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20:23 04.08.2013
Von Jörg Kallmeyer
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 Was macht eigentlich Samuel Koch? Der junge Mann ist im Dezember 2010 vor den Augen von ganz TV-Deutschland zum Behinderten geworden – sein Sturz bei „Wetten, dass ...?“ löste Entsetzen aus. Seitdem teilt Samuel Koch die Erfahrung der meisten Menschen mit Handicaps: Es mangelt Behinderten in Deutschland nicht an Mitleid oder Unterstützung, wohl aber an Normalität. Nur weil Samuel Koch einen besonders starken Willen hat, kann er seinen eingeschlagenen Lebensweg fortsetzen. Er studiert an der Hochschule für Musik, Theater und Schauspiel in Hannover – die Uni entwickelte einen eigenen Lehrplan für Behinderte. Vorher gab es so etwas natürlich nicht. Natürlich?

Anders als andere Nationen setzt Deutschland im Umgang mit Behinderten auf Betreuung und Förderung in besonderen Einrichtungen. Diese sind oft vorbildlich, auf der Strecke aber bleiben die Begegnungen von behinderten und nicht behinderten Menschen. Entsprechend groß sind die Berührungsängste.

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Das Versprechen heißt Inklusion

Jetzt aber soll umgesteuert werden, und auch das geschieht in Deutschland mit einer besonderen Gründlichkeit: Inklusion heißt das Stichwort, mit dem auf Anhieb niemand etwas anfangen kann, das im Kern aber Schluss macht mit unseren Vorstellungen von Normalität: Alle Menschen, egal ob behindert oder nicht, sollen zusammen lernen und leben. Und diese Botschaft kommt nicht erst mit einer Werbekampagne daher, sondern gleich in einem Gesetz: Vom neuen Schuljahr an können Eltern ihre behinderten Kinder auch auf Regelschulen schicken.

HAZ-Themenwoche

Diese Woche dreht sich in der HAZ alles um ein Zukunftsthema: die Kinder – und ihre Eltern. Wie gut sind die neuen Kita-Angebote, wer nimmt das Betreuungsgeld in Anspruch? Und: Gelingt der Start ins neue Schuljahr? Antworten gibt die HAZ-Themenwoche „Kinder, Kinder“ – in der gedruckten HAZ, auf HAZ.de, den Tablet-Apps HAZ sonntag und HAZ 24.

Der Rechtsanspruch auf einen Platz in der Regelschule wird große Folgen haben. Es geht nicht mehr nur darum, hier und da einige Kinder mit Handicaps in eine Integrationsklasse aufzunehmen. Es geht um die Veränderung der Schule an sich. In den fünften Klassen der Gymnasien werden jetzt zum Beispiel Kinder dabei sein, die nach Stand der Dinge niemals Abitur machen werden.

Am Ziel gibt es keine Zweifel: Wie schön wäre doch eine Schule, in die alle Kinder gehen können – egal, ob lernschwach oder hochbegabt, behindert oder nicht behindert. In der Praxis aber gibt es große Bedenken: Wie soll Inklusion ausgerechnet in einem Schulsystem gelingen, das schon im Normalbetrieb in erster Linie darauf ausgerichtet ist, Kinder nach Leistung zu sortieren und zu trennen? In internationalen Vergleichen wird Deutschland immer wieder vorgehalten, dass es nicht gelingt, soziale Unterschiede im Klassenzimmer auszugleichen. Wie will man da praktisch im Handstreich den Unterschied zwischen behindert und nicht behindert überwinden?

Die Sorge vor der Überforderung

Offen klagen Lehrer kaum über ihre neue Aufgabe. Wer will schon im Verdacht stehen, etwas gegen behinderte Kinder oder deren Eltern zu sagen? Hinter geschlossenen Türen gibt es in den Lehrerzimmern gleichwohl ein großes Aufstöhnen: Muss schon wieder eine Veränderungswelle auf die Schulen zurollen? Hatte man nicht gerade Hoffnung geschöpft, dass einmal Pause ist mit Reformen und neuen Ideen?

Aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre hegen die Lehrer einen berechtigten Verdacht: Mit der Inklusion setzt die Politik eine Vorgabe der UN-Menschrechtskonvention in die Praxis um, am Ende aber könnten die Schulen mit den alltäglichen Problemen allein dastehen. Nicht nur die baulichen Voraussetzungen bereiten Kopfzerbrechen. Ist man wirklich in der Lage, Kindern im Rollstuhl den Weg in jedes Klassenzimmer frei zu machen? Vor einigen Jahren hat der Bund viele Millionen in den Bau von Schulmensen gesteckt, von einem ähnlichen Programm für die Inklusion ist nichts zu hören.

Noch größer sind die Herausforderungen, vor denen die Lehrer stehen. Sie sind Schülergruppen gewohnt, die auf einem annähernd gleichen Leistungsstand sind. Wie aber unterrichtet man in Klassen, in denen manche Kinder Romane verschlingen, andere aber gar nicht lesen können? Für die Schulen steckt in einem Unterricht, der auf die Unterschiedlichkeit von Schülern ausgerichtet ist, eine große Chance. Mit ein paar Informationsstunden für die Lehrer aber ist es nicht getan, das gesamte System der Fortbildung muss auf neue Füße gestellt werden.

Inklusion gelingt nicht über Nacht. Auch die Eltern von behinderten Kindern brauchen Zeit. Manche von ihnen zweifeln daran, dass ihre Kinder in herkömmlichen Schulen zurechtkommen. Die Politik sollte sich daher davor hüten, voreilig das bestehende System von Förderschulen ganz abzuschaffen.

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