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Meinung Alexander Dahl über die Y-Trasse
Nachrichten Meinung Alexander Dahl über die Y-Trasse
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22:10 29.07.2012
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Erst 1992 wurde die Entlastungsstrecke durch die Lüneburger Heide endlich in den Bundesverkehrswegeplan aufgenommen. 50 Jahre Planung indes haben bisher nichts gebracht: Die Strecke existiert weiterhin nur auf dem Papier. Von Isernhagen in der Region Hannover ausgehend soll sich die Strecke bei Visselhövede Richtung Bremen und Hamburg verzweigen. Auf dem Plan sieht sie aus wie ein Y, daher ist sie als Y-Trasse bekannt. Man kann beklagen, wie lange es in Deutschland dauert, bis beim Bau von Schienenwegen etwas vorangeht.  Für die Y-Trasse aber bietet der Zeitfaktor auch eine Chance: Man weiß inzwischen, dass auch durchaus vernünftige Verkehrsgroßprojekte vom Scheitern bedroht sind, wenn die Bürger in die Planung nicht einbezogen sind. 

Wirklich pünktlich?

Die neue Strecke ist in der Heide heftig umstritten, dabei steht ihre Notwendigkeit außer Frage. Denn die Überlastung der alten Trassen hat seit 1962 noch deutlich zugenommen. Erst am Donnerstag meldete die Bahn einen Fahrgast- und Umsatzrekord; auch die Pünktlichkeit soll einen Spitzenwert erreicht haben.

Zwischen Hamburg und Hannover sowie Hannover und Bremen ist die gefühlte Realität oft eine andere. „Die Weiterfahrt des Zuges verzögert sich“, tönt es immer wieder aus den Lautsprechern der Züge. Und der Grund dafür ist allzu oft die Überlastung der Strecke. Viele Bereiche zwischen den Hansestädten und Hannover haben bereits eine Auslastung von weit mehr als 120 Prozent – Tendenz steigend. Hinzu kommen neue Belastungen des Güterverkehrs. Am Freitag wurde der Bahnbetrieb für den neuen Tiefwasserhafen Wilhelmshaven genehmigt; rund 600 000 Überseecontainer sollen in Zukunft auf der Schiene abtransportiert werden. Die Nachtstunden, auf die die Güterzüge bisher ausweichen, werden dafür nicht mehr reichen.

Gegner der Y-Trasse wenden ein, dass der Ausbau bestehender Hauptstrecken auf Drei- oder Viergleisigkeit günstiger ist. Auf dem Papier mag sich das vielleicht so rechnen. Doch in der Wirklichkeit ist dafür oft kein Platz, führen die etwa 160 Jahre alten Bahndämme doch vielerorts durch dicht bebautes Gebiet. Dass auch der Lärmschutz für die Anwohner an solchen vierspurigen Schnellstrecken schwierig wird, kommt noch hinzu. Andere Kritiker fordern einen Ausbau der alten eingleisigen Heidestrecken von Uelzen über Visselhövede nach Bremen und Buchholz (Nordheide) über Walsrode nach Hannover.

Die grundsätzliche Einigung, dass die Bahn mehr Gleise benötigt, um den Verkehr der Zukunft zu bewältigen, existiert also bereits. Was bisher fehlte, war der offene Dialog zwischen Bahn und Bürger über das richtige Konzept.

Der Lohn der Diplomatie

Allzu lange hat der Verkehrskonzern versucht, Planungen von oben herab zu verwirklichen. Die Börsenbahn des früheren Chefs Hartmut Mehdorn setzte einseitig auf Rendite. Im ICE-Tempo sollte die Bahn aufs Aktienparkett fahren. Spektakuläre Pannen im Fernverkehr, eine bis heute nur eingeschränkt betriebsfähige Berliner S-Bahn und schwere Konflikte um den Stuttgarter Bahnhof „Stuttgart 21“ waren Konsequenzen einer Geschäftspolitik, die den Bürger mit seiner Sicht der Dinge oft nur als Störfaktor für Bilanzen und Strategien betrachtete.

Mehdorn-Nachfolger Rüdiger Grube hat die Weiche umgelegt. Eine andere Bahn wolle man sein, hat er verkündet. Das gilt nicht nur in Stuttgart, sondern jetzt auch in der Heide. Grube sucht das Gespräch vor Ort – und die Bürger hören ganz neue Einsichten. Y oder nichts, das gebe es nicht mehr, bekennt Grube. „Völlig ergebnisoffen“ wolle man reden, sagt er und sichert zu, die Ausbauwünsche der Bahn zu einer „Lehrbuchveranstaltung für Bürgerbeteiligung“ zu machen. Der Lohn seiner Diplomatie: Der Bahnchef hat in der Region alte Verkantungen gelockert. Welche Gleistrassen gebaut werden könnten, will er mit Kommunen und Bürgerinitiativen bereits bis Anfang 2013 verhandeln und dann in einer Machbarkeitsstudie darlegen. Tempo und Bürgernähe – sollte Grube das gelingen, hätte er wirklich eine andere Bahn geschaffen.