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Nachrichten Medien Lena tritt mit Mystery-Song beim Eurovision Song Contest an
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09:24 19.02.2011
Von Imre Grimm
Lena Meyer-Landrut bei ihrem Auftritt von "Unser Song für Deutschland" in Köln. Quelle: dpa

Doch, könnte reichen. Nicht zum Sieg vielleicht, aber zu einer guten Platzierung allemal. Mit dem coolen, düsteren, etwas spukigen Mystery-Song „Taken By A Stranger“ wird Lena Meyer-Landrut am 14. Mai beim Eurovision Song Contest (ESC) in Düsseldorf Deutschland vertreten. Das haben die Zuschauer der ARD/PRO7-Vorentscheidsshow „Unser Song für Deutschland“ gestern Abend entschieden. 79 Prozent entschieden sich für den Titel. Das Finale der Liedauswahl, bei dem Lena sechs Songs vortrug, ging in den Brainpool-Studios in der Kölner Schanzenstraße vor 1000 Zuschauern über die Bühne.

Nicht gewählt wurden die beiden Kompositionen von Stefan Raab und Lena selbst. Weder die im typischen Raab-Blues-Brothers-Bigband-Funk-Waddehaddeduddeda-Sound verfertigte Nummer „Mama Told Me“ noch „What Happened To Me“, dessen Rohentwurf Lena einst auf ihr iPhone sag, lagen am Ende vorn. Als Komponist ist Raab beim ESC also nicht vertreten. Dafür hat er jetzt endgültig grünes Licht als ESC-Moderator an der Seite von Judith Rakers und Anke Engelke.

„Mein Favorit kommt noch!“, sagte Jurypräsident Raab mehrfach. Es war der Running Gag des Abends. Und als er dann kam, war der 44-Jährige kaum zu bremsen: „,Taken By A Stranger' beim ESC – das ist, als ob du eine Wasserbombe in eine Oma-Bridge-Runde wirfst. Die Nummer ist unkonventionell, mutig. Damit haben wir eine außergewöhnliche Chance.“ Der Song sei „das moderne Peter und der Wolf“. Nun ja. Mitjurorin Barbara Schöneberger sagte: „Das Lied hat so eine innere Spannung. Man denkt die ganze Zeit: Jetzt knallt sie durch, die Alte.“

Aber „die Alte“ knallte nicht durch. Heute kam es darauf an, das wusste Lena. Sie musste liefern. Und sie lieferte, begleitet von den auf 24 Musiker angeschwollenen Heavytones: klare Stimme, große Präsenz, viel Spaß. Auch abseits der Kameras tanzte sie fröhlich, stand unter Strom, warf sich spielerisch in Muskelprotzpose, Griff in den Schritt inklusive. Die Halle freute sich. Lena und Raab – im Showmodus sind sie sich sehr ähnlich.

Wieder ein Start-Ziel-Sieg also; diesmal nicht für Lena wie 2010, sondern für ihr Lied. Der Song aus der Feder des Komponistentrios Nicole Morier (eine in London lebende Norwegerin), Gus Seyffert und Monica Birkenes (beide USA) ist quasi das Gegenteil des leichtfüßigen Partyhits „Satellite“. Er bietet der 19-Jährigen die Chance, auf der europäischen Bühne diesmal eine andere Seite als das verschmitzte Rehlein von sich zu zeigen. Inhaltlich geht es um die flüchtige Begegnung zweiter Fremder, die sich gegenseitig faszinieren, ein Hauch von Stalking liegt über dem Minikrimi.

Der Song hat so gar nichts von der aggressiven Krawallfröhlichkeit, die traditionell die Mehrzahl der Grand-Prix-Beiträge kennzeichnet. Genau das könnte seine Chance sein. „Taken By A Stranger“ schlug am Ende „Push Forward“, eine romantische Ballade aus der Feder des Berliner Komponistenduos Daniel Schaub und Pär Lammers, bei der in klassischer Grand-Prix-Manier nach 120 Sekunden musikalisch die Sonne aufgeht. Der Titel kam im Stechen auf nur 21 Prozent der Stimmen.

Und die Show? Natürlich: Man könnte des Längeren und Breiteren darüber räsonieren, dass dem Vorentscheid 2011 mangels Konkurrenz die Spannung fehlte. Dass zwölfmal Lena ziemlich viel Lena auf einmal ist. Dass 360 Sendeminuten für 36 Minuten Musik netto doch ziemlich aufgepustet wirkten. Dass eine Castingshow mit nur einer Kandidatin so aufregend ist wie eine DDR-Volkskammerwahl. Dass die öffentlich-rechtliche Konsensmaschine ARD und der aus dem Bauch entscheidende Sturkopf Stefan Raab eine schwierige Phase ihrer Zweckehe durchmachen.

Am Ende aber ist eines Fakt: Deutschland ist am 14. Mai 2011 beim Eurovision Song Contest mit einem aussichtsreichen Gesamtpaket vertreten: einer sehenswerten Sängerin und einem hörenswerten, sehr originellen Lied. Das ist schon ziemlich viel. Daran wird sich jeder erinnern, dessen persönliche Grand-Prix-Geschichte nicht erst mit Lena begann. Lieber sechsmal Lena als je einmal Knorkator, Zlatko, Jeanette Biedermann, Corinna May, der Junge mit der Gitarre und die German Tenors.

Man muss immer mal wieder daran erinnern: Der Grand Prix ohne Raab – das war das Grauen. Und auch das ist Fakt: Das von vielen Kritikern eingeforderte Recht auf eine klassische Castingshow als Vorentscheid ist nicht Bestandteil des deutschen Grundgesetzes. Nirgendwo steht geschrieben, dass die Auswahl des Beitrags eine demokratische Angelegenheit sein muss. Raab selbst machte sich kurz vor der Show Luft: „Ich bin doch von der ARD gebeten worden, Ödland aufzuarbeiten. Nach 2004 gab es nur die Auswahl zwischen drei Künstlern. Sie hatten also die Wahl zwischen Pest und Cholera. In dem Jahr vor Lena hatten Sie nicht mal diese Wahl. Da wurde diktatorisch bestimmt: Alex swings, Oscar sings und Dita tanzt. Da haben Sie die Pest, die Cholera und die Syphilis frei Haus bekommen.“ Er selbst erst habe den Vorgang demokratisiert.

Die Lenamania 2010 war ein solitäres, kaum reproduzierbares Ereignis. Ihre Unwiederholbarkeit der Protagonistin anzulasten ist albern. Niemand weiß, ob sich unter zehn oder 20 neuen Kandidaten wirklich jemand gefunden hätte, der Lena auch nur ansatzweise das Wasser hätte reichen können. Dass sich die nationale Erregung bei diesem Vorentscheidmodell in Grenzen halten würde, musste jedem klar sein. Lieder haben keine Fans. Menschen haben Fans.

Und Raab? Verriet vor der Show, was in ihm vorgeht. Zehn Minuten vor der Eurovisionshymne sang er „Satellite“ für die Halle. „Geht, oder?“, fragte er. „Beim nächsten Mal mache ich selber wieder mit.“ Ein Scherz? Man weiß das bei ihm ja nie so genau.

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