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Meinung Kleiner und klarer
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20:51 03.09.2013
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Auf dem ARD-Spartensender „Einsfestival“ lief am Montagabend der Klassiker „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“. Wer frische Unterhaltung auf gleich hohem Niveau wünschte, musste einfach nur umschalten: Im Ersten testeten drei Männer die Belastbarkeit ihrer eigenen Nerven und die der Zuschauer.

Rainer Brüderle, Jürgen Trittin und Gregor Gysi haben eine Stunde lang ihren Beitrag zum TV-Wahlkampf geliefert. Laut war es, bisweilen schrill und vor allem immer emotional. Schon deshalb war es der perfekte Kontrast zum Aufeinandertreffen von Angela Merkel und Peer Steinbrück am Abend zuvor. Ganz Deutschland konnte und sollte sehen: Es gibt noch Politik jenseits der Kuschelecke.

Die Kleinen kritisieren die Großen ...

Niemand wird auf die Idee kommen, hier von jungen Wilden zu reden. Trittin ist 59, Gysi 65 und Brüderle 68 Jahre alt. Dass die Herren nicht altersweise und abwartend, sondern angriffslustig und sogar übermütig daherkommen, hat viel mit dem Antrieb für diesen Abend zu tun. Der bisherige Wahlkampf konnte die Spitzen von Grünen, Liberalen und Linken zur Verzweiflung bringen: Alle reden über Merkel und Steinbrück. Und darüber, wie die beiden großen Parteien nach der Wahl die Posten verteilen. Eins eint Grüne und FDP: Die Große Koalition schwebt als Schreckgespenst über jeder ihrer Wahlveranstaltungen.

Böse Geister verjagt man am besten mit Krach. Die kleinen Parteien haben es viel leichter mit der Zuspitzung als die Kandidaten von SPD und CDU. Anders als die Volksparteien müssen Liberale, Grüne und Linke nicht auf alle Wähler Rücksicht nehmen. Sie gewinnen vielmehr gerade damit Kontur, dass sie auch die Interessen einzelner Gruppen vertreten: Die Kleineren sind die Klareren.
FDP und Grüne fahren – auf unterschiedlichem Niveau – im Prinzip nicht schlecht damit. Vor einem Jahr noch waren die Liberalen praktisch totgesagt. Nach dem Sensationsergebnis bei der Niedersachsen-Wahl im Januar rechnet jetzt kaum jemand ernsthaft damit, dass die FDP bei der Bundestagswahl an der Fünf-Prozent-Hürde scheitert. Parteichef Philipp Rösler weiß seine Leute hinter sich, soweit man sich bei den Liberalen da sicher sein kann. Öffentliche Attacken gegen den Parteichef gab es in den vergangenen Monaten nicht. Seine Widersacher sind ruhig, das Verhältnis zu Rainer Brüderle scheint geklärt zu sein. Fehlt eigentlich nur noch ein echtes Thema für die Liberalen. Ihre momentane Stärke haben sie vor allem ihren grünen Erzfeinden zu verdanken. Die FDP kann sich als schärfste Waffe gegen die Steuererhöhungspläne der Grünen präsentieren. Wer hätte gedacht, dass Brüderle und Co. noch einmal mit einem Steuerthema glänzen könnten?
Die Grünen wiederum haben es nicht zuletzt mit ihren Steuerbeschlüssen selbst zu verantworten, dass die Träume von einem Ergebnis jenseits der 15 Prozent im Bund ausgeträumt sind. Aber: Waren die Zahlen, die da durch die Umfragen schwirrten, wirklich realistisch? Die Grünen sind auf dem Zenit angekommen. Sie stellen den Ministerpräsidenten in einem Bundesland, in anderen großen Ländern regieren sie mit. Im Bund sind sie unangefochten die dritte Kraft. Aber was ist, wenn all diese Kraft sich jetzt nicht in Macht niederschlägt?

... und bleiben doch von ihnen abhängig

Die Sorge vor der großen Leere teilen die Spitzen-Grünen mit den Strategen der anderen kleinen Parteien. Die Machtoptionen sind nach dem TV-Dreikampf weiter geschrumpft. Rot-Rot-Grün? Undenkbar. Eine Ampel aus SPD, FDP und  Grünen? Nicht vorstellbar. Für Schwarz-Grün fehlt sowohl aufseiten der Kanzlerin als auch aufseiten der Grünen bis auf Weiteres der Mut zum Risiko. Bleiben die bekannten Farbkonstellationen Schwarz-Gelb und Rot-Grün – und die bekannten Abhängigkeiten von Volksparteien, deren Beliebigkeit man gerade heftig kritisiert.

Dass der Wahlkampf nach den TV-Duellen langsam in Schwung kommt, ist für die Kleinen denn auch nicht nur eine gute Nachricht. Was ist, wenn Peer Steinbrück doch noch aufholt? Die FDP wird bis zur letzten Minute um Schwarz-Gelb bangen müssen. Die Grünen sehen ihre Felle davonschwimmen, wenn Steinbrück ausgerechnet ihnen noch Stimmen abjagt.
Und wenn am Ende doch alles auf den GAU für die Kleinen, die Große Koalition, zusteuert? Für die große Mehrheit der Wähler ist das gar keine Katastrophe. In Umfragen nennen die Deutschen das Bündnis der Großen als ihre liebste Koalition. Für FDP und Grüne aber gibt es bislang keine Notfallpläne.

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