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20:31 13.03.2014
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Irgendwann, als Uli Hoeneß in einem langen Zeitungsinterview seine Seelenlage offenlegte, ging sein meist still zuhörender Sohn Florian dazwischen. Man müsse doch unterscheiden können zwischen „dem Steuersünder Hoeneß“ und „dem Menschen“. Man könne doch nicht alles, was er in seinem Leben geschaffen habe, „auslöschen“. Man kann die Verzweiflung des Sohnes verstehen. Aber gottlob wird vor deutschen Gerichten niemand ausgelöscht. Im Fall Hoeneß ist schlicht ein Mann verurteilt worden, der den Staat um die rekordverdächtige Summe von 27,4 Millionen Euro betrogen hat.

Nun muss er ins Gefängnis, wenn nicht der Bundesgerichtshof das Urteil aufhebt und den Fall neu aufrollt. Aber hätte der Richter denn wirklich anders handeln können, als diesen geständigen Steuerstraftäter zu verurteilen? Der Tennismanager und -trainer Peter Graf musste schon wegen weit geringerer hinterzogener Summen eine ähnlich hohe Haftstrafe antreten.

Opfer einer Selbsttäuschung

Mit drei Jahren und sechs Monaten Haft ist der Steuerbetrüger Hoeneß noch vergleichsweise „gut“ davongekommen. Eine geringere Strafe und ein Aussetzen der Strafe zur Bewährung hätte eine verheerende Wirkung auf die allgemeine, brav Steuern zahlende Öffentlichkeit gehabt. Denn Steuerhinterziehung wird in der Regel nicht als Verbrechen wahrgenommen, mancherorts gilt der „Steuersünder“ als gar nicht so schlechter Mensch. Hoeneß selbst ist Opfer dieser weitverbreiteten Ansicht geworden. Bis zum Tage seiner Verhaftung sagte er den Reportern, habe er lediglich gedacht, nur ein steuerrechtliches Problem zu haben, aber doch kein strafrechtliches. Deshalb habe er als Privatmensch bis dahin nie einen Anwalt gehabt: „Ich war mir todsicher, dass ich das irgendwie hinkriege.“

Er hat sich getäuscht. Und das Drama des Menschen Hoeneß, der zu den effizientesten Fußballmanagern der Republik zählt, ist diese grandiose Selbsttäuschung, alles irgendwie hinzukriegen. Mit Macht, mit Fleiß, mit Intelligenz, mit Grobheit, mit Charisma. Hoeneß hat unheimlich viel hingekriegt. Unter seiner sportlichen Leitung stiegen die Bayern zum Weltklasseverein auf. Titelgewinne ohne Ende, die Errichtung der Allianz- Arena, ein ausgeklügeltes System der Vermarktung – Hoeneß war stets seiner Zeit ein bisschen voraus, lief allen davon wie zu seinen Zeiten als aktiver Fußballer.

Eine Zeit lang schien es sogar so, dass er, der gern gesehene Talkshowgast, zu einer Art moralischen Instanz der Republik aufsteigen könnte. Hätte man ihn als Bundespräsidentenkandidaten aufgestellt, hätte womöglich selbst ein Joachim Gauck keine Chance gehabt – in den Augen des Massenpublikums, das einen wie „den Uli“ liebte, weil er so daherredete, als sei er „einer von uns“ geblieben. So reich, so erfolgreich – und dennoch das Herz auf dem rechten Fleck.

Nicht nur „Spielgeld“

Das war natürlich, wie man jetzt weiß, völlig falsch und Ergebnis einer Massenprojektion. Denn normale Menschen können sich von Freunden keine Millionen leihen, um sie wie „Spielgeld“ für Börsenspekulationen zu verwenden. Normale Menschen können sich nicht bei der Kanzlerin erkundigen, wie weit man denn bei dem geplanten Steuerabkommen mit der Schweiz gekommen sei.

Die bange Frage bleibt indes, ob der „Wahnsinn“, als den Hoeneß seine Zockerei bezeichnete, und der immense Erfolg nicht irgendwie zusammengehören. Ob Manager, die bei Spielertransfers wie im Traum mit Millionen jonglieren, auf Feldern schnell die Übersicht verlieren, auf denen kein Ball rollt. Hoeneß ist nicht der Erste, der glaubte, ihm, dem Supertypen, könne man nichts anhaben, er werde es irgendwie schaffen. So wie Hoeneß über seine missglückte Selbstanzeige stolperte, die viel zu viele Fragen aufwarf, stürzte einst der designierte Nationaltrainer Christoph Daum ausgerechnet über jene Haarprobe, mit der er seine angebliche Unschuld beweisen wollte. Anlass lieferte auch ein Streit mit Hoeneß, der sich über den „verschnupften Daum“ erregt hatte.

Ob die Besessenheit, mit der Hoeneß seinen Bayernclub so perfektionierte, dass sich das Spielglück wie von selbst einstellte, seine dunkle Seite in der Zockerei entfaltete? Vermutlich hat ihm der Erfolg vollends die Sicht verstellt, sodass er sich zum Staatsbetrüger entwickelte. Hoeneß handelte ohne Rücksicht auf Verluste. Vermutlich sucht der alltägliche Wahnsinn in den Hochleistungszonen dieser Gesellschaft kleine Fluchten. Umso nötiger, dass das Recht auch krankhaften Exzessen klare Grenzen setzt.

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