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Meinung Missbrauch von Lügde: Dieser Fall erschüttert das Vertrauen in den Staat
Nachrichten Meinung Missbrauch von Lügde: Dieser Fall erschüttert das Vertrauen in den Staat
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00:18 24.03.2019
Auf einem Campingplatz im nordrhein-westfälischen Lügde sollen mehr als 30 Kinder jahrelang von drei Männern sexuell missbraucht worden sein. Quelle: Guido Kirchner/dpa
Hannover

Wie viel mehr muss denn ein Jugendamt über einen Mann erfahren, um einzuschreiten? Um ein Kind aus der Gewalt eines Pflegevaters zu befreien, der offenbar vor dem tausendfachen sexuellen Missbrauch selbst der ganz Kleinen nicht zurückschreckt – der seine Taten sogar filmt, um sie mit anderen Männern mit der gleichen abartigen sexuellen Vorliebe zu teilen? Und das unter den Augen gleich zweier Jugendämter?

Im Hamelner Jugendamt jedenfalls reichte offenbar nicht einmal das Wort pädophil aus, um den Mann aus dem Verkehr zu ziehen. Nach allem, was man weiß, stand dieses Wort, das Alarm hätte auslösen müssen, sogar schwarz auf weiß in den Akten. Drei Menschen hatten unabhängig voneinander Warnungen über den arbeitslosen Dauercamper in Lügde ins Kreishaus in Hameln geschickt. Dort aber schloss man den Aktendeckel und überließ ein Mädchen aus dem Landkreis ganz einfach seinem Schicksal jenseits der Landesgrenze – und viele andere Kinder auch.

Es ist beschämend

Das ist so beschämend, dass es das Vertrauen in den Staat und die Menschen, die für ihn stehen, erschüttern muss. Im Landtag in Hannover sprach man am Donnerstag vom schwersten Missbrauchsfall in der Geschichte des Landes, und das ist wahrscheinlich nicht übertrieben. Die entscheidende Frage ist immer noch nicht beantwortet: Wie konnte ein solcher Skandal nur passieren?

Waren die Mitarbeiter des Landkreises überfordert, waren sie überlastet – oder gar gleichgültig? Fest steht: Erst als es darum ging, das eigene Versagen zu verdecken, kam Betriebsamkeit im Amt auf. Aktenvermerke wurden hinzugefügt, wo es etwas zu beschönigen gab, Teile der Akte wurden gelöscht, wo nichts mehr beschönigt werden konnte. Behördenversagen gepaart mit einer erschreckenden kriminellen Energie.

Mehr zum Thema: Jugendamt hatte schon früh Hinweise auf Pädophilie

Der Landrat: Ein Getriebener

 Damit richtet sich der Blick ganz unweigerlich auf den Mann, der die Verantwortung am Ende trägt: Landrat Tjark Bartels. Einen Politiker, der mit dem nötigen Selbstvertrauen ausgestattet ist, sich für Höheres zu empfehlen, den sie in der SPD offenbar auch schon für höhere Aufgaben auserkoren hatten. Das dürfte sich vorerst erledigt haben. Denn das Versagen des Jugendamtes ist das eine – das Krisenmanagement des Landrates das andere. In zwei hilflosen Pressekonferenzen versuchte Bartels, Fehler in seinem Amt herunterzuspielen. Spätestens seit Mittwoch ist er ein Getriebener. Da konnte er schon nicht mehr anders, als die Presse ein drittes Mal zusammenzurufen. Denn da hatte die Staatsanwaltschaft aufgedeckt, was Bartels zuvor nicht gelungen war: dass seine Mitarbeiter nicht eingeschritten sind, als sie hätten einschreiten müssen. Und dass sie das auch noch vertuscht haben.

Die Landesregierung will nun dies und das in den Jugendämtern ändern. Bleibt nur zu hoffen, dass das reicht.

Mehr zum Thema:
Opfer-Anwalt von Lügde ist schockiert über Jugendamts-Akten

Von Karl Doeleke

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