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20:42 19.02.2019
Inklusion gut gemacht hilft behinderten wie nicht behinderten Kindern – schlecht gemacht schadet sie allen. Quelle: picture alliance/dpa
Hannover.

Die Inklusion Behinderter ins Bildungssystem ist ein Menschenrecht. Das stimmt, erstens, und ist, zweitens, gut so. Deshalb wahrscheinlich verweist die Landesregierung in der Diskussion um die Inklusion an niedersächsischen Schulen bei jeder Gelegenheit auf die UN-Behindertenrechtskonvention und versucht so, Kritik daran abzuwimmeln, wie die Inklusion im Land umgesetzt wird. Nämlich schlecht. Nur: Inklusion, wie sie in Niedersachsens Schulen derzeit gelebt wird, hat mit der UN-Konvention nicht viel zu tun. Um das zu erkennen, muss man nur Artikel 24, in dem es um Bildung geht, bis zum Ende lesen.

Zum Beispiel verlangt die Behindertenrechtskonvention, dass „angemessene Vorkehrungen für die Bedürfnisse des Einzelnen getroffen werden“. Und, dass „Menschen mit Behinderungen innerhalb des allgemeinen Bildungssystems die notwendige Unterstützung geleistet wird, um ihre wirksame Bildung zu ermöglichen“. Sogar von „wirksamen individuell angepassten Unterstützungsmaßnahmen“ ist die Rede.

All das geschieht in Niedersachsen nur an einigen wenigen privilegierten Schulen – überall dort nämlich, wo ausreichend Sonderpädagogen zur Unterstützung bereitstehen. Vielerorts aber erfahren behinderte Schüler an den Regelschulen eben nicht die Hilfe, die sie bräuchten, weil ihre Lehrer diese quasi nebenbei leisten müssen – und das ohne die notwendige Ausbildung. Zwei Wochenstunden pro Kind sind keine „wirksame individuell angepasste Unterstützungsmaßnahme“. Sie sind ein Feigenblatt.

Selbst viele kritische Lehrer meinen, die Inklusion könnte ein Erfolgsmodell sein – sofern in jeder entsprechenden Klasse jederzeit ein Sonderpädagoge bereitsteht. Aber woher soll man all die Sonderpädagogen nehmen? Und wer soll sie bezahlen? Das sind Fragen, mit denen sich die Landesregierung verständlicherweise schwertut.

Sie wird sich daher hinsetzen und die Umsetzung der Inklusion in Niedersachsen grundsätzlich neu diskutieren müssen. Zum Beispiel: Für den Zeitraum von 2013 bis 2022 hat das Land rund 1,9 Milliarden Euro für die Inklusion im Alltag eingeplant. Reicht das Geld für diese epochale Aufgabe auch nur im Mindesten aus? Oder anders: Muss denn tatsächlich jede Schule eine Inklusionsschule sein? Das niedersächsische Schulgesetz sieht es so vor – die Behindertenrechtskonvention aber eben nicht. Natürlich ist es wünschenswert, dass jedes Kind auf die Schule nebenan gehen kann, ob behindert oder nicht. Aber ist es auch realistisch? Oder würde es, zumindest für den Moment, helfen, Kompetenz zu bündeln?

Gut gelebte und richtig umgesetzte Inklusion hilft Studien zufolge allen – behinderten wie nicht behinderten Schülern. Schlechte Inklusion hilft niemandem.

Von Felix Harbart

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