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Meinung Groß denken – aber nur klein handeln?
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Kommentar der HAZ zu Windkraft-Inseln in der Nordsee von Tennet: Groß denken, klein handeln?

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21:11 09.07.2019
Klimaziele mithilfe von Windkraft erreichen? Ein internationales Konsortium hat Pläne in großem Stil. Quelle: Christian Charisius/dpa
Hannover

Das nennt man wohl eine Vision. Ein internationales Konsortium hat erste Pläne für riesige Energieinseln in der südlichen Nordsee vorgestellt, die der Energiewende bis zum Jahr 2050 einen kräftigen Push geben sollten. Das Konsortium unter Führung des niederländischen Netzbetreibers Tennet fordert das scheinbar Unmögliche: frühzeitige internationale Abstimmung der Nordseeanrainerstaaten, ja eine international koordinierte Planung im Sinne der Umwelt.

Interessenkonflikte drohen

In Zeiten, in denen es Europa noch nicht einmal gelingt, die Aufnahme von schiffbrüchigen Flüchtlingen irgendwie zu koordinieren, scheint die Forderung nach einem solchen gemeinsam vorangetriebenen Großprojekt von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Doch gibt es immerhin den Unterschied, dass die Interessen der Nordseeanrainerstaaten zumindest in dieser maritimen Frage nicht allzu weit auseinanderliegen dürften. Tennet verspricht wesentlich geringere Kosten durch die internationale Planung, bis zu 30 Prozent weniger. Aber drohen nicht neue Interessenkonflikte, wenn es um eine genauere „Identifizierung“ der Seegebiete für die künstlichen Inseln geht? Das „große“ Denken wird halt oft sehr klein, wenn es konkret werden muss. Der schier endlose Streit um jeden Tümpel, den die Kabel an Land kreuzen sollen, zeigt das mehr als deutlich.

Eine Vision ist besser als gar keine

Fest steht aber auch: Der massive Ausbau der Windkraft scheint nur noch auf See realistisch, an Land ist schon ziemlich viel verbaut und gibt es kaum noch neue Flächen. Zudem: Will man die Pariser Klimaziele auch nur annähernd erreichen, muss der Ausbau der Offshore-Windkraft forciert werden. Doch allen frommen Formeln der Klimapolitiker zum Trotz hat sich die Zahl der neu installierten Anlagen auf dem Meer im vergangenen Jahr verringert – um 23 Prozent. Dabei will die in Berlin aktuell noch regierende große Koalition bis 2030 etwa 65 Prozent der deutschen Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien gespeist sehen. Da liegt noch ein gutes Stück des Weges vor uns.

Aber immerhin: Eine Vision ist besser als gar keine, obwohl die Zahl von 15 000 neuen Windkraftanlagen, die in den kommenden 30 Jahren in der Nordsee gebaut werden sollen, fast unvorstellbar wirkt. Da soll es keine gravierenden Konflikte zwischen der Schifffahrt, dem Fischfang, dem Naturschutz geben? Die Verfasser der Studie sagen, die Probleme seien handelbar. Nur zu den Kosten sagen sie nichts und auch nichts dazu, wer als Investor auftreten könnte. Selbst für das von Tennet und Co. vorgeschlagene Pilotprojekt gibt es noch keinen möglichen Finanzier. Also doch eine jener Visionen, mit denen man nach einem alten Politikerspruch lieber einen Therapeuten aufsuchen sollte? Abwarten. Es bleibt spannend, wie die Politik auf diesen Appell aus der Energiebranche reagiert.

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Von Michael B. Berger

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