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Nachrichten Medien Mütter der Märtyrer: ARD zeigt die Dokumentation „Soldatinnen Gottes“
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17:33 01.08.2010
Von Heike Manssen
Proganda der Hamas: Märtyrervideo mit Umm Shadi und ihrem Sohn Luay. Quelle: ARD

Die Hamas – das ist wie ein Kleid, das ich trage“, sagt die Frau im langen, schwarzen Tschador. Ein Kleid, das sie nie ablegt, das ihr Denken, ihr Handeln bestimmt. Jamila al-Shanti, promovierte Erziehungswissenschaftlerin und Parlamentsabgeordnete der palästinensischen Organisation Hamas, ist eine von fünf Frauen, die in dem Film von Suha Arraf zu Wort kommen.

Was diese Frauen vor der Kamera erzählen, ist verstörend und erschreckend. „Der einzige Grund, warum wir Kinder in die Welt setzen, ist, um sie Gott und dem Kampf preiszugeben“, sagt zum Beispiel die 56-jährige Huda al-Abud, Palästinenserin und Mutter von zehn Kindern. Geblieben sind ihr fünf. Zwei starben als Selbstmordattentäter, drei wurden getötet, als israelische Hubschrauber Jagd auf Terroristen machten. Huda ist stolz auf ihre Söhne. Sie zeigt ein Abschiedsvideo, das die letzten Minuten, die sie mit ihrem Jungen Mahmoud verbringt, dokumentiert. Sie hält sein Gewehr, küsst ihn – und verlässt ihn ohne eine Träne zu vergießen. Die Aufnahmen zeigt sie anderen Müttern. Sie will ihnen Mut machen, auch ihre Söhne für den Kampf gegen Israel zu opfern.

Ohne Frauen wie Huda und ihre Mitstreiterinnen wäre die Hamas im Gazastreifen nur halb so stark. Denn die Frauen der Hamas ziehen den Nachwuchs für die Kämpfer heran. Schon Vierjährige singen fröhlich, sie wollen Befreiungskämpfer werden. Die Hamas ist Partei, Terrororganisation und soziales Netzwerk zugleich. Die Filmemacherin Suha Arraf, Palästinenserin mit israelischem Pass und erklärte Feministin, dokumentiert auf ruhige, zurückhaltende Weise, wie die Frauen in diesem Netzwerk agieren. Sie zeigt sie als Mütter, Lehrerinnen, in Kindergärten und sozialen Einrichtungen. Sie kümmern sich um Arme, helfen bei der Koran-Vermittlung und sprechen Flüchtlingen, die alles verloren haben, Mut zu. Sie sind aber auch als Demonstrantinnen zu sehen, die antiisraelische Parolen und Morddrohungen brüllen.

Gut 4000 Menschen leben im Gazastreifen auf einem Quadratkilometer, damit gehört Gaza zu den am dichtesten besiedelten Gebieten der Welt. Seit der Machtübernahme der Hamas 2007 ist das Palästinensergebiet nahezu vollständig durch Ägypten und Israel abgeriegelt – erst im Juni 2010 ist die Gaza­blockade gelockert worden. Vier von fünf Bewohnern leben statistisch unterhalb der Armutsgrenze. Regisseurin Arraf nennt Gaza ein überfülltes großes Gefängnis. Allerdings nicht im Film. Sie hält sich zurück, sie lässt Frauen und Bilder für sich sprechen, greift nur ein, um politische Vorgänge zeitlich einzuordnen. Das reicht völlig und macht die Dokumentation noch berührender, noch eindringlicher. Suha Arraf selbst ist Palästinenserin mit israelischem Pass. Ihr ist es gelungen, in die geschlossene Gesellschaft dieser Frauen hineinzukommen, ihren Alltag in einem kaputten Land zu begleiten. Zwei Jahre hat sie gefilmt, nach der israelischen Militäroffensive gegen die Hamas 2008/2009 durfte sie nicht mehr in den Gazastreifen einreisen, um ihre Dreharbeiten zu beenden. Das übernahm eine ihrer palästinensischen Mitarbeiterinnen, die Filmkassetten schmuggelte ein ausländischer Journalist erst später aus dem Gebiet.

Das Spannende an der Dokumentation ist es, zu sehen, wie sich Brüche auftun, Fassaden bröckeln. Sobald die Kamera eingeschaltet ist, achten die Frauen peinlich darauf, dass jedes Wort, was sie sagen, der Hamas-Doktrin entspricht. Doch Trauer und Verzweiflung lassen sich manchmal nicht wegreden. Das wird am deutlichsten bei Nimaa Gaber. Ihr ältester Sohn starb als Märtyrer. Sie kann nicht aufhören, um ihn zu trauern. Die tiefgläubige Frau vermisst ihn, sie weint vor der Kamera. „Warum bist du traurig. Sei glücklich. Lache. Ich wollte, ich wäre an deiner Stelle und hätte einen Sohn wie deinen. Manchmal hadere ich mit Gott, weil er mir diese Ehre nicht angedeihen lässt“, versucht eine Nachbarin sie zu trösten. Nimaa Gaber kann nicht lachen – sie ist Mutter eines toten Kindes. Hier bricht das Bild von den starken, kaltherzigen, religiös fanatischen Frauen. Für eine andere Perspektive sorgen auch die Interviews mit Lama al-Hourany, die als feministische Aktivistin in Gaza lebte und mit ihrer Familie nach Ramallah ins Westjordanland floh, als die Hamas die Macht übernahm. Auch sie ist eine palästinensische Frau, die Land und Gott liebt. Aber eben ganz anders.

Bei all der Armut, dem Leid, dem Fanatismus und dem Hass, den der Film zeigt, bleibt am Ende ein ungutes Gefühl. Wie soll ein scheinbar unlösbarer Konflikt zwischen Israel und Palästina jemals gelöst werden? Die Frauen der Hamas helfen jedenfalls nicht dabei.

„Soldatinnen Gottes“ | ARD
Dokumentation
Montag, 22.45 Uhr

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