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Kommentar zu den Amazon-Streiks: Mehr als nur ein Ritual

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21:42 15.07.2019
Der Onlinehändler Amazon expandiert auch in Deutschland rasant. Mitarbeiter fordern aber bessere Arbeitsbedingungen. Quelle: Uli Deck/dpa
Hannover

Man könnte es als Ritual abtun. Vor Weihnachten, Black Friday oder Prime Day – die Verdi-Streikaufrufe bei Amazon begleiten uns verlässlich durchs Jahr. Allein schon deswegen entfalten sie nur sehr begrenzte Wirkung, denn das Unternehmen kann sich mit Aushilfskräften bestens darauf einstellen. Der Gewerkschaft ist das bewusst, aber mit Blick auf ihre begrenzte Durchschlagskraft bei dem Onlinehändler ist Verdi Aufmerksamkeit wichtiger als wirksame Blockade. So kann die Gewerkschaft ihre Taktik seit sechs Jahren durchhalten und ist dabei nicht völlig erfolglos. Immerhin bleiben die Arbeitsbedingungen auf der Agenda, und Amazon hat gelernt, das Thema ernst zu nehmen. Es geht weniger um den formalen Streitpunkt, ob Mitarbeiter in Amazons Verteilzen­tren nun nach dem Einzelhandels- oder dem Logistiktarif zu bezahlen sind – darüber kann man durchaus streiten.

Wichtiger ist, das europäische Verständnis von Mitbestimmung hochzuhalten, das gerade in amerikanischen Internetkonzernen verpönt ist. Doch speziell Deutschland fährt gut mit der Sozialpartnerschaft. Ohne sie wären viele Unternehmen nicht durch die Rezession 2009 gekommen, hätte danach nicht sofort ein zehnjähriger Aufschwung beginnen können. Inzwischen scheint man auch bei Amazon diesem Konzept etwas abgewinnen zu können. Der Fall Amazon ist sicher auch deshalb besonders schwierig, weil die Verdi-Leute zu den Sperrigen im Gewerkschaftslager gehören. Aber andersrum gedacht: Wenn gerade diese beiden Kontrahenten endlich eine Gesprächsebene finden würden, wäre für beide Seiten viel gewonnen. Amazon wäre als Arbeitgeber endgültig aus der Schmuddelecke heraus, und Verdi hätte in einer Wachstumsbranche den Fuß in der Tür.

Von Stefan Winter