt die Verantwortung der Fotografie. Denn wir schaffen nicht nur Bilder, wir schaffen auch Erinnerungen. Deshalb müssen wir sehr vorsichtig sein, wenn wir einen sehr spezifischen Teil dieser Ereignisse, den Horror, rauseditieren. Dann entsteht in den Köpfen auch keine visuelle Erinnerung. Darin sehe ich eine Gefahr. Ein Beispiel sind die Bilder der Befreiung der KZ-Häftlinge in Auschwitz. Wir müssen uns überwinden, diese Bilder anzusehen – dennoch müssen sie in unseren Köpfen existieren.

Sie machen die Selbstzensur zum Thema Ihres Buches. Manche Seiten muss man erst entlang einer Perforation auftrennen, um die Fotos sehen zu können.
Ja, es ist als eine Kritik in drei Stufen gedacht: Bei mir selbst, in der Redaktion und beim Betrachter findet eine Selbstzensur statt. Zunächst sind es viele Bilder, die ich nicht an die Redaktion geschickt habe. Schreckliche Bilder, von denen ich nicht mehr wusste, dass ich sie überhaupt gemacht habe. Das zeigt sehr schön, wie das Gehirn solche traumatischen Dinge ausblendet und löscht. Aber auch bei der Redaktion findet eine Selbstzensur statt: Sie muss am Ende abwägen, was sie ihren Lesern zeigen will, und entscheidet sich oft für die harmloseren Bilder. Die interessanteste Stufe aber ist die dritte: die Selbstzensur von uns allen. Wir alle als Bildbetrachter tun uns unheimlich schwer, uns solche Bilder überhaupt anzusehen. Wir zensieren uns ständig selbst. Das ist etwas, worüber wir nachdenken müssen.

Die Essayistin Susan Sontag war der Ansicht: Je mehr grausame Bilder man sieht, umso mehr stumpft man ab. Sie sagt, Bilder, die das Leiden zeigen, dürfen nicht schön sein.
Solche Argumente sind legitim. Es ist ein Dilemma: Bei dieser Art der Fotografie geht es um Entmenschlichung. Egal ob es Menschen sind, die in KZs gefoltert wurden oder in Bagdad auf der Müllhalde gelandet sind. Dieses Ereignis ist entmenschlichend – aber nicht das Foto und der Vorgang, es sich anzusehen.

In Kriegsgebieten liegt eine ständige Gefahr in der Luft. Wie viele wirklich gefährliche Situationen haben Sie selbst erlebt?
Das weiß ich nicht so genau. Die Gefahr, entführt zu werden, sieht man nicht. Wenn man sie sieht, ist es schon zu spät. Dann ist man schon gekidnappt (lacht).

Da lachen Sie.
Ja, natürlich. Ich lache immer. Wenn du über diese ganze Absurdität von Kriegen und Krisen nicht auch lachen könntest, würdest du wahnsinnig. Und wenn man daran nicht zerbricht, ist es eigentlich ein großes Geschenk. Da kommt der „Mythos Kriegsfotograf“ ins Spiel, aber dieses Heldenbild ist völlig falsch. Wir sind keine Helden. Wir fahren da freiwillig hin und können jederzeit wieder nach Hause fahren. Es sind die lokalen Journalisten und Fotografen, die das größte Risiko eingehen. Sie sind es auch, die zahlenmäßig am meisten ums Leben kommen. Nur das steht bei uns nicht in der Zeitung.

Der Medienwissenschaftler Marshall McLuhan hat gesagt: Kriege würden augenblicklich zum Stillstand kommen, wenn keine Journalisten mit ihren Kameras anwesend wären.
Das wäre ja schön. Nein. Es ist eine perverse Idee, dass Kriege Medienereignisse sind, die nur stattfinden, um die Medien zu unterhalten. Das Gegenteil ist der Fall: Die allermeisten Gräueltaten werden nicht dokumentiert. Kriege gibt es, seit es Menschen gibt, und sie werden immer stattfinden. Und es wäre ethisch sehr zweifelhaft, wenn wir noch nicht einmal versuchen würden, sie zu dokumentieren.
Interview: Tobias Goltz

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