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Meinung Im Doping vereint
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00:15 08.08.2013
Von Reinhard Urschel
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Unter den älteren Mitbürgern gibt es viele, die die Aufstellung der deutschen Fußball-Weltmeister-Mannschaft von 1974 aus dem Gedächtnis fehlerfrei aufsagen können, von Sepp Maier im Tor bis zum Sturm mit Grabowski, Müller und Hölzenbein. Mit den Medaillenspiegeln bei Olympischen Spielen verhält es sich schon ein wenig anders, da ist das Detailwissen bereits etwas verblasst. Eines aber ist tief eingegraben in der Erinnerung: Bei den Spielen der späten sechziger, der siebziger und achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als deutsche Olympioniken getrennt nach Ost und West um den Lorbeer wetteiferten, hatten aus westlicher Sicht allzu oft die sogenannten Staatsamateure aus dem sozialistischen Lager die Nase, die Brust oder die Fingerspitzen vorn.

Jeder im Westen glaubte zu wissen, dass die Sportkameraden aus dem Osten des Landes allerlei chemische Hilfsmittel zur Verfügung hatten, um wenigstens im Sport den Wettlauf der Systeme zu gewinnen – wo sie doch wirtschaftlich so trostlos hinterherhinkten hinter dem Westen. Wer sich um ehrliches Erinnern bemüht, wird diese Denk- und Redeweise noch im Gedächtnis haben. Beim Lauf der Damen 1972 etwa blickten die Westdeutschen daumendrückend auf die elegante Heide Rosendahl (West). Und rümpften die Nase angesichts des Muskelpakets Renate Stecher (Ost).

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„Die sollen schwimmen, nicht singen“

Jetzt, da die damaligen Dopingmethoden im Westen neu beleuchtet werden,  ereignet sich in umgekehrter Weise ein Rückfall in Klischees des Kalten Krieges. Guck an, tönt es jetzt aus Medien, von den Sportfunktionären und selbst von Politikern aus den östlichen Bundesländern: Wir haben es ja immer gewusst, „der Westen“ hat auch gedopt.

Chauvinismus und Sport gehen häufig eine enge Verbindung ein. Dass dieses „wir“ und „ihr“ beinahe ein Vierteljahrhundert nach der Wiederherstellung der deutschen Einheit so unverblümt wieder aufbricht, befremdet aber doch. Unter „uns“ gesamtdeutschen Sportbegeisterten müsste es doch, wenn schon, dann längst einen gesamtdeutschen Chauvinismus geben, oder?

Nun wird aber eine schon leicht angejahrte Studie der Berliner Humboldt-Universität (Achtung: Ost!) über mutmaßlich staatlicherseits gefördertes Doping in der „alten Bundesrepublik“ gelesen wie eine Anklageschrift gegen das System West. Die Sportfunktionäre im Westen haben demnach ähnlich intensiv auf dem Markt der leistungsfördernden Mittel forschen lassen wie die Polit-Funktionäre im Osten. Auch in der Bonner Republik ist die politische Führung offenbar nicht vor der klammheimlichen Aufforderung an die Sportmediziner zurückgeschreckt, sich ja nicht von der anderen Seite abhängen zu lassen.

Wenn das so war, woran es kaum noch vernünftige Zweifel geben kann, dann entbehrt das nicht einer gewissen Pikanterie. Angesichts des Bartflaums von Kugelstoßerinnen und Baritonstimmen pubertierender Schwimmerinnen aus Berlin, der „Hauptstadt der DDR“, haben die Sportfunktionäre im Westen süffisant darauf hingewiesen, dass es eben schwer sei, gegen menschliche Chemiekeulen zu gewinnen. Die prompte Antwort aus dem Osten, die Mädchen sollten „schwimmen, nicht singen“, war ja dann freilich an Zynismus kaum zu überbieten.

Zum Doping bedarf es keiner Diktatur

Es genügt nicht, jetzt eine Art Ausgleichstreffer im deutsch-deutschen Klassenkampf festzustellen. Natürlich sind in der Tat auch Sportler im Westen der Republik gedopt gewesen. Und es ist mehr als wahrscheinlich, dass die für den Sport zuständigen staatlichen Stellen im Bonner Innenministerium wussten, an welche dubiosen Mediziner in Freiburg und Köln die Fördergelder flossen.

Die Frage, die Historiker und Gesellschaftswissenschaftler noch gemeinsam beantworten müssen, ist diese: Wenn es im Osten staatlicher Druck gewesen ist, der die Sportler zum Doping zwang, was war es dann im Westen? Gab es geheime Verabredungen in einem Dreieck aus Politik, Sport und Wissenschaft? Oder ging es vor allem um privatwirtschaftlichen Druck, um Hilfe beim Geldverdienen für die Athleten und die werbetreibende Wirtschaft? Wer diese Fragen ernst nimmt, stößt womöglich auf Dinge, die nicht nur von historischem Interesse sind, sondern auch von aktueller Bedeutung. Zum Druck in Richtung Doping jedenfalls bedarf es offenkundig keiner Diktatur. Die eigentlich viel drängendere Frage bleibt, weshalb auch heute noch immer gedopt wird – ganz ohne deutsche Teilung, Kalten Krieg und den Wettkampf von Ideologien.

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