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Meinung Die Droge
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00:15 02.08.2013
Von Reinhard Urschel

Eine der gefährlichsten Drogen kann man nicht einnehmen. Sie ist tückisch, weil sie schnell süchtig macht. Es ist die Droge der eigenen Wichtigkeit. Manche Menschen tragen den Suchtstoff hoch dosiert in sich. Dabei liegt man nicht falsch mit der Vermutung, dass Politiker und Wirtschaftsbosse besonders zahlreich befallen sind. Schwäche, geistige wie körperliche, kommt nicht vor in diesem Zustand – weil sie nicht vorkommen darf. Krankheit gar, ist vollkommen tabu.

Der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger hat einmal gesagt: „Der Eintritt in die Politik ist der Abschied vom Leben, der Kuss des Todes.“ Entkleidet man das Dichterwort vom Pathos, dann bleibt das übrig, was der brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck als Grund für seinen Rücktritt genannt hat: In diesem Amt muss man mindestens achtzig Stunden die Woche arbeiten, mit sechzig oder gar vierzig Stunden ist es nicht getan. Wer aber gesundheitliche Vorschäden habe, solle sich überlegen, ob der nächste Herzinfarkt, der nächste Schlaganfall nicht tödlich sein könnte, lautete Platzecks Rat. Den „Kuss des Todes“ will der Mann, der noch nicht sechzig Jahre alt ist, vermeiden.

Wer im Haifischbecken lebt, ...

Dass Politiker sich vor ihre Wähler stellen und sagen „Ich kann nicht mehr“, darf man ungewöhnlich nennen. Viele gibt es nicht, die das tun. Mindestens zweimal war Helmut Schmidt in seiner Zeit als Bundeskanzler bei Herzattacken näher am Tod als am Leben. Dass er ein so hohes Alter erreicht hat, verdankt er nach eigenem Bekunden dem technischen Fortschritt bei Herzschrittmachern. Wenn sein Vorgänger Willy Brandt sich ausgebrannt fühlte und drei Wochen lang das Bett nicht verließ, dann wurde das jeweils mit einer fiebrigen Erkältung entschuldigt. Später hat man das psychische Leiden mit dem Scherz verbrämt, Kanzleramtsminister Horst Ehmke habe ihn mit den Worten „Willy aufstehen, regieren“ wieder auf die Beine gebracht. Brandt selbst schrieb nach seinem Rücktritt 1974: „In Wirklichkeit war ich kaputt.“ Wenn schon körperliche Leiden ein Tabu sind, dann gilt das – nicht nur in der Politik – noch viel mehr für psychische Schäden.

Dabei ist es wohl nicht allein die blanke Angst, vor einer breiten Öffentlichkeit als Schwächling dazustehen, die die Politiker zum Durchbeißen verleitet. Es ist auch die ganz konkrete Furcht vor dem Verlust der Macht. Wer sich dessen bewusst ist, dass er in einem Haifischbecken lebt, kann es sich nicht leisten zu bluten. Helmut Kohl erlebte das hautnah auf dem Bremer Parteitag 1989, als ihn eine Gruppe von Parteiputschisten ablösen wollte. Trotz starker Prostata-Schmerzen hielt er durch, nahe einer Ohnmacht, aber er schmetterte den Angriff auf die Macht ab.
Den heutigen bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer brachte ein entzündeter Herzmuskel beinahe um, der Linken-Fraktionschef Gregor Gysi kehrte ziemlich bald nach einer schwierigen Operation am Gehirn zurück ins politische Geschirr. Oskar Lafontaine nahm sich nur wenig Zeit für die Operation seines Prostata-Krebses. Der rheinische Bundestagsabgeordnete Wolfgang Bosbach sagt zwar offen, dass sein Herz geschädigt und sein Krebs unheilbar ist, aber er sagt auch, dass er für den Rest seines Lebens ohne die Politik nicht sein mag. Sie sei sein Antrieb. Peter Struck, der sich als Verteidigungsminister und als SPD-Fraktionsvorsitzender aufgerieben hat und im Ruhestand früh verstorben ist, hat einen Schlaganfall zu verheimlichen versucht, über zwei vorherige Herzinfarkte so gut wie nie gesprochen. Sein Image als geachtetes Raubein schien ihm gefährdet.

... darf nicht bluten

Wer freilich allein den Höhenrausch im Gehirn und die Angst vor dem Absturz  für das ignorante Verhalten der Spitzenpolitiker verantwortlich macht, macht es sich zu einfach. Man darf nicht übersehen, dass die Politiker nicht eine vergleichbar schäbige Meinung über ihre Arbeit haben wie ein großer Teil der Bevölkerung. Wer bereit ist, politische Verantwortung zu übernehmen, sieht darin einen Dienst an der Gesellschaft. Das ist der Wahrheit auch näher. Und den wirft man eben nicht einfach hin. Wer mag schon über Menschen richten, die der Natur trotzen wollen und für die „Zähne zusammenbeißen“ ein probates Mittel zu sein scheint, eine Krankheit zu besiegen.
Womöglich aber gibt es auch Anzeichen für ein Umdenken. Platzeck hat auf einer vergleichsweise kleinen Bühne seine Schwäche eingestanden. Vor einiger Zeit hat auf der Weltbühne immerhin ein Papst erklärt, er habe keine Kraft mehr.

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