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00:19 15.04.2019
Pflicht oder nicht? Um die Masernimpfung für Kinder ist eine Diskussion entbrannt. Quelle: dpa
Hannover

Die Sache an sich ist ganz einfach: Die Annahme, eine Masernimpfung sei schädlich, ist falsch. Studien, auf die Impfgegner sich berufen, sind längst widerlegt. Es gibt keinen Zweifel: Es wäre für alle das Beste, wenn jeder sich gegen Masern impfen ließe. Jetzt geht es nur noch um das Wie.

Augenblick mal: Ist das wirklich so sicher? Wer sagt das? Und warum sollte der Staat Eltern vorschreiben können, was für ihre Kinder richtig und was falsch ist?

Man könnte sagen, die Debatte um eine Impfpflicht für Masern dürfte es im Jahr 2019 gar nicht mehr geben – weil es die Masern in Deutschland gar nicht mehr geben dürfte. Andererseits ist diese Debatte besonders typisch für das Jahr 2019. Denn sie rührt an eine grundsätzliche Frage: Was und wem glauben wir noch? Diese Frage liegt über dem Impfthema ebenso wie über dem Klimastreit oder jeder neuen Kriminalitätsstatistik. Es grassiert ein Grundmisstrauen gegenüber jenen, die für sich in Anspruch nehmen, unbestreitbare Fakten zu präsentieren: staatlichen Stellen, Wissenschaftlern – und natürlich den Medien, die sich dieser Instanzen gern als Quellen bedienen.

Ein Grund dafür mag sein, dass es nie so einfach war, unbequemen Wahrheiten kommodere entgegenzuhalten. Denn am Ende kann sich jeder die Wahrheit heraussuchen, die ihm am besten gefällt – im Internet wird sich schon jemand finden, der eine passende bereithält. Komplizierter wird es, wenn auch unter Experten nur schwer zu klären ist, was denn nun die Wahrheit ist. Oder wenn der Eindruck entsteht, Behörden, Wissenschaftler oder Medien würdigten bewusst nur jene Informationen, die ihnen in den Kram passen.

Nur: Auf welcher Basis können wir dann noch miteinander diskutieren? Und: Wie sollen wir in dem Durcheinander noch zu Entscheidungen kommen? Die große Schwierigkeit in einer Demokratie ist die Festlegung, welche Wahrheiten der Staat vorgibt, und wo er seinen Bürgern freie Hand lässt.

Niedersachsens Sozialministerin Carola Reimann sagt, eine Impfpflicht greife „stark in die Selbstbestimmung ein“. Das stimmt – wie bei jedem Gesetz. Gesetze greifen zum Beispiel dann, wenn Menschen im Zuge der eigenen Selbstbestimmung über andere mitbestimmen – etwa mit der individuellen Entscheidung, einen Stein von einer Autobahnbrücke zu werfen.

Der Staat muss in Sachen Impfpflicht also zweierlei bedenken: Erstens, ob eine individuelle Entscheidung gegen das Impfen auch andere berührt. Und zweitens, ob er die wissenschaftliche Datenbasis für tragfähig hält, den Menschen eine Vorschrift zu machen. Wenn er beides bejaht, und das sollte er, kann die Konsequenz nur eine Impfpflicht sein.

Von Felix Harbart

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